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von Judith Schuck, 01.11.2023

Der lange Tanz zu sich selbst

Der lange Tanz zu sich selbst
Aus The Giant im Mai 2023 | © Phönixtheater_René Oberholzer.

Ganz in der Tradition japanischer Denkweisen kehrte Regina Masuhr in ihrem Leben das Tragische zum Schönen und Sinnstiftenden. Die Künstlerin und Tänzerin aus Diessenhofen fand ihre Offenbarung im Butoh. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Ihre Bewegungen sind langsam und bedacht, bei ihrer Wortwahl achtet sie darauf, präzise zu sein. Manchmal braucht es mehrere Anläufe, bis der Ausdruck passt, eine Annäherung, um möglichst klar zu sein. «Es braucht Klarheit, um in die Tiefe zu gehen.» Regina Masuhr, die Königin aus den Masuren. Ihre Mutter stammte aus Ostpreussen, der Vater aus Baden-Baden. Geboren 1963 in Finnland, verbrachte sie ihre Kindheit in Skandinavien, oft allein, zurückgelassen in Luxushotels.

Grossgewachsen, langgliedrig, blond – die Skandinavierin würde man Regina Masuhr abnehmen. Doch schon bevor sie es wirklich wusste, stand sie der japanischen Kultur nahe. Erst mit 49 Jahren entdeckte sie Butoh für sich, einen japanischen Ausdruckstanz, bei dem es nicht um Können, sondern Verinnerlichen geht. Tatsumi Hijikata und Kazuo Ōno entwickelten ihn Ende der 1950er Jahre. Weiss bemalt, oft fast unbekleidet, langsame, bis ins Groteske gehende, verrenkende Bewegungen, die das Unsagbare darstellen wollen, das Innen nach Aussen holen.

Zu gross fürs Bühnenballet

«Butoh bedeutet für mich, nach Hause kommen», sagt Regina Masuhr, die am 3. November ihre Ausstellung «Going Home» in der Neuen Galerie für Gegenwartskunst in Schaffhausen eröffnet. Butoh sei nicht mit dem Verstand greifbar, «es ist für mich wie in eine andere Welt zu gehen, in die Tiefe des Inneren. Und dafür braucht es Klarheit.» 

Der Weg zur Klarheit war für die Künstlerin, die heute in Diessenhofen lebt, nicht einfach. Ihr Vater war Konzertpianist, 58 Jahre, die Mutter 24, als sie auf die Welt kam. Ihren Vater beschreibt sie als Lebemann, die Mutter als exzentrisch. 

 

Zum Botuh gehört auch die Gestaltung des Kostüms. Bild: Regina Masuhr

Allein in Luxushotels

In ihrer Kindheit war sie oft allein, in Hotels, nie ein festes Zuhause. So kam es, dass sie als Schutz vor dem Aussen ihre Aufmerksamkeit nach Innen richtete. Später in Karlsruhe besuchte sie die Balletschule, doch weil sie so schnell wuchs und zu gross für das Bühnenballet wurde, durfte sie nicht weitertanzen.

«Mit acht Jahren war ich in einer schrecklichen Klosterschule im Allgäu.» Sie selbst sei nicht Opfer von später aufgedeckten Missbrauchsfällen geworden, habe aber viel Schlimmes gesehen. Nach der Trennung ihrer Eltern zog sie mit ihrer Mutter in die Schweiz. 

Später im Internat bemalte sie ab und an ihr Gesicht weiss und tanzte für ihre Mitschülerinnen. Von Butoh hatte sie damals nicht die leiseste Ahnung, aber sie schien diese Philosophie schon in sich drin zu haben. Zum Butoh-Tanz gehört die weisse Haut, die Verfremdung, oft auch der kahlrasierte Schädel.

 

Performance zur Kunstwegeröffnung im Phönixtheater Steckborn im Mai 2023. Bild: René Oberholzer/Phönixtheater

Das Leben als Kunstwerk

Butoh ist mehr als ein Tanz. Butoh-Tänzer:innen seien in der Regel Kirschbauern oder Kaffeeverkäufer:innen gewesen, einfache Leute, erklärt Regina Masuhr. Ganz nach der Prämisse der avantgardistischen Kunst lagen die Anfänge in der Strassenperformance: Kunst muss raus aus den Museen, weg von der Akademie, rein in die Gesellschaft. 

Masuhr hat ebenfalls Brotjobs: Gemeinsam mit ihrem Mann kultiviert und verkauft sie Rosen in Zürich und Schaffhausen auf dem Markt; ausserdem ist sie Privatköchin. Was sie aus Blumen und Lebensmitteln schafft, ist auch Kunst. Prachtvolle Sträusse, Torten oder Köstlichkeiten, auch aus der Asiatischen Küche.

«Mein Vater hat mir das Kochen beigebracht», sagt sie an ihrem Küchentisch. Nichts Überflüssiges liegt in ihrer Küche herum, alles ist geordnet. Dass der Vater ihr die Leidenschaft für die Kochkunst mit auf den Weg gab, war gut. 

 

Im thailändischen Dschungel. Bild: Regina Masuhr

Ein Skandal in der Schweiz

Mit 20 Jahren gebahr sie ihren Sohn. Unehelich, was damals in der Schweiz ein Skandal war. Die Eltern der Mitschüler:innen hätten Unterschriften gesammelt, um sie von der Schule zu verweisen. Um für sich und ihren Sohn, «das Beste, was mir je passieren konnte», sorgen zu können, kochte sie in einer Genossenschaftsküche.

Später absolvierte sie in Zürich die Ausbildung zur Tanz- und Bewegungstherapeutin bei Regina Garcia, «ein grosses Glück», wie sie heute sagt. 2011 schliesslich entdeckt sie Butoh für sich und belegte Workshops bei Atsushi Takenouchi in der Schweiz und in Warschau, «eine Offenbarung». 

Butoh auf der Zürcher Bahnhofstrasse

Ihr Lehrer brachte sie dazu, aufzutreten. Regina Masuhr wollte das erst gar nicht. Sie habe nur für sich tanzen wollen. 2018 gab sie eine Butoh-Performance in der Bahnhofstrasse in Zürich. «Ich hatte diese Idee. Die Bahnhofstrasse steht doch eigentlich sinnbildlich für den Kapitalismus. Dabei wollte ich Kapitalismus gar nicht werten. Aber ich fand es spannend, wie die Leute wohl auf meine Performance reagieren würden.» Unglaublich sanft hätten die Leute reagiert, rausgerissen aus ihrem Alltagsstress, «sie liefen weniger hektisch und manche haben gelächelt.»

Starke Emotionen auf der Rheinbrücke

Spektakulär war ihre Performance «The Flowing Roses» im März 2023 auf der gesperrten Rheinbrücke, die Diessenhofen und Gailingen verbindet, anlässlich des kulturellen Begegnungstags zwischen dem jüdischen Museum in Gailingen und dem Museum kunst +wissen in Diessenhofen. 

Masuhr betritt die Szene im schweren Pelzmantel, mit Kuscheltier. Viel Nebel. Schnell wird die Verbindung zum Holocaust klar, auch ein Teil ihrer persönlichen Geschichte: «Meine Namensgeberin überlebte Auschwitz. Sie war die beste Freundin meiner Mutter. Oft dachte ich in schweren Zeiten, wenn Regina das alles durchgestanden hat, schaffe ich das mit meinen Sachen auch.»

Schicht um Schicht

Die langsamen, teilweise verrenkenden Bewegungen beim Butoh brauchen Kraft. Sie transportieren Gefühle. Auf der Rheinbrücke gab es Applaus von 300 Zuschauer:innen, und auch Tränen. In Schaffhausen wird Regina Masuhr vor allem bildende Kunst zeigen, ihre Bilder und Objekte, Fotografien. «Meine Werke sind in der Regel türrahmenhoch. Gross wie ich», sagt sie. 

In ihren Arbeiten verarbeitet