von Alex Bänninger, 21.07.2014
Kultur als Miniatur

Alex Bänninger
Seit dem 7. Juli erscheint die "Thurgauer Zeitung" aus Spargründen neu gegliedert und mit weniger Umfang. Ich habe die Kulturberichterstattung in den sechs Ausgaben vom 14. bis 19. Juli unter die Lupe genommen und den Befund in sieben Feststellungen zusammengefasst. Das Resultat in einem Wort und milde: unerfreulich.
Zu den wesentlichen Änderungen gehören Personal- und Budgetreduktionen sowie die Preisgabe der Seite "Regionalkultur". Was sich kulturell im Thurgau ereignet, wird vorab, aber nicht ausschliesslich auf der Seite "Ostschweizer Kultur" behandelt.
Platzverlust, Verwirrung und Gleichgültigkeit
Die neue Seite befasst sich mit dem Kulturellen in einem von Schaffhausen über das Nordufer des Bodensees bis ins Bündnerland reichenden Raum. Er ist flächenmässig um das Elffache und bevölkerungsmässig um das Fünffache grösser als der Thurgau. Daraus ergibt sich als erste Feststellung unschwer, dass sich die Kultur in unserem Kanton mit deutlich weniger Zeitungsplatz begnügen muss.
Kulturelle Berichte sind quer durchs Blatt verstreut. Wir finden sie auf den Seiten "Thurgau & Ostschweiz", "Focus", "Ostschweizer Kultur", "Thurgau lokal", "Schauplatz" und "Nachbarschaft". Die Kriterien für die Zuordnung bleiben den Leserinnen und Lesern rätselhaft. Zweite Feststellung: Es herrscht Unübersichtlichkeit bis zur Verwirrung.
Die Seite "Ostschweizer Kultur" befasst sich auch mit Veranstaltungen in Konstanz und in der nahen deutschen und österreichischen Bodensee-Region. Das ist sachlich vertretbar, passt jedoch nicht zur Seitenbezeichnung. Sie missachtet zudem den Unterschied zwischen "Ostschweizer Kultur" und "Kultur in der Ostschweiz", zwischen der ostschweizerisch wesenhaften und der in der Ostschweiz stattfindenden Kultur. Wir müssen also drittens feststellen, dass wichtige Details nicht gepflegt werden.
Mehrwert, Verlässlichkeit und Sorgfalt?
Die Redaktionen sichten die Veranstaltungskalender und die kulturellen Meldungen aus aller Welt und entscheiden, was von wem wann und wo in welchem Umfang bearbeitet wird. Das ist alltägliche Routine. Mal wird die Spreu besser vom Weizen getrennt, mal schlechter. Das gilt für jede Zeitung. Manche Redaktionen entwickeln darüber hinaus einen Scharfsinn für Themen hinter den Themen, für überraschende Zusammenhänge und für verheissungsvolle Spuren, denen nachzugehen sich lohnt. Bei der "Thurgauer Zeitung" als Kopfblatt des "Tagblatts" ist viertens festzustellen, dass es an der Lust oder an der Fähigkeit mangelt, sich für spannenden Mehrwert anzustrengen.
Kinos, Theater, Verlage, Konzertagenturen, Museen beliefern die Redaktionen mit Hinweisen, die der satten Eigenwerbung sehr oft näher sind als der sachlichen Information. Die Zeit fehlt, um kritisch nachzufragen. Darum geraten Superlative immer wieder wuchtig ins Blatt. Wenn schon, dann wären die Quellen zu nennen. Sätze wie "Die Inszenierung ist witzig und frech" oder "Es handelt sich um eine aussergewöhnliche Sammlung" kämen ins rechte Lot mit der korrekten Ergänzung "Laut Programmheft" oder "Wie einer Mitteilung des Museums zu entnehmen ist". Fünfte Feststellung: In den Kurzmeldungen hapert es mit den Quellenangaben, weshalb die Leserschaft nicht weiss, ob ihr ein X für ein U vorgemacht wird.
Schon bisher war es eine Schwäche der "Thurgauer Zeitung", kulturelle Leistungen bereitwillig über den grünen Klee zu loben und auf die kritische Auseinandersetzung zu verzichten. Haben die Leserinnen und Leser aus Erfahrung begriffen, dass jede Veranstaltung Höchstnoten verdient, verlieren sie das Interesse an den Besprechungen. Und die Kulturschaffenden wähnen sich im Olymp und ruhen sich auf den Lorbeeren aus. Leider ist sechstens die Feststellung unumgänglich, dass sich an der Tradition der Samthandschuhe nichts änderte, was regelmässig fragen lässt, ob ein Programm wirklich gut war oder gutmeinend besprochen wurde.
Was bedeutet "freigeistig-bluesiger Ikonoklast"? Kann eine "Geschichte unauffällig" beginnen? Was dürfen wir verstehen unter einer variierenden Bücherzahl "zwischen Internet und repräsentativer Umfrage"? Kann der Tod ein "roter Faden durch ein Leben" sein? Wie vermag eine "Zone, die niemand freiwillig betritt", jemanden verändern? Sind Argumente, denen nicht zuzustimmen ist, "bestechend"? Die wenigen Beispiele aus einer längeren Liste erlauben die siebte Feststellung, dass die Sorgfalt beim Redigieren zu steigern wäre.
Der grosse Druck der kleinen Budgets
Die Redaktionen müsste sich zur Zugriffsstärke im Urteil, zur differenzierenden Verteilung von Licht und Schatten und mithin zur Verlässlichkeit der qualitativen Einschätzungen durchringen. Dann hätten wir die Gewissheit, dass Anerkennung ernsthaft und nicht bloss aus Höflichkeit gezollt wird. Und umgekehrt, dass die Einwände berechtigt sind und keiner schlechten Kritikerlaune entspringen. Die anregende Diskussion, unverzichtbarer Teil der lebendigen Kultur, würde gefördert.
Bei den übrigen Mängeln können die Redaktionen wohl richtigerweise mit der Sparschraube argumentieren. An ihr drehte die oberste Führungsebene, der die Kultur völlig egal ist. So verkünden denn auch "Focus" und "Ostschweizer Kultur" Tag für Tag die Botschaft, dass die "Thurgauer Zeitung" auf Teufel komm heraus knausert und knickert. Dass die Sparflamme nie in die Zukunft leuchtet, ist ein anderes trauriges Kapitel.
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