von Dieter Langhart, 07.08.2020

Und führe uns nicht ins Verderben

Und führe uns nicht ins Verderben
Die Spinne (Sarah Herrmann) packt zu. Und Christine (Ramona Fattini) weiss keinen Ausweg mehr. | © Oliver Gerber, www.olivergerber.ch, Schlossfestspiele Hagenwil

Die Schlossfestspiele Hagenwil zeigen Gotthelfs Novelle «Die schwarze Spinne» in einer neuen Bühnenfassung: aufs Wesentliche beschränkt, teuflisch gut, aber auch mit Schwächen.

Nicht auf einem Hexenbesen reitet der Teufel auf die Bühne – in Lederkluft zu «Highway to Hell» auf einer knatternden Royal Enfield, beide schwarz wie die Nacht. Und er ist zu zweit, ist Teufel und Teufelin zugleich, Mann und Frau, denn das Böse kennt keine Geschlechtergrenzen. Die Bösen heissen Hans Rudolf Spühler und Bigna Körner; er trägt Zylinder und zwei verschiedene Stiefel, sie Hautenges und einen Stachel auf dem hochgesteckten Hörner-Haar.

Sie geben schon mal den Ton an auf Schloss Hagenwil, die Botschaft ist klar: fertig lustig mit Gotthelfs säuselndem Glaubensmoralin à la «Seid fromm und vermehret euch». Oder doch nicht? Ging es ihm in seiner Novelle «Die schwarze Spinne» nicht auch darum, von der trivialen Schauerromantik seiner Zeit abzulenken und ebenso vom Biedermeierischen seiner Zeitgenossen?

Teufel links, Teufel rechts: Bigna Körner und Hans Rudolf Spühler spielen das ausgebuffte Teufelspaar. Oder doch nur zwei Seiten eines Teufels? Bild: Oliver Gerber, www.olivergerber.ch, Schlossfestspiele Hagenwil

Gotthelfs Warnung: Wehret dem Teufel!

Jeremias Gotthelf wollte aufklären mit seiner allegorischen Novelle, damals, 1842: Wehret dem Teufel, wehret der Versuchung, bleibet dem Glauben treu, weichet nicht vom vorgegebenen Weg ab – schliesslich war Gotthelf Pfarrer und Schulkommissär zu Lützelflüh.

Florian Rexer will etwas anderes: Der künstlerische Leiter der Schlossfestspiele Hagenwil und Regisseur der neuen Produktion will nicht belehren, er will unterhalten. Gut unterhalten. Das ist ihm über weite Strecken gelungen. Er hat Hans Rudolf Spühler, einen seiner Lieblingsschauspieler, ins Boot geholt, hat ihn gebeten, Gotthelfs «Schwarze Spinne» in eine neue Bühnenfassung zu giessen (beileibe nicht die erste) und gleich den Teufel 1 zu spielen. Spühler hat den Gotthelf entschlackt, hat ihm aber auch die kunstvolle Komposition genommen, den dreiteiligen Rahmen.

Hat aus der zweifachen Binnenhandlung die zweite gestrichen, jene, die die Gegenwart auf die Vergangenheit bezog: Gotthelfs Warnung, dass Reichtum und Wohlstand im Emmental zu Hochmut und Hoffart und der erneuten Katastrophe führten – zwei Jahrhunderte nach der grausligen Geschichte mit der schwarzen Spinne.

Dafür taucht jetzt unterschwellig eine neue Ebene auf, ein neuer Fluch: das Coronavirus, das die Produktion beinah zu Fall gebracht hätte und nun die Zuschauerreihen gelichtet hat. Nur hat unsere Pandemie nichts mit Gotthelfs Pest zu tun, sie bringt lediglich eine zufällige Aktualität mit ins Spiel.

Video: arttv.ch über die Inszenierung

Wer die beliebte Schullektüre nicht mehr präsent hat: Gotthelf schildert ein sonntägliches Tauffest in einem reichen Emmentaler Bauernhof; der Grossvater erzählt eine unheimliche Geschichte, die sich vor langer Zeit zugetragen hat. Die leibeigenen Bauern zu Sumiswald ächzen unter der unmenschlichen Fronarbeit für Ritter Hans von Stoffeln, der nach dem aufwendigen Schlossbau seine Untertanen auch noch zwingt, ihm innert einem Monat einen Schattengang aus hundert Buchen zu pflanzen, dabei müssten sie ihre Felder bestellen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Doch da taucht ein grüner Jäger auf und bietet den Bauern Hilfe an. Sein Preis: die Seele eines ungetauften Kindes. Christine, ein gottloses, eingeheiratetes Weib aus dem fernen Lindau, schliesst für die entsetzten Bauern den Pakt mit dem Satan, denn sie hofft, den Teufel am Ende überlisten zu können.

Die Männer schlagen die Buchen, der Grüne schafft sie auf den Burghügel, die Bauern beginnen zu rechnen, «wieviel mehr wert sie seien als ein einzig ungetauft Kind». Und der Tag rückt näher, da ein Weib ein Kind gebären soll. Der Priester, gottesfürchtig, tauft es rechtzeitig – doch das Mal auf Christines Wange, vom Teufelskuss herrührend, schwillt an, gleicht einer giftigen Kreuzspinne. Nach der zweiten, vom Pfarrer erneut siegreich bestandenen Prüfung platzt das Mal und speit unzählige kleine Spinnen aus, die Tod und Verderben übers ganze Tal bringen.

