Seite vorlesen

von Maria Schorpp, 11.06.2025

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt
Andrea Gerster (links) und Ruth Erat (rechts) mit dem Programmposter der 8. Literaturtage Arbon 2025 vor dem Haus Max Burkhardt. | © Markus Gerster

Literatur-Performances und Wasserglaslesungen: Die 8. Literaturtage Arbon tragen das Motto „Wagnisse“. Sie beginnen am 14. Juni. (Lesezeit: 5 Minuten)

Als man ihr sagt, dass man gerade ihren neuen Roman „Wintersee“ gelesen habe, schaut Ruth Erat fast ein bisschen erschrocken. Lange sei sie unsicher gewesen, was den Text betrifft, gibt sie zu verstehen. Mittlerweile gefalle er ihr. Gleich am Anfang des Zusammentreffens mit der Autorin und Gründerin der Literaturtage Arbon gibt es also ein authentisches Beispiel dafür, dass Literatur im Grunde immer auch ein persönliches Wagnis ist. Mit Texten etwas aus sich herausholen, das Bestand haben soll in der Aussenwelt, sich dem Urteil der Lesenden aussetzen. Nicht zuletzt: den eigenen Ansprüchen genügen. Immer wieder ein Wagnis, auch für Profis wie Ruth Erat, die quasi Zeit ihres Lebens geschrieben hat.

«Literatur führt auf einen Ast hinaus, der brüchig sein kann, auf dem man sich unter Umständen extrem aussetzt und etwas Neues versuchen möchte und auch muss – und auf dem man an die Grenze dessen kommt, was man überhaupt sprachlich vermag.» 

Ruth Erat, Autorin und Co-Leiterin der Literaturtage Arbon

 

Nun haben sie und ihre Co-Veranstalterin Andrea Gerster die Literaturtage Arbon 2025 unter das Motto „Wagnisse“ gestellt. Ruth Erat formuliert es so: „Literatur führt auf einen Ast hinaus, der brüchig sein kann, auf dem man sich unter Umständen extrem aussetzt und etwas Neues versuchen möchte und auch muss – und auf dem man an die Grenze dessen kommt, was man überhaupt sprachlich vermag.“ Um dann ganz schnell zu den Autorinnen und Autoren zu kommen, die die das Programm der Arboner Literaturtage bestreiten werden.

Auftakt mit einem besonders Wagemutigen

Ein Paradebeispiel für einen, der in seinen Auftritten immer wieder ein Wagnis eingeht, ist für Ruth Erat zweifellos der Lyriker und Performer Christian Uetz. „Es ist ein immer wieder sich Aussetzen in seiner Performance, mit seiner Zumutung an die Zuhörenden, ihm zu folgen mit seinen philosophischen Gedanken und seinem Insistieren auf das Reden seiner Texte.“ Es könnte wohl kaum einen geeigneteren Auftakt der Arboner Literaturtage geben als die Veranstaltung mit dem vielfach – unter anderem dem 3sat-Preis des Ingeborg Bachmann-Wettbewerbs oder dem Thurgauer Kulturpreis – ausgezeichneten Schriftsteller. 

Video: Christian Uetz "Das nackte Wort" mit Musik von Adrian Egli 

Mit „Der Sonntag der lyrischen Wagnisse“ ist die Veranstaltung überschrieben, in der Ruth Erat selbst als Autorin mit Gedichten auftritt. Das Besondere: Sie trägt ihre Lyrik gemeinsam mit der Cellistin Brigitte Meyer vor, die immer wieder mit Lyriker:innen zusammenarbeitet, „spielerisch improvisierend, ein Un-Erhörtes schaffend“. Man darf gespannt sein auf die Darbietung, die auf jeden Fall eine Uraufführung darstellen wird. Vom Spoken Word kommt auch Shqipton Rexhaj, der mit seiner Geschichte aus dem neu erschienenen Band „Die Seelenfabrik“ über die Herausforderungen der Moderne eher nachdenkliche Töne anschlagen wird. 

Am Nachmittag dann zwischen den beiden österreichischen Schriftstellerinnen Bettina Balàka mit Gedichten und Kurzprosa und Erika Kronabitter, die sich in ihrem Gedichtband „Delfine vor Venedig“ auf neue Wege durch die altehrwürdige Serenissima begibt, die junge Fiona Feuz, die bereits als 21-Jährige bei einem Lyrik-Wettbewerb erfolgreich war. „Sie kann mehr und mehr zu einer lyrischen Stimme werden. Das ist möglich“, meint Ruth Erat. Da Feuz eigentlich vom juristischen Bereich kommt, sieht die Veranstalterin bei ihr das Wagnis des Neuanfangs. Eine „tanzende Sprach-Partitur“ erwartet das Publikum von Andrea Martina Graf, die sich als Verfasserin, Komponistin und Performerin von Lyrik hervortut.

