von Anabel Roque Rodríguez, 22.01.2020

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Vier von vielen: Diese Männer sind Opfer von homophoner Gewalt geworden. Der Zürcher Künstler Alex Demarmels hat ihre Porträts bearbeitet, um das Thema in den Mittelpunkt zu rücken. | © Alex Demarmels

Homophobe Gewalt: Eine Ausstellung im HORST von WidmerTheodoridis nimmt sich des oft verschwiegenen gesellschaftlichen Problems an – und bezieht klar Stellung. Gerade rechtzeitig vor der Abstimmung über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm am 9. Februar.

«Aber das passiert doch nicht in der Schweiz.» «Das war mir nicht klar.», sind nur ein paar Äusserungen, die einem immer wieder begegnen, wenn man über Diskriminierung spricht. Privilegien machen einen blind für die Ungerechtigkeiten, die Anderen im Alltag widerfahren.

Nun hat eine Ausstellung im neuen Projektraum «Horst» in Eschlikon der beiden Ausstellungsmacher WidmerTheodoridis eröffnet, bei der es im wahrsten Sinne des Wortes darum geht, Gesicht zu zeigen. «Hitten faces» des Zürcher Künstlers Alex Demarmels porträtiert homosexuelle Männer, die Opfer von Hassverbrechen geworden sind.

Jordanis Theodoridis im Gespräch mit dem Künstler Alex Demarmels. Bild: Anabel Roque Rodriguez

Am 9. Februar wird abgestimmt über eine neue Strafnorm

Die Ausstellung ist zeitlich perfekt koordiniert, denn am 9. Februar wird in der Schweiz über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm abgestimmt, diese soll nun auch Aufrufe zu Hass und Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung unter Strafe stellen. Rechte, die schon längst für religiöse oder ethnische Minderheiten gelten.

Es ist leicht beim Scrollen durch das Internet im Strudel der Nachrichten Namen, Orte, Geschichten zu überblättern, es jagt ja doch letztendlich nur eine Schlagzeile die nächste. Dem Künstler Alex Demarmels geht es da ähnlich, und doch hat ihn eine Geschichte von der er gelesen hat, nicht mehr losgelassen: am 15. Juni 2019, in der Nacht nach der Gay Pride in Zürich, ist ein schwules Paar mitten in der Stadt Opfer eines gewaltsamen Hassverbrechen geworden.

«Hitten faces» - der Name ist Programm und geht darüber hinaus

Von dem Opfer war ein Bild zu sehen, “es ist mutig von einem 29-jährigen sich mit vollem Namen und Gesicht zu zeigen”, sagt der Künstler. Diese Geschichte wird zum ersten Porträt in seiner Serie “Hitten Faces”. Die Männer sehen den Betrachter durchdringend an, ducken sich nicht weg und beanspruchen einen Raum, der ihnen durch gewaltsame Angriffe im Alltag nicht eingeräumt wird.  

Demarmels kennt keinen der Männer persönlich, sondern findet alle Geschichten und Porträts im Internet. Er sucht die Bilder und malt diese anschliessend. Es ist eine bewusste Verlangsamung des Digitalen, in ein zeitintensives Medium, wie die Malerei.

Arbeiten von Alex Demarmels im Horst Eschlikon. Bild: Anabel Roque Rodriguez

Homophobie gibt es auf der ganzen Welt

«Homophobe Gewalt kommt überall vor», sagt der Künstler. So führen ihn seine bisherigen Recherchen nach New York, Paris, Wales, Zürich, Barcelona, Orlando, München oder London, alles weltoffene Städte, von denen man mehr Toleranz erwarten würde. Die Porträts sind alle in Signalfarben gemalt, im Englischen gibt es eine sprachliche Verbindung zwischen dem Begriff “gay” für schwule und einer historischen Bedeutung des Wortes für leuchtende grelle Farben.

Die Porträts fallen durch die Farbwahl besonders auf und nehmen sich die Aufmerksamkeit, für die sie in der Öffentlichkeit oft mit Gewalt bestraft werden, als ob man die sexuelle Orientierung eines anderen Menschen über Gewalt und Dominanz kontrollieren könnte.

Diskriminierung und Angriffe sind Alltag

Der Titel «Hitten faces» ist auch eine Art Wortspiel mit «hidden» verborgen, denn natürlich sieht man Menschen die sexuelle Orientierung nicht auf den ersten Blick an. Man spricht von einem «Coming-out» wenn Homosexuelle ihre Orientierung öffentlich machen.

Diskriminierung und Angriffe finden häufig subtil im Alltäglichen statt und werden von Dritten manchmal kaum wahrgenommen. Die Angst vor unbekannter Gewalt, die Form von Aggression, die plötzlich und grundlos passiert, äussert sich darin, dass Betroffene sich darüber Gedanken machen, ob sie mit ihrem Partner in der Öffentlichkeit Hand in Hand gehen, ob man nachts wirklich den kürzeren Weg über den Park wählt und ob man Abends bei Schritten hinter sich, nicht doch automatisch schneller wird.