Bei der dritten Geburt leidet Christine Höllenqualen und verwandelt sich in die schwarze Spinne, die die Menschen angreift und zu Tode bringt. Ein gottergebenes Weib sperrt die Spinne mit einem Zapfen ins vorbereitete Loch im Fensterpfosten ein und opfert dabei ihr Leben. Die Pestgefahr ist gebannt, die Menschen atmen auf.

Der Moment des Verderbens: Der Teufelskuss. (Bigna Körner, links, Ramona Fattini rechts). Bild: Oliver Gerber, www.olivergerber.ch, Schlossfestspiele Hagenwil

Am Ende ist die Pest gebannt. Oder doch nicht?

Regisseur Florian Rexer und Dramaturgin Thea Reifler deuten das Leitmotiv optisch um und lassen die Bauern die Spinne in ihrem eigenen Netz gefangennehmen. Auch das schwarze Mal auf Christines Wange ist nie zu sehen, denn die Spinne wird in Spühlers Fassung zu einer eigenständigen Figur, mit Sarah Herrmann an der Premiere und Lara Schawalder doppelt besetzt.

Das ist ein Schauen, wie die Spinne «nirgends und allenthalben» ist, wie sie giftig glotzend auf der Bühne turnt, über den Boden kriecht, Christine von hinten umklammert oder höhnisch aufs hölzerne Kreuz klettert, das mit seinen Schubladen gleichzeitig einen Bauernschrank symbolisiert, denn die Sumiswalder sind gar gläubige Menschen. Dieses Kreuz dominiert Peter Affentrangers Bühne, ist aber für die Hälfte der Zuschauer übers Eck schlecht einsehbar – die unabwendbare Krux auf der Hagenwiler Schlossbühne.

Der Teufel (Hans Rudolf Spühler, hinten rechts) und die bäuerliche Gesellschaft (von links): Matti (Marcel Zehnder), Benz (Mischa Löwenburg) und Rüdiger (Falk Döhler) Bild: Oliver Gerber, www.olivergerber.ch, Schlossfestspiele Hagenwil

Problem: Die Bühne ist für die Hälfte der Zuschauer schlecht einsehbar

Sie bietet gar wenig Platz. Das Emmentaler Bauerndorf ist auf drei junge Paare eingedampft, die Generationen fehlen. Das Spiel der sechs wirkt streckenweise hölzern und plakativ und erinnert an Volkstheateradaptionen des Stoffs: die Männer (Mischa Löwenberg, Marcel Zehnder, Falk Döhler) reissen vor dem grossen Alpenpanoramabild das Maul auf, grölen «Trittst im Morgenrot daher», bödelen zum passenden «Zogen am Boge, de Landamme tanzed, wie dr Tiifel d Tili dure schwanzed»; die Frauen (Leonie Karrer, Jeanine Amacher) sind Huscheli. Nur Ramona Fattini als Christine sticht heraus, spielt Zwischentöne aus, macht ihre Pein und ihren Zwiespalt spürbar, schimpft die Männer «Weicheier und Betschwestern».

Teufel 1 und Teufel 2 wechseln andauernd ihre Rolle, sind Komplizen, Kommentatoren des Geschehens und Erzähler zugleich – ein raffinierter Einfall Spühlers. Regisseur Rexer sieht den Teufel als gespaltene Persönlichkeit, nur will das nicht immer funktionieren auf der Bühne. Die Teuflischen keifen bisweilen miteinander, dann sind sie wieder ein Herz und eine Seele, schwarz wie ihre Gewandung.

Hier halten sie sich im Hintergrund, da mischen sie sich ironisch bis böse mitten ins Geschehen, dort fläzen sie sich auf rote Sessel und mampfen Chips, als sässen sie vor dem Fernseher und guckten sich eine Gruselgeschichte an. Hans Rudolf Spühler gibt die Nummer 1 mit hämischem Grinsen und grossspurigen Gesten und schickt seinen Hilfsteufel los. Stark und wandlungsfähig spielt Bigna Körner den grünen Jäger, der Christine seine Hilfe anbietet, ermahnt als Pfarrer das Volk, amtet als Hebamme, bewirtet die grossspurigen Männer.

Die Teufel bieten grosses Kino auf der Bühne

Teufel 1 und Teufel 2 bieten grosses Kino auf Hagenwil, und als allmächtiges, höhnisch-laszives Teufelspaar führen sie nicht zuletzt Gotthelfs Motiv ad absurdum: die Verteufelung des Geschlechtlichen im küssenden und Kinder fordernden «Grünen» und in der «gebärenden» Spinne. Und über all das menschliche und teuflische Geschehen setzt Dražen Gvozdenović mit Akkordeon und Klavier mal wehmütige, mal drohende Akzente.

Fazit: Die samt Pause knapp zweistündige Sommerproduktion auf Schloss Hagenwil lebt vom ausdrucksstarken Spiel der Hauptdarsteller, von einer schlüssigen Umdeutung des Gotthelfschen Stoffes, von einer raffinierten und einfallsreichen Inszenierung, die neben Plakativem auch mit feinen Details und Gags aufwartet. Ärgerlich ist nur die gleichzeitige Nähe zum anbiedernden Volkstheater.         

Weitere Aufführungen: Bis zum 5. September wird das Stück fast täglich gespielt. Alle Aufführungstermine gibt es bei uns in der Agenda. Tickets gibt es über die Internetseite der Schlossfestspiele Hagenwil.

Das gesamte Ensemble der Schlossfestspiele Hagenwil 2020 auf der Bühne. Bild: Oliver Gerber, www.olivergerber.ch, Schlossfestspiele Hagenwil
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