Das Haus machts möglich

„Am Sonntag ist es auf irgendeine Weise immer etwas Besonderes“, sagt Ruth Erat. Nicht nur der kleinen experimentellen Formate wegen. Die Besucher:innen können das Haus mit all seinen Möglichkeiten in Beschlag nehmen. Sie können sich beim Bücherangebot umschauen, sich möglicherweise mit einer Neuanschaffung in den Garten setzen oder auf dem Balkon mit anderen, auch Schreibenden, ins Gespräch kommen. „Es geht uns darum, die Leute, die lesen, und diejenigen, die schreiben, zusammenzubringen“, sagt die Veranstalterin. Alles ist so vorbereitet, dass vieles möglich ist: „Alles in einem kleinen Format, aber mit der grossen Chance, nah an den Autorinnen und Autoren zu sein.“

Im Garten des Hauses Max Burkhardt bietet ein Zelt Gelegenheit für Lesungen. Bild: Ebi Renner.

 

Klassische Wasserglaslesungen sind die beiden Abendveranstaltungen mit Sunil Mann und Dagmar Schifferli. Sunil Mann erzählt in seinem ersten Kurzgeschichten-Band „Bleiben tun sie nie“ unter anderem vom Anfang einer Liebe oder der Sehnsucht nach einem besseren Leben. Allein das Format der Kurzgeschichten ist für Ruth Erat ein Wagnis. „Man konnte sie ja zeitweise gar nicht mehr veröffentlichen. Alle Verlage wollten Romane.“ Übrigens auch das Setting der Geschichten im Dorf ist mittlerweile gewagt. In Dagmar Schifferlis „Auch Fische können ertrinken“ kreisen die Gedanken einer an Atemnot leidenden Medizinerin um das eigene Aufwachsen in einer Familie und die Frage, ob Erinnerungen krank machen können. Beide Veranstaltungen werden moderiert und lassen spannende Gespräche erwarten.

Programm für Kinder und Familien

In Zusammenarbeit mit der Bibliothek und dem Arboner Geschäft „Freude schenken“ bieten die Literaturtage Arbon seit drei Jahren zudem ein Programm für Kinder und Familien, seit 2024 auch einen Workshop, der erleben lassen möchte, dass Geschichten zu erzählen, zu kreieren, zu gestalten Freude macht. In diesem Jahr sind das ein Figurentheater mit der Truppe vom Edhofer Engel in der St. Johannes-Kapelle, kurz „Kappeli“, und ein Comic-Workshop in der Stadtbibliothek Arbon, den die beiden Veranstalterinnen selbst leiten. 

Es sind die beiden einzigen Veranstaltungen, die nicht im Haus Max Burkhardt stattfinden, das letztlich die Literaturtage Arbon in dieser Form erst möglich gemacht hat. Die erste Ausgabe der Veranstaltungsreihe fand 2017 unter dem Titel „BuchLese“ statt, zwei Jahre später erhielt sie ihren heutigen Namen. Ruth Erat hat sie mit ihrem Mann gegründet, Andrea Gerster kam wenig später dazu. 

Das Wagnis Haus Max Burkhardt

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. In gewisser Weise ist das Haus Max Burkhardt selbst ein Beleg dafür. Als der zwischen 1904 und 1910 gebaute und vom Dekorationsmaler Max Burkhardt gestaltete Kubus in der Rebenstrasse seinerzeit vor dem Verkauf gerettet wurde, mit nicht unerheblichem Zutun von Ruth Erat, ging es darum, es für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, auch mit Ausstellungen, Führungen und Projektarbeiten die Räume zu bespielen. 

Ob die Veranstalterinnen dafür extra verfasste Kurz-Krimis liefern, eine Weinverkostung anbieten oder einfach Literatur auf besondere Weise präsentieren – wichtig ist ihnen eine „möglichst niederschwellige Vermittlung“. Auch Leute reinzuholen, die eigentlich nicht zu Lesungen gehen. Lesende gehen nämlich ebenfalls Wagnisse ein – indem sie sich einlassen auf das Neue.

Video von arttv.ch: Arboner Literaturtage 2024

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Literatur

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026