von Niculin Janett, 11.08.2015
Genuss. Vergnügen? Arbeit!

So. In diesem Blog geht's jetzt einfach mal ums Musikhören. Ein Genuss. Ein Vergnügen. Arbeit? Für mich durchaus - zum Glück nicht nur. Als Musiker empfinde ich es aber als schwierig, Musik einfach nur zur Unterhaltung zu hören. Sozusagen eine „déformation professionelle“.
Es gibt kaum eine „Beschäftigung“ die mir mehr Vergnügen bereitet als das Musikhören. Nicht nur aus dem simplen Grund, dass Musik viele Emotionen in mir auslösen kann. Sondern gerade auch aufgrund meines grossen „Fachwissens“, welches ich beinahe unbewusst auf gehörte Musik anwende. Die Musik erhält so eine zusätzliche, spannende Ebene. Der analytische Experte in meinem Hirn arbeitet so meist still im Hintergrund vor sich hin, während ich mir, wie jetzt gerade, dieses Video ansehe (anhöre):
Luna Monti und Juan Quintero mit Miguel Zenón. (Quelle: Youtube)
Ich höre hier eine schöne, positive und doch melancholische Folk-Melodie und bin berührt von der Sanftheit der Musik. Sofort nehme ich aber auch Dinge wahr, die einem „Nichtmusiker“ eventuell verborgen bleiben. Zum Beispiel der (für mich als Europäer) ziemlich abgefahrene Gitarrenrhythmus, gespielt vom Kolumbianer Juan Quintero.
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Würde die Sängering Luna Monti den Puls nicht mit ihren lustigen Raschel-Säckchen (keine Ahnung wie man die nennt) spielen, hätte ich ziemlich sicher beim Zählen die Eins an einem falschen Ort platziert.
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Das quirlige Saxophon-Solo von Miguel Zenón ist nicht nur ein wunderschöner musikalischer Moment, sondern auch ein Ausdruck von erstaunlichem saxophonistischem Handwerk, rhythmischer Autorität und einem wundervollen Klang. Miguel verbindet motivische Arbeit mit seiner kilometertiefen Kenntnis der Bebop-Sprache, alles butterweich phrasiert und platziert.
Ganz etwas anderes: Eminem.
„Rap God“, von MMLP2. (Youtube)
Ich hatte immer schon eine Schwäche für den polarisierenden Rapper aus Detroit. Seine verrückte, aggressive, selbstironische Energie finde ich etwas vom Erfrischendsten, was dieses Genre zu bieten hat. Ich bin mir sicher, dass gewisse Leute da ganz anderer Meinung sind – polarisierend eben, dieser Marshall Mathers.
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Rhythmisch ist Eminem für mich etwas vom Grössten. Was zum Beispiel bei Minute 3:57 abgeht ist ziemlich bescheuert. Sein Phrasing und die rhythmischen Platzierung seiner Betonungen sind total abgefahren und ziemlich „hip“, wenn ich da in meine Schatulle des Jazzmusiker-Jargons greifen darf.
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Harmonische Analyse im Kopfkino
Diese Mischung aus Vergnügen und Analysieren beim Musik anhören kann spannend, aber manchmal doch auch recht anstrengend sein. Vor allem dann, wenn man einfach die Musik geniessen will, aber sich immer dabei ertappt, wie man im Kopf eine harmonische Analyse der Komposition erstellt. Das kann schon auch mal auf den Wecker gehen...
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Für meine musikalische Entwicklung ist dieser simple Akt des Musikhörens extrem wichtig, vor allem auch wenn ich mir Aufnahmen von mir selber anhöre und durch die kritische Analyse mein tägliches Schaffen effizienter gestalten kann. Musikhören und schlussendlich darüber nachdenken ist in meinen Augen eine der besten, wenn nicht die beste „Übung“, kaum etwas nimmt einen solch direkten Einfluss auf das Spiel. Und deshalb höre ich mir im Moment so viel Musik an wie es nur geht.
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Und dies bringt mich zum Schluss, denn die Zeit rennt mir davon und Christian McBride wartet auf mich im Jazzstandard. Drum endet dieser Blogeintrag für einmal etwas abrupt.
Ein schönes Wochenende allerseits! Cheers.
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Ein Jazzer in New YorkNiculin Janett (25) lebt seit seiner Geburt in Sulgen. Der Saxophonist, Sänger und Komponist studierte an der Zürcher Hochschule der Künste Jazzsaxophon. Seit 2008 ist er in verschiedensten Formationen aktiv. Seine Hauptprojekte sind Janetts Jazzmusik-Baukasten, das Duo The Sad Pumpkins und die Volksmusik-Familienkapelle C’est si B.O.N. Von Juli bis September 2015 ermöglicht ihm der Kanton Thurgau einen Atelieraufenthalt in New York City. Diesen will er nutzen, um seine instrumentalen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, Freiraum für das Komponieren zu haben und musikalische Beziehungen zu knüpfen und weiter zu vertiefen. Für thurgaukultur.ch berichtet er regelmässig aus dem Big Apple. (rom) |
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Bisher erschienen:
Yankees and all that jazz - thurgaukultur.ch vom 01.08.2015
Improvisations-Blues - thurgaukultur.ch vom 24.07.2015
Amazing Days - thurgaukultur.ch vom 17.07.2015

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- Lernen von den Besten (05.10.2018)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Musik
- Kolumne
Kommt vor in diesen Interessen
- Blog
- Jazz
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