von Inka Grabowsky, 26.10.2020

Schubert reloaded

Schubert reloaded
«Die Reibung zwischen Ernst und Ironie soll etwas Poetisches hervorbringen»: Die Künstlerin Caroline Schenk über ihre Videoarbeit zum Projekt «PlaySchubert» | © Caroline Schenk

Im Kreuzlinger Kult-X startet am 30. Oktober die Tournee des interdisziplinären „PlaySchubert“ Projekts. Initiiert hat sie die Sopranistin Mona Somm. Sie will jungen Leuten die zeitlose Qualität der Winterreise näherbringen.

„Bei einem Liederabend sieht man nur sehr selten Menschen unter Dreissig im Publikum“, sagt Mona Somm. „Man erarbeitet ein Programm, und das oft für ein paar Dutzend Zuschauer. Das ist schade.“ Eigentlich hat sich die Sängerin als Wagner-Interpretin einen Namen gemacht. „Für mich ist die Winterreise beinahe anstrengender zu singen als eine dramatische Rolle wie Wagners Isolde. Oft wählen Interpreten eine Spezifikation wie das Lied oder das dramatische Opernfach. Mir ist aber wichtig, mich weiterzuentwickeln.“

Als freie Künstlerin müsse sie auf verschiedenen Bühnen tanzen und könne sich nicht nur auf ein Standbein stützen. Sie habe sich in die Winterreise eingehört. „Sie hat mich gepackt. Ich war fasziniert von der Thematik. Sie passt einfach zu meiner Persönlichkeit. Aber ich wollte etwas Aussergewöhnliches daraus machen.“

Die Sopranistin Mona Somm. Bild: zVg

Spezielle Reize

Somm war bewusst, dass sie mit einem traditionellen Liederabend die Menschen nicht in ausreichendem Masse hinter den Ofen hervorlocken konnte. Also suchte sie sich Mitstreiter. Jacques Erlanger als Produktionsleiter brachte sie mit der Band „ExtraFish“ zusammen. Bandleader Valentin Baumgartner übernahm den Auftrag, für die Themen der „Winterreise“ zeitgemässe Musik zu finden.

Parallel schuf die Performancekünstlerin Caroline Schenk zwölf Videos, die passende Bilder für die klassische Liedversion bieten. Mona Somm hat gemeinsam mit Pianistin Ute Gareis den Soundtrack dafür eingespielt. Beim Ausstellungsbesuch also können die Besucher nun Schuberts Winterreise auf ihren eigenen Kopfhörern hören, Schenks Videos dazu auf sich wirken lassen und  - vorher oder nachher – Baumgartners moderne Musik-Version geniessen.

Jeweils nach den Vernissagen des wandernden Projekts spielt Extrafish die Songs als Konzert. Die Künstler hoffen nun, dass Einige über das Konzert zur Installation finden und andere über die Installation zur musikalischen Variante von Valentin Baumgartner.

Video: Gute Nacht: Caroline Schenk (Film) & Extrafish (Song)

Spezielle Orte

Wenn das Publikum nicht zum Konzert kommt, muss eben das Konzert zum Publikum kommen. Mona Somm sieht das pragmatisch: „Wir suchten für das Projekt Räume, die ohne Hemmschwelle zugänglich sind, gerade für junge Leute. Also dürfen sie wild und ungewöhnlich sein. Zum anderen brauchten wir genügend Platz für das doppelte Erlebnis von Installation und Konzert.“

Zusätzlich gab es terminliche Einschränkungen. Die Winterreise sollte nicht erst im Sommer laufen. „Und mir war wichtig, dass wir mit der Tour im Thurgau und in St. Gallen präsent sind. Ich bin im Thurgau geboren und lebe in St. Gallen.“ So entstand die Tournee, die zwischen Ende Oktober und Mitte Mai abseits der konventionellen Konzerthallen und Kunsthallen gastiert.

Winterreise für zeitgenössische Ohren

Auch wer nichts mit Schuberts Kunstliedern am Hut hat, kennt meist ein Motiv aus der „Winterreise“. „Der Lindenbaum“ ist in einer vereinfachten Form als „Am Brunnen vor dem Tore“ zum Volkslied geworden, das Generationen von Schulkindern gesungen haben. Genau auf diesen Gassenhauser allerdings verzichtet Valentin Baumgartner in seiner Version. „Die Geschichte ist wiederzuerkennen, aber musikalisch radikal anders. Nur kleine Motive sind erhalten. ‚Gute Nacht‘ gibt es in einer sehr poppigen Version, die ‚Nebensonnen‘ sind im Stil von Nirvana inspiriert. Der Text ist pessimistisch, die Musik bei mir ist trotzdem tänzerisch.“

Angefangen habe er seine Komposition mit allen 24 Liedern. „Zwölf davon sagten mir aber mehr als die anderen. Ich hatte sofort Bilder, Stimmungen, Töne im Kopf. Bei anderen lief es eher harzig. Nicht alle habe ich weiterverfolgt.“ Baumgartner hat die Geschichte in Lieder auf Französisch, Englisch, Hochdeutsch und – wenn es emotional wird - Schweizerdeutsch übersetzt und sich musikalisch völlig vom Vorbild gelöst. „Das Grundthema setzt für mich der Liebeskummer – und der ist völlig zeitlos. Ihn hat es vor 200 Jahren genauso gegeben wie heute. Mein lyrisches Ich zieht allerdings durch die Stadt und nicht in die Natur.“