Weithin sichtbar: Der neue Ausstellungsort Horst in Eschlikon des Galeristen-Duos WidmerTheodoridis. Bild: Anabel Roque Rodriguez

Über Vergänglichkeit und Unheimliches

Die Porträts in der Ausstellung sind Bildern aus seiner Reihe «Night Glow» gegenübergestellt. Pflanzen, die Alex Demarmels nachts bei Laternenschein fotografiert und anschliessend malt. Die Nacht hat etwas Unheimliches und Nachdenkliches. Sieht man sich die anderen Serien im Schaffen des Künstlers an, stehen diese Arbeiten viel eher für die Themen des Künstlers. Im Zentrum stehen bei ihm die Natur, der Tod und die Vergänglichkeit, klassische Motive aus der Kunstgeschichte.

 «Angefangen habe ich vor allem mit Bildern aus Familienalben. Die Vergänglichkeit und Endlichkeit waren da schon ein Thema. Bei Toten gibt es immer ein Foto in Passgrösse, dass auch auf den Gräbern zu sehen ist. Es ist wie ein Festhalten des Toten im Leben.», erzählt Demarmels auf die Frage, wie er eigentlich zu den Porträts gekommen ist. Natürlich ist die Auseinandersetzung mit dem Tod auf seine eigene Weise politisch – und man kann darüber diskutieren, ob Kunst jemals unpolitisch sein kann – aber die Serie «Hitten Faces» ist Alex Demarmels erste explizit politische Serie. Das Private wird hier politisch «Kann man denn eigentlich wirklich so frei sein, wie man ist?», fragt er an einer Stelle nachdenklich.

Wenn das Private politisch wird

Während der Eröffnung wird über die letzten homophoben Angriffe gesprochen, zuletzt wurde in der Silvesternacht ein Paar angegriffen. Es wird auch zu einer Diskussion über Zivilcourage, wer schaut denn bei einem Angriff wirklich hin und kommt zur Hilfe. Einer der Gäste berichtet von einem Vorfall, bei dem er eingegriffen hat: «Ich bin dann selbst in Probleme gekommen und musste wegrennen.»

Es wird viel über die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm gesprochen, darüber, wie wichtig eine solche Vorschrift ist, um auch gesetzlich ein Zeichen zu setzen und auch darüber, dass Kritiker Angst vor der Einschränkung der Meinungsfreiheit haben. «Homosexuelle wollen keine Extrawurst, sondern den gleichen Schutz wie religiöse Minderheiten und Ethnien. Das Gesetz ist seit über fünf Jahren in Bearbeitung, andere Länder in Europa haben längst solche Gesetze.» Im Übrigen muss man sagen, dass die gesetzliche Erweiterung nur sexuelle Orientierung, aber nicht sexuelle Identität einschliesst, sprich Transmenschen sind von dem Schutz ausgeschlossen.

Der «Horst» als Ort des Nachdenkens

Nach der Schliessung der Galerie, zeigt sich der neue Projektraum «Horst» von Werner Widmer und Jordanis Theodoridis kleiner und experimenteller. Der neue Ort steht in krassem Kontrast zum ehemaligen modernen Galerieraum, der viel eher zum klassischen «White Cube» passt. WidmerTheodoridis haben aber einen Tradition mit untypischen Orten, als Hauptraum ihrer alten Galerie in Zürich diente eine mittelalterliche Backstube und als Projektraum wurde der wunderliche Ehegraben bespielt, in Eschlikon gehörte zur modernen Galerie auch der ehemalige Stall in dem experimentellere Arbeiten gezeigt wurden.

Nun ist es eben ein Beton-Turm in der Nähe des Bahnhofs Eschlikon Der Eingangsbereich im Erdgeschoss dient als Kleinstausstellungsfläche und über eine schmale Treppe erstreckt sich weiter Platz für Kunst, mal im Treppenaufgang, mal in den kleinen Plattformen, die als Stockwerk dienen mit Platz für ein, zwei Bilder. Am Ende der Treppen befindet sich das eigentliche Juwel, die Zentrale der Galerie mit einem weiten Blick über Eschlikon. «Es ist ein Luxus sich konzentrieren zu dürfen und sich Zeit zu nehmen», sagt Theodoridis.

Der Horst in Eschlikon. Bild: Anabel Roque Rodriguez

Im Februar geht es im Horst weiter

Nach Jahren klassischer Galeriearbeit wollen die beiden nun programmatischer Arbeiten. Im Horst zeigen sie nun jeden Monat, immer nur am 15., eine künstlerische Position, die sich der Porträtdarstellung widmet. «Das Thema Porträt soll aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden.» Die letzte Präsentation findet am 15. August 2020 statt. Dazwischen können die Ausstellungen nach Vereinbarung besucht werden.

Der Besuch zu den Eröffnungen lohnt sich, es sind keine klassischen Vernissagen, die überfüllt sind, sondern intime Zusammentreffen: man diskutiert, darf Fragen stellen und lernt wirklich mehr Hintergründe kennen. Die nächste Künstlerin in der Serie ist Anita Zimmermann aus St. Gallen am Samstag, 15. Februar 2020, 18 Uhr.
 

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