16.02.2021

Wie im Rausch

Wie im Rausch
Thomas Fritz Jung als Wilhelm Tell im Sommertheater 2017 auf dem Konstanzer Münsterplatz | © Ilja Mess/Theater Konstanz

#meinerstesmal: Eine Lederjacke, zitternde Knie und grosses Glück: Der Schauspieler Thomas Fritz Jung erinnert sich an seinen ersten Bühnenauftritt. Und was er daraus lernte. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Meinen ersten richtigen Bühnenauftritt hatte ich mit 12 Jahren während eines Ferienlagers in der Nähe von Berlin. Es ergab sich spontan und hatte zur Folge, dass ich mich für den Rest der Ferienzeit wie ein Superstar fühlte.

Es war ein internationales Ferienlager, an dem Kinder und Jugendgruppen aus ganz Europa teilnahmen. Als besonderes Event fand ein Konzert der Band Karussell statt, in dessen Rahmen eine offene Bühne angeboten wurde. Hier sollten Kinder etwas vortragen oder präsentieren können. Im Übermut meldete ich mich und meinen Freund Jens an, im Stil der Mini Playback Show, einen Titel der Band Roxette nachzuspielen.

Das Herz war längst in die Hose gerutscht

Meinem Freund erzählte ich erst nach der Anmeldung von unserem bevorstehenden gemeinsamen Auftritt. Ich begriff erst, als ich in sein entsetztes Gesicht sah, wie irrsinnig es war, ungeprobt und unvorbereitet vor 2000 Kindern und Jugendlichen auf diese Bühne zu gehen.

Es brauchte viel Zuspruch und eine Menge Überredungskunst, eine schwarze mit Nieten besetzte Lederjacke und zwei von der Band geliehene echte E-Gitarren, um ihn und auch mich zu überzeugen. Denn auch mir war das Herz mittlerweile ganz schön in die Hose gerutscht und ich betrat mit wortwörtlich zitternden Knien die Bühne.

Ich hörte die Stimmen und die Ankündigung unseres Beitrags wie durch Watte und sah mich selbst auf der riesigen Freilichtbühne vor den tausenden Zuschauern, als hätte ich meinen Körper verlassen.

Thomas Fritz Jung in der Produktion «Nibelungenleader» aus der aktuellen Spielzeit am Theater Konstanz. Bild: Bjørn Jansen

Und irgendwann tanzen plötzlich alle

Irgendwann merkte ich, dass das Lied längst angefangen und mein Freund Jens schon zu performen begonnen hatte. Ich fing an wie ein Wilder die Gitarre zu bearbeiten, die mir umgehängt worden war. Bis dahin hatten wir immer nur auf Tennisschlägern „geübt“.

Erst als die Absperrungen zur Bühne von mitsingenden und mittanzend Jugendlichen überrannt wurden, wusste ich, dass die mutige Entscheidung die richtige gewesen war. Durchströmt von Glücksgefühlen genossen wir den Erfolg und liessen uns feiern. Was für ein Erlebnis!

Von Adrenalin überflutet

Auch heute, vor und während der Premieren und Vorstellungen durchleide und geniesse ich diese Gefühle. Von Adrenalin überflutet, verschwimmen der Raum und die Zeit. Alles geschieht gleichzeitig und doch wie in Zeitlupe. Ein Gefühl des völlig ausgeliefert seins und der Allmacht. Erhebend und beängstigend zugleich. Meine Ängste zu kennen, zu überwinden und daran zu wachsen ist ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit.

Eine wichtige Hilfe ist dabei natürlich mich im Vorfeld mit dem Material zu beschäftigen, immer tiefer einzutauchen, die eigene Unwissenheit und Grenzen spüren und diese in kleinen Schritten zu überwinden.

Die Möglichkeit zu versagen oder aber im besten Fall den Erfolg und die Bewunderung zu ernten, wohnt immer dem „erstes Mal“ inne. Eine reizvolle Gefahr, die süchtig macht.

«Der Rausch und der Kick des Spielens vor Publikum ist ein wesentlicher Antrieb»: Der Schauspieler Thomas Fritz Jung über seine Motivation, auf die Bühne zu gehen. Bild: Theater Konstanz

 

Die Serie #meinerstesmal

Dinge zum ersten Mal zu tun, ist immer etwas Besonderes. Der erste Schultag, der erste Kuss, die erste eigene Wohnung - fast jeder kann sich an diese ersten Male erinnern. Bei Kulturschaffenden ist so ein besonderer Moment - das Debüt. Oder das erste Mal vor Publikum stehen. Genau dieses Gefühl wollen wir mit der neuen Serie einfangen.

 

Was treibt diese Menschen an? Wie fängt man so was an? Und wie fühlt sich das an, wenn man mit einem künstlerischen Debüt, ganz gleicher welcher Sparte, vor ein Publikum tritt? Wenn man gewissermassen über sein eigenes Leben hinaus und in das Leben der anderen hinein tritt? Man plötzlich öffentlich wahrnehmbar wird, sich zeigt und, nun ja, heraus ragt?


Jeder kann mitmachen: Möchtest Du uns auch Deine Geschichte von Deinem ersten Mal erzählen? Dann mach das doch! Das Format ist aber offen für jeden Künstler: Wer seine Geschichte mit uns teilen möchte, schreibt einfach eine Mail mit seinem Text (auch Video- und Audiodateien sind möglich) an unsere Mailadresse: michael.luenstroth@thurgaukultur.ch

 

Alle Texte auf einen Blick: Wir sammeln alle Beiträge der Serie in einem Themendossier. Das findet ihr hier.

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