Begleiten das Projekt ebenfalls: Die Band Extrafish. Bild: zVg

 

Der musikalischen Romanik habe er immer ambivalent gegenüber gestanden, räumt der Berufsmusiker ein. „Aber die Winterreise ist schon grossartig. Es ist vielleicht gerade deshalb so spannend, weil ich kein Fan bin.“ Die künstlerische Leiterin Mona Somm hat er jedenfalls schon einmal überzeugt. Sie hatte ihm die ausbedungene freie Hand gerne gewährt. „Ich war Feuer und Flamme für seine musikalischen Ideen“, sagt sie. „Sie bilden einen idealen Magneten, um ein neues Publikum anzuziehen.“

Installation mit weiblichem Blick

Im Gedichtzyklus von Wilhelm Müller, der Schuberts Liedern zugrunde liegt, ist das lyrische Ich ein männlicher Wanderer, der nach gescheiterter Liebe in die Welt ziehen muss. Das ist in den Filmen von Caroline Schenk anders: „Ich bin die Protagonistin der Videos. Es gibt also eindeutig einen weiblichen Wanderer. Doch er ist ohnehin eine Symbolfigur.“

Die Künstlerin engt die Perspektive nicht auf einen Aspekt ein. „Die Winterreise ist in jeder Epoche anders gedeutet worden, mal politisch und mal psychologisch. Jede Zeit muss einen neuen Schlüssel finden.“ Sie habe sich intensiv mit der Melancholie beschäftigt. „Es geht in allen Liedern und deshalb auch in all meinen Videos dazu um eine Suche. Sie ist endlos, deshalb laufen die Filme im Loop.“ Oft habe sie sich an Sisyphos erinnert gefühlt. 

Video: Leiermann: Caroline Schenk (Film) & Mona Somm (Gesang) Ute Gareis (Klavier)

Trotz der traurigen, sehnsüchtigen Grundstimmung arbeitet Schenk mit Humor und einem Augenzwinkern: „In einem Video ziehe ich einen Kühlschrank hinter mir her. Ich habe versucht, damit die innere Kälte der Figur umzusetzen. Der wahnsinnige Herzschmerz wird gebrochen und nicht ganz so bierernst präsentiert.“ Das soll dazu beitragen, den Zugang zum Thema zu erleichtern. „Das Ziel des Projekts war ja, die Winterreise einem jüngeren Publikum näherzubringen. Gleichzeitig soll die Reibung zwischen Ernst und Ironie etwas Poetisches hervorbringen.“

Der Liederzyklus begleitet Caroline Schenk durch ihr Leben: „Das erste Mal muss ich ihn als Kind mit vielleicht sieben Jahren im Radio gehört haben. Ich weiss noch, wie ich auf der Treppe sass und zugehört habe. Auch bei Liebeskummer war die Winterreise für mich wichtig. Als Künstlerin durfte ich den Zyklus in Lausanne im Naturmuseum inszenieren. Das klassische Musikpublikum zog mit Klappstühlen durch die Ausstellung, um Lied für Lied vor anderem Hintergrund zu hören. Nun liefere ich die Filme, das Publikum scannt einen QR Code und hört dann die Musik von Mona Somm gesungen. Das wird bei jedem andere Assoziationen hervorrufen.“

Die Performancekünstlerin Caroline Schenk. Bild: zVg

Zeitloses erhalten

„Die Ausstellung kann auch ohne den Ton funktionieren“, meint Mona Somm. „Man hat ja freiwillig die eigenen Kopfhörer im Ohr. Doch es lohnt sich zuzuhören, denn die Winterreise macht Bilder und Situationen hörbar, die heute genauso das Leben widerspiegeln wie damals.“ Es könne eine Zeit im Leben geben, in der klassische Musik eine wichtige Rolle spiele. „Man muss einen Zugang dazu bekommen.  Wenn ein junger Mensch immer unfreiwillig zum Konzert mitgezogen wird, kann eine Aversion entwickeln. Wenn man ihn aber abholt, wo er steht, lernt er kennen, was ihn später vielleicht einmal trösten mag.“

Video: Wetterfahne: Extrafish (Musik und Gesang) & Mona Somm (Gesang)

 

Alle Termine im Überblick

„Playschubert, die Winterreise im 21. Jahrhundert“ tourt durch acht Städte der Deutschschweiz. Der Ausstellungsbesuch ist gratis, die Konzerte im Anschluss an die Vernissagen kosten 10 – 20 Franken Eintritt.

 

Kult-X Kreuzlingen: 30. Oktober bis 15. November 2020 – im Anschluss an die Schubertiade der PMS am 28.10. und den Film zur Winterreise am 29.10.

 

anschliessend:

Zeughaus Teufen: 21. November – 6. Dezember 2020

Lokremise St. Gallen: 17. Dezember 2020 – 3. Januar 2021

Südpol Luzern: 15. – 28. Januar 2021

Hof zu Wil / Kunsthalle Wil: 29. Januar – 7. Februar 2021

Postremise Chur: 25. Februar – 6. März 2021

Royal Baden: 7. März – 21. März 2021

Humbug / Padelhalle Basel: 9. April bis 18. April

Talhof / GBS St. Gallen: 30. April bis 12. Mai 2021

 

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