Zum 82sten Mal fand am vergangenen Wochenende der Frauenfelder Militärwettmarsch statt. Ein Filmteam drehte während des Laufes Szenen für den Film „Der Läufer". Zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, prallten hier aufeinander. Doch ist das wirklich so?

Von Zora Debrunner

Der „Frauenfelder" wirkt auf den ersten Blick wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, mag man denken, wenn man jeweils am dritten Sonntagmorgen im November durch Frauenfeld fährt. Männer und Frauen in militärischen Kleidungen marschieren zu Blasmusik durch die Stadt. Eine alte Kanone gibt den Startschuss. Die Autofahrer sind genervt, weil sie nicht so rasch wie möglich durch Frauenfeld fahren können, sondern gezwungen sind, so lange zu warten, bis die Polizei die Strasse wieder frei gibt.

Dieses Jahr ist alles anders: Contrast Film dreht Szenen für den Spielfilm „Der Läufer" mit Max Hubacher. Darsteller und Crew marschieren mit den Läufern von der Kaserne auf den Marktplatz, bereiten sich für den Start vor. Die Kameras konzentrieren sich auf den fiktiven Läufer Jonas, gespielt von Hubacher. Dieser versucht mittels Sport seine persönlichen Probleme zu lösen. Mit dem Tod des Bruders aber bricht eine Welt für den Läufer zusammen; er begeht Straftaten und es kommt zum Showdown.

Max Hubacher hat die ersten Kilometer des „Frauenfelders" zusammen mit den Wettkämpfern absolviert; er hat extra dafür trainiert. Er wirkt fit und konzentriert, fällt nicht weiter auf unter den anderen Waffenläufern.

Der Schauspieler Max Hubacher («Der Verdingbub», rechts) bereitete sich nicht nur mit Laufen auf seine Rolle vor, sondern ist im Anschluss an diese Filmszene auch in Echt gestartet. Bild: Sascha Erni

Mir scheint ein Film über einen Waffenläufer etwas altmodisch. Noch vor zwanzig Jahren waren über 600 Waffenläufer hier am Start, heute sind es noch etwas mehr als 200. Wer also sollte sich für einen Film über einen Läufer interessieren, der in Uniform und mit einem Gewehr auf dem Rücken einen Marathon rennt?

Der Grund liegt nahe, wenn man sich in den letzten Jahren mit diesem Sport auseinandergesetzt hat. 2002 fasste die Polizei einen Mann, der eine Frau getötet und eine andere schwer verletzt hatte und nach dem wochenlang mittels Phantombild gefahndet wurde. Dieser Mann war 1998 und 2001 der strahlende Sieger des „Frauenfelders" und eine grosse Hoffnung für den Schweizer Wehrsport gewesen. Sein Gesicht war auf den Titelseiten der Boulevard-Medien – und weil es von diesem Menschen offenbar keine anderen Aufnahmen gab als jene, in denen er im Tarnanzug sportliche Höchstleistungen erbracht hatte, veröffentlichte man diese und nannte ihn schlicht den „Waffenlaufmörder". Das haftet dem „Frauenfelder". zumindest bei schlecht-informierten Medienschaffenden, noch immer an.

Doch der Waffenlauf ist mehr als das, was gewisse Medien aus ihm gemacht haben. Er ist ein Stück Thurgauer Kulturgeschichte. Der „Frauenfelder" entstand in einer Zeit, in der die Menschen begründete Angst vor Krieg hatten, gerade hier an der Grenze. Fitnesscenter und Joggen waren für hart arbeitenden Menschen auf dem Land und in der Stadt eher Fremdwörter. In der Rekrutenschule und im WK hatten die Männer die Möglichkeit, sich fit zu halten. Aber da ist auch noch etwas anderes, was an diesem Sport fasziniert: Die Läufer leben Kollegialität und Sportsgeist, das will heissen, dass sie sich gegenseitig während des Laufs und oft auch dazwischen unterstützen und ihre Freundschaften pflegen. Vielleicht hallen deshalb die Taten jenes Mannes, der diesen Lauf zwei Mal gewonnen hat, so sehr nach.

Der Wettkampf fand wie gewohnt statt, das Filmteam musste sich anpassen. Gewonnen hat nach 42 Kilometern der Winterthurer Raphael Josef. Bild: Sascha Erni

 

Der „Frauenfelder" treibt nicht nur die Sportlichen an, sondern auch die Künstler. Dieter Berke  gestaltete 1984 das Aufnahmekonzept für das Jubiläumsbuch „50. Frauenfelder 1984". Seine Bilder der Sportler aller Alterskategorien sind zu Ikonen des Laufsports geworden. Sie erzählen aus längst vergangenen Zeiten und lassen doch in ihrer Intensität keinen Zweifel daran, dass der „Frauenfelder" mehr ist als ein gewöhnlicher Marathon.

Es bleibt zu hoffen, dass das Filmteam sich der Bedeutung des „Frauenfelders" bewusst ist. Vor Ort hatte ich jedenfalls den Eindruck, dass dem so ist. Ich freue mich auf den Film.

 

Zora Debrunner ist Autorin von Thurgaukultur und sitzt auch im Organisationskomittee des "Frauenfelder" Militärwettmarsches.