von Brigitta Hochuli, 21.09.2013

Für Tanja Kummer kommt „alles Gute aus dem Thurgau“

Für Tanja Kummer kommt „alles Gute aus dem Thurgau“
Hier ist ihre Heimat: Tanja Kummer hoch über Frauenfeld. | © Brigitta Hochuli

Die in Frauenfeld aufgewachsene junge Autorin Tanja Kummer hat eine poetische, märchenhafte und lustige Thurgauer Tour d‘ Horizon unternommen. Und sie schreibt an ihrem ersten Roman.

Brigitta Hochuli

Tief unter dem Frauenfelder Plättli Zoo liegt das Quartier, in dem Tanja Kummer aufgewachsen ist. „Es hat sich viel verändert“, sagt die 37-jährige Autorin und lässt den Blick in die Ferne schweifen zum Seerücken über dem Tal. Sie ist etwas nervös, denn in einer Woche findet im kantonalen Staatsarchiv die private Vernissage ihres neuen Buches statt. „Alles Gute aus dem Thurgau“ heisst es mehrdeutig.

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Es ist ein heiteres Buch mit 14 Kapiteln vom Most bis zum Ei, von der pechschwarzen Bodenseekatze bis zur Schlossherrin Hortense, vom Guggehürli bis zum Räuchlisberg, mit viel Dialekt gespickt - „ein Fass ohne Boden!“. Fünf der 14 Texte hat Tanja Kummer in spoken word-Manier früher schon für das Trio „vergiiget - verjuchzed - verzapft“ verfasst, mit dem sie den Thurgau in die Schweiz hinausträgt. Dem Rest der Geschichten liegen vier Jahre Archivrecherche, Gespräche und Ortsbesichtigungen zu Grunde. Dabei hat sie erfahren, wie zuvorkommend, offen, freundlich und humorvoll die Thurgauer sind. Denn zu behaupten, die Olma-Bratwurst stamme in Wahrheit aus Pfyn oder Klein Nappi vom einstigen „Narrenberg“ sei ein Käferliebhaber gewesen, ist dann doch etwas gewagt.

Bei Tanja Kummer kommt kein Thurgauer zu kurz. Sie hat jede Gegend abgeklappert. Nur für die Kartause fehlte zum Schluss der Platz im Buch. Besucht hat sie sie trotzdem, und es ist dort eine Art Wunder geschehen. Die Heilwirkung von Ittingen hat die Autorin von einem Augenleiden befreit!

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A propos Dialekt. Bei Tanja Kummer klingt er so:

Huhn oder Ei?
Im Thurgau flüüst d’Thur dur de Thurgau dure drum heisst de Thurgau Thurgau de Thurgau heisst Thurgau weg de Thur wo dur de Thurgau dure flüüst wobii wer weiss worschindli heisst d’Thur wo dur de Thurgau dure flüüst Thur well si dur de Thurgau dure flüüst do wunderets würkli wiitum wa nochenand am Name no chunnt: d’Thur oder de Thurgau.

An der Schreibweise gibt‘s nichts zu mäkeln. Begutachtet hat sie Martin Hannes Graf, Redaktor am „Schweizerischen Idiotikon“, der 2012 eine Arbeit über die „Thurgauer Mundart in Geschichte und Gegenwart“ vorgelegt hat. Und die Sprechweise? Wie hat‘s Tania Kummer mit dem Thurgauer Idiom? „Ich bin von Hänseleien weder betupft noch beleidigt“, sagt sie. „Mein Dialekt schmälert mein Dasein jedenfalls nicht.“ Nicht von ungefähr komme die Ostschweizer Dominanz in der Poetry-Slam Szene, die sie gut kennt und die auch den Thurgauern ein neues Selbstbewusstsein gegeben habe.

Manche Passagen in ihrem Thurgaubuch klingen denn auch wie geslamt. Dem stimmt sie zu. Aber nach zwei, drei Wettbewerbs-Auftritten habe sie den Versuch abgebrochen. Zu gross sei ihre Angst gewesen. „Mir liegt der Kaltstart nicht.“

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Dass Angst ein Thema für diese junge hübsche Autorin ist, erstaunt, so leicht und süffig lesen sich ihre Thurgau-Texte. Doch sie schreibt an ihrem ersten Roman über eine Frau und Mutter, deren Leben ganz von der Angst durchdrungen ist. 2010 hat sie für diese Arbeit einen Förderbeitrag des Kantons erhalten. Bei der Übergabefeier sagte Verlegerin und Laudatorin Elisabeth Tschiemer, es sei seit langem ein legitimer Ansatz erzählender Literatur, die Klangfarben der Angst in eigener Erfindungskraft auszuloten. Nun, die Erzählerin kommt diesem Ziel nach anfänglichen Schwierigkeiten immer näher. „Jetzt kenne ich mich aus in meinem Text“, sagt sie. Aber es gilt wie beim Thurgau-Buch: Recherche ist alles! Tanja Kummer hat sich inzwischen auch auf diesem Gebiet zur Expertin entwickelt.

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Tanja Kummer, Alles Gute aus dem Thurgau, ein Buch aus der Perlen-Reihe des knapp Verlags, 1. Auflage 2013 - Das Buch erscheint am 30. September.

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Tanja Kummer

Geboren 1976 in Frauenfeld TG. Die gelernte Buchhändlerin (bei Huber Frauenfeld) und Journalistin präsentiert wöchentlich einen Buch-Tipp bei Radio SRF 3 und lebt als Schriftstellerin in Winterthur. Für ihr bisheriges Werk – Lyrik und Erzählungen, erschienen im Zytglogge Verlag und bei Ivo Ledergerber – wurde sie mit diversen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquium Berlin. Tanja Kummer war zudem Jurorin bei der Internationalen Bodensee-Konferenz und beim „Junge Texte“ Festival Thurgau.

Am 11. Oktober, 9.15 bis 10.15 Uhr, liest sie auf der Frankfurter Buchmesse im Panschen Literatursalon.

Weitere Informationen: www.tanjakummer.ch

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Martin Hannes Graf, „Thurgauer Mundart in Geschichte und Gegenwart“ in der Reihe Sprachen und Kulturen der Schweizerischen Akademie der Gestes- und Sozialwissenschaften, 2012

 

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