von Inka Grabowsky, 21.06.2022

Wie alles anfing

Wie alles anfing
Lang, lang ist's her: Das erste Gruppenfoto der Jugendmusik Kreuzlingen. | © Inka Grabowsky

151 Jahre nach ihrer Gründung feiert die Jugendmusik Kreuzlingen ein dreitägiges Fest. Mit Party am Freitag (24.6.), Familienfest und Galakonzert am Samstag (25.6.) und einem achtstündigen Musikprogramm von Gästen am Sonntag (26.6.) wird das stolze Jubiläum endlich begangen, nachdem es vergangenes Jahr coronabedingt ausfallen musste. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Die Ausstrahlung der Jugendmusik ist unglaublich. Die gemeinsam errungenen Erfolge und die Erlebnisse bei den Konzertreisen schweissen nicht nur zusammen, sondern ziehen auch Jugendliche aus dem gesamten Umland an wie ein Magnet.» René Messmer weiss, wovon er spricht.

Er ist seit fast 60 Jahren mit der Jugendmusik Kreuzlingen verbunden. «Ich habe mit 9 oder 10 als Schüler angefangen, bin dann als Lehrer geblieben und jetzt mit bald 68 immer noch dabei.» Natürlich habe es in der Zeit auch mal Streit gegeben. «Einmal brachte uns sogar ein diebischer Kassier in die Schlagzeilen, aber musikalisch habe ich nur Höhen erlebt.»

Messmer war zunächst (1985) interimistisch, dann von 1988 bis 2009 offiziell Dirigent der JMK. Er trat als Vize ins zweite Glied, als mit Stefan Roth erstmals ein Profi für die Aufgabe gewonnen werden konnte. Inzwischen ist er nicht nur Ehrendirigent, sondern auch einer der Hauptorganisatoren des Jubiläumsfests vom 24. bis 26. Juni im Kreuzlinger Dreispitz. 

 

Andreas Netzle, Antonio Tinelli und René Messmer freuen sich auf die Jubiläumsfeier. Bild: Inka Grabowsky

Ein Stargast aus Italien

Ein Jubiläum bringt üblicherweise die Gratulation von Freunden und Gästen mit sich. Im Fall der Jugendmusik Kreuzlingen prägt ein Ehemaliger das Galakonzert im Dreispitz entscheidend mit. Aus Bari ist Professor Antonio Tinelli angereist, weil er es sich nicht nehmen lassen wollte, einen Beitrag zu leisten. «Ich habe hier meine ersten Schritte in die Welt der Musik gemacht, und die Jugendmusik hat mir ein gutes Fundament verschafft. Deshalb fühle ich mich ihr immer noch verbunden.»

Der 54-jährige Klarinettist erinnert sich gern an seine Kindheit in Kreuzlingen: «Eigentlich wollte ich ja Trommel spielen, aber mein Vater strich das aus dem Aufnahmeformular und schrieb stattdessen ‹Klarinette›. Das hat dann mein Leben geprägt.» Dies allerdings nicht ohne Umwege. Klarinettisten gab es damals schon genug bei der Jugendmusik. Dem jungen Antonio wurde in Ermangelung eines freien Instruments ein Es-Horn in die Hand gedrückt.

«Ich muss damals 8 oder 9 Jahre alt gewesen sein. Mein Vater war entsetzt und bat einen Freund, mir eine Klarinette zu besorgen.» Damit konnte er dann bald so gut umgehen, dass er nach einem Vorspiel ins Orchester aufgenommen wurde. «Ich weiss heute noch, wie stolz ich war, als ich die Anstecknadel bekommen hatte.»

Zwei Uraufführungen und eine Erstaufführung für Blasorchester

Nach der Rückkehr der Familie nach Italien ging Antonio ans Konservatorium und machte Karriere als Musiker. Nun ist es ihm ein Anliegen, sich für die Weichenstellung in seiner Kindheit zu bedanken. Als Gastgeschenk liess er von Angelo Inglese und von Walter Farina je ein Musikstück komponieren, bei denen zur Uraufführung einmal das symphonische Blasorchester und einmal das JMK Blasorchester seine Klarinetten-Soli begleiten darf.

«Das Stück von Inglese ist sehr anspruchsvoll zu spielen, aber für die Zuhörer effektvoll, schön und interessant», so der Künstler. «Und das von Farina ist sehr melodisch.»

 

In der Vitrine des Vereinslokals am Gemeindeplatz in Kreuzlingen sammeln sich Zeugnisse aus der Geschichte. Bild: Inka Grabowsky

Ein Stück namens «Kreuzlingen»

Neben den beiden Uraufführungen ist beim Galakonzert am 25. Juni die Erstaufführung des Stücks «Kreuzlingen» von Avo Uvezian zu hören. «Die Komposition hat eine besondere Geschichte», erklärt Andreas Netzle, der seit drei Monaten Präsident der JMK ist.

«Avo Uvezian war nicht nur der weltbekannte Musiker, der ‹Strangers in the Night› geschrieben hat, sondern auch Zigarrenproduzent. Er war befreundet mit unserem Kreuzlinger Zigarrenspezialisten Urs Portmann und hat bei einem Besuch hier das Stück komponiert. Aber noch nie hat ein Blasorchester ‹Kreuzlingen› interpretiert. Dazu musste erst Andreas Häberlin, ein weiterer Ehemaliger, der inzwischen in New York lebt, die Noten für uns bearbeiten, und Stefan Roth hat instrumentiert.»

Journalist und Politiker ist neuer Präsident

Netzle hat im März Ciril Schmidiger abgelöst, der nach 22 Jahren als Präsident zurücktreten wollte. «Ich bin der Jugendmusik schon seit meiner Zeit als Stadtpräsident in Kreuzlingen eng verbunden», sagt der 63-Jährige. «Schon damals stachen die Aktivitäten des Vereins heraus, und ich habe die Konzerte immer sehr genossen.»

Als dann René Messmer Hilfe beim Verfassen der offiziellen Vereins-Chronik «Sternstunden und Höhenflüge» brauchte, stand Netzle ihm zur Seite. «Als ehemaliger Chefredaktor der Thurgauer Zeitung kürzt er einen ausufernden Bericht so, dass immer noch alles Wichtige drinsteht», sagt Messmer lachend.

 

Motto der Jugendmusik Kreuzlingen. Bild: Inka Grabowsky

Von Knabenmusik bis Pop-Factory

Das Buch hilft den Überblick über Meilensteine in der über 150-jährigen Erfolgsgeschichte des Vereins zu behalten. 1871 war er als «Knabenmusik» gegründet worden. Und das blieb er auch für fast hundert Jahre. 1967 spielten zum ersten Mal Mädchen mit. «Das habe ich als 13-Jähriger miterlebt», so Messmer. «Und natürlich habe ich mich sofort in eines verliebt.»

Der grosszügige, aber konservative Gönner Rudolf Gautschi, der in den dreissiger Jahren Präsident und später Ehrenpräsident war, hatte sich gegen diese Entwicklung gesperrt. «Von Knaben- in Jugendmusik umbenannt haben wir uns erst 1972, nachdem er gestorben war», so René Messmer.

Die Pop-Factory als neue Talentschmiede

Die meiste Zeit ihres Bestehens gab es in der Jugendmusik ein grosses Orchester und eine kleine Anzahl an Musikschülern, die nachwuchsen. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt: Es gibt viel mehr Lernende als Orchestermitglieder.

Um sie an Auftritte heranzuführen, entstanden diverse nach Alter und Können gestaffelte Ensembles - von Minis, Kids und Teens bis hin zum preisgekrönten Blasorchester. Wer die Alterslimite von 22 Jahren erreicht hat, muss die Jugendmusik verlassen. Die JMK hat aber auch jenseits der traditionellen Blas- und Perkussions-Instrumente ihre Angebotspalette erweitert. Die angegliederte Pop-Factory ist eine Musikschule für Pop, Rock und Jazz. Nun kann man bei der Jugendmusik Kreuzlingen also auch Gitarre oder Klavier lernen.

 

Festtage & Chronik

Die Jugendmusik Kreuzlingen feiert vom 24. bis 26. Juni im Dreispitz Kreuzlingen.  Die drei Festtage stehen unter den Mottos Party, Gala und Gäste. Das detaillierte Festprogramm findet sich auf www.jmk.swiss

 

Die Chronik «Sternstunden und Höhenflüge» von René Messmer und Andreas Netzle ist in der Buchhandlung Bodan in Kreuzlingen oder direkt am Jubiläumsfest zu kaufen.

 

 

 

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