von Inka Grabowsky, 15.02.2016

Shakespeare voll im Saft

Shakespeare voll im Saft
Ein unvergesslicher Hexenkessel, geformt von Statisten, für „Macbeth“. | © Inka Grabowsky

Theagovia, Theater Jetzt und Kultur im Eisenwerk erinnern dieses Jahr an den 400. Todestag von William Shakespeare. Als erstes von drei neuen Stücken hatte „Shakespeare auf Mostfahrt“ Premiere.

Inka Grabovsky

Shakespeares Werke touren im Stück von Autorin und Regisseurin Michaela Bauer durch ganz „Mostindien“ – sowohl innerhalb der Bühnenhandlung als auch im wirklichen Leben. Die Konstanzerin hat aus diversen Dramen die schönsten Szenen zusammengeschrieben und heftig verdichtet. Um die Szenen herum hat sie einen Rahmen gestrickt. Die Schauspieler, die mit den Shakespeare-Appetithäppchen auf Tournee gehen, erleben hinter der Bühne ebenfalls Dramen. Auch bei ihnen geht es um Eifersucht, Eitelkeit, Liebe und Lust. „Shakespeare hat sich schon bei den griechischen Tragödien bedient und herausgezogen, was zutiefst menschlich ist“, erklärt Bauer. „Das verliert nie an Aktualität.“ Ursprünglich hatte sie in Erwägung gezogen, das Ulk-Stück „Shakespeares sämtliche Werke leicht gekürzt“ aus dem Jahr 1987 aufzuführen, die Idee dann aber verworfen. „Es war uns mit 2 1/2 Stunden Text nicht nur zu lang, sondern auch zu derb. Also habe ich selbst ein Stück zusammengeschrieben, das 90 Minuten lang ist, für jedermann verständlich, und dass man auch mit Kindern oder Schulklassen besuchen kann, ohne rot zu werden.“ Ziel sei es gewesen, komplexe Stücke wie Othello, Die Lustigen Weiber von Windsor, Der Widerspenstigen Zähmung oder Macbeth auf ihre jeweilige Schlüsselszene zu reduzieren.

Ein Held in Strumpfhosen: Peter Wenk in einer seiner vielen Rollen. (mit Rudi Hartmann am Akkordeon)

 

Die hohe Kunst der Konzentration

Naturgemäss kann man in zehn-minütigen Ausschnitten einem ganzen Drama nicht wirklich gerecht werden, selbst wenn man mutig Texte zusammenlegt, die im Original Akte voneinander entfernt sind. Doch der Kunstgriff des „Stücks im Stück“ erleichtert das Verständnis. Der „Regisseur“ der Truppe fasst jeweils kurz zusammen, was zuvor geschah. Auf diese Weise kann man bequem die eine oder andere Bildungslücke füllen. Die Shakespeare-Szenen beruhen alle auf der modernen Übersetzung von Frank Günther, damit soll auch die letzte Sprachbarriere ausgeräumt werden. Viel wichtiger jedoch ist wahrscheinlich die Lust an der Improvisation, die uns Shakespeares Idee vom Theater näherbringt. Zwar verfügt die heutige Wanderbühne über Kostüme und ein äusserst multifunktionales Bühnenbild, für die Spezial-Effekte jedoch setzt sie wie die Theatermacher vor 400 Jahren Fantasie ein. Der Wald im Sommernachtstraum besteht ebenso aus Statisten wie der Hexenkessel in Macbeth. Diese einzigartigen Bilder bleiben den Zuschauern mutmasslich länger im Gedächtnis als die wohlgesetzen Worte. Mitmach-Theater gibt es für das Publikum bei der Geräuschkulisse. Wind und Wellen in „Der Sturm“ sind handgemacht, genau wie raschelndes Laub und Eulenschreie im „Sommernachtstraum“.

Statisten bilden den wundersamen Wald im Sommernachtstraum.

Die Kooperative „TG.Shakespeare“

Die drei Initianten der Arbeitsgemeinschaft „TG.Shakespeare“ - Theagovia, Theater Jetzt und Kultur im Eisenwerk - haben sich für das Jubiläumsjahr einiges vorgenommen. Drei Regisseure führen mit rund hundert Beteiligten drei neue Stücke auf, die jeweils Shakespeares Werke aktualisieren und in den Thurgau versetzen. „Shakespeare auf Mostfahrt“ wird bis Oktober an sieben verschiedenen Orten gezeigt. Im Frühjahr folgt „Wir sind Shakespeare“, im Herbst „Ein Sommernachtsalbtraum“. Einige Schauspieler werden an allen 33 Aufführungen mitwirken. Ausserdem teilen sich die Truppen das Bühnenbild und die Kostüme, so dass im Auge des Betrachters ein Gesamtkunstwerk entsteht.

Regisseurin und Autorin Michaela Bauer (schwares Kleid) im Zentrum ihres Ensembles.

Trailer

 

Was bleibt...

Das eigens zusammengestellte Ensemble von „Shakespeare auf Mostfahrt“ bringt viel Spielfreude auf sieben Thurgauer Bühnen. Die Laien, die Schauspieler darstellen, dürfen tief in die Klamottenkiste tauchen – auch im wahrsten Sinn des Wortes. Die Kostüme sind bemerkenswert. Vor allem aber dürfen sie chargieren, dass es eine Freude ist. Subtil ist das nicht. Aber lustig. Die Zuschauer erleben kurzweilige 90 Minuten mit schrägem und schönem Gesang. Auch Shakespeare-Anfänger werden sich amüsieren. Wer Original und Neuinterpretation vergleichen kann, hat aber sicher mehr von der Performance.

 

Inka Grabowsky

 

*** In unserer neuen Reihe "Was bleibt..." sammeln wir alle Eindrücke, Lehren, Gedankenschätze und auch kritische Beobachtungen, die unsere KorrespontentInnen von den Veranstaltugnen zurück mit in die Redaktion bringen.

Sie waren auch bei der Vorstellung und hatten einen ganz anderen Eindruck? Lassen Sie es uns wissen! Hier in den Kommentaren oder per E-Mail oder Kommentar auf Facebook und Twitter. Wir freuen uns! ***

 

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