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von Roland Schäfli, 23.09.2026

WEGA: Im Rausch der Hochkultur

WEGA: Im Rausch der Hochkultur
Kunstkenner, Kulturfreunde und intellektuelle Vordenker strömen zur WEGA, dem Kulturtempel von Weinfelden. | © KI-generiert/rs

Jetzt trifft sich in Weinfelden wie jedes Jahr die geistige Elite des Kantons an der WEGA: Höchste Zeit für diese kulturwissenschaftliche Würdigung der unterschätzten Thurgauer Hochkultur. Lesezeit: nüchtern 3 Minuten, später erfahrungsgemäss länger.

Die WEGA steht für WEinfelden und GAwerbe (hey, sie ist schliesslich kein Buchstabierwettbewerb). Obwohl die Marke seit 1952 klar definiert ist, gibt es immer wieder Verwechslungen. Zum Beispiel mit der WEGA Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung. Einige wenige der 140'000 Besucher halten die WEGA ja immer noch für eine Sauf-Challenge. Um das besser auseinanderzuhalten, listen wir die wichtigsten Kultur-Highlights auf: 

Die Gewerbeausstellung: sie ist nichts weniger als Installationskunst, in der auf 16'000 Quadratmetern Alltagsgegenstände aus ihrem üblichen Kontext gelöst und an schlüsselfertigen Ständen dargestellt werden.

Der Festumzug: er erfüllt alle Ansprüche an ein ephemeres Werk, das in seiner flüchtigen Form nur während seiner einzigen Aufführung existiert.

Thurgauer Apfelkönigin: während sich ähnliche Events wie die Miss-Universe-Wahl über Botox und Silikon definieren, setzen wir weiterhin auf natürliche Schönheit. Höchstens bei den Äpfeln wird gespritzt.

Der Degustations-Treff: Daniel Spoerri erhob als Erfinder der «Eat-Art» seinerzeit das Essen zur Kunst. Wir gehen einen Schritt weiter: Nach Müller-Thurgau, Fischinger Pilgrim-Bier und Macardo-Thurgauer Gin wird selbst der Heimweg zur Performance.

Das WEGA-Bähnli: weit mehr als ein Kinder-Zügli, entspricht es doch der kinetischen Kunst durch motorisierten Antrieb und rhythmische Bewegung. Übrigens gibt es anders als bei der SBB keine Klassenunterschiede, dafür genügend Sitzplätze, und die Bahnpolizei ist unbewaffnet. 

Helene Fischer als kulturpolitischer Leistungsausweis

Die Haustier-Sonderschau: diese Performancekunst wird erstmals aufgeführt. Hunde zeigen ihr künstlerisches Repertoire, während Katzen mit demonstrativem Desinteresse einen Gegenakzent zur kommerzialisierten Unterhaltungskultur setzen. Bei der Bernhardiner-Präsentation achtet die Securitas darauf, dass niemand dem Hund das Schnapsfässchen klaut. 

Die WEGA-Schlagerparade: Helene Fischer hatte hier im Rahmen der kulturellen Nachwuchsförderung ihren allerersten Schweizer Auftritt. Der kulturpolitische Leistungsausweis der WEGA ist damit schwer zu übertreffen.

Der Internationale Bodenseerat: die Vertreter aus Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Schweiz tagen am WEGA-Samstag öffentlich im Rathaus. Geboten wird grenzüberschreitendes politisches Theater mit vielen unfreiwilligen Lachern. Erstes Traktandum: die einheitliche Schreibweise von «Bodensee» oder «Lake Constance».

Das Landfrauenbeizli: In dieser angewandten Volkskunst wird traditionelle Backkunst nicht nur vorgeführt, die Kulturgüter können sogar gleich aufgegessen werden.

Die Gastregion: eine ethnografische Ausstellung zum Bündnerland. So gefällt uns das: wir können eine fremde Kultur erforschen, ohne dafür den Thurgau überhaupt verlassen zu müssen!

Erstmals fördert die WEGA die Anreise mit dem ÖV. Für 20 Franken kriegt man nicht nur die Fahrt, sondern auch noch die Chance auf einen Wettbewerbspreis. Damit beginnt die Tombola sogar schon vor der Hinfahrt. Für Autoposer, die mit dem Zug nichts anfangen können, findet am Sonntag das traditionelle Seifenkistenrennen statt.

Cooler als Olma und Sechseläuten zusammen

Jede:r Thurgauer:in weiss natürlich bereits, warum wir die WEGA anderen Volksfesten vorziehen, zur Erinnerung sei hier nochmals aufgezählt:

Die WEGA ist cooler als…

Basler Fasnacht, weil wir nicht nur «die drey scheenschte Dääg» haben, sondern fünf, und dafür müssen wir nicht mal um vier Uhr morgens aufstehen

Olma, weil bei uns Senf auf die Bratwurst darf

Sechseläuten, weil wir für eine simple Wetterprognose keinen Schneemann verbrennen müssen

Unspunnenfest, weil wir nicht mühsam schwere Steine werfen, sondern sie höchstens in der Gartenbauausstellung anschauen

Knabenschiessen, weil unsere Apfelkönigin tatsächlich eine Frau ist

Eidgenössisches Schwingfest, weil es bei uns nur Sägemehl gibt, wenn auch wirklich was gebaut wird

Zibelemärit, weil bei uns die Tränen erst beim Bezahlen kommen

Wer jetzt noch behauptet, die WEGA sei keine Kultur, war dort vermutlich noch nie nüchtern genug, um sie zu erkennen.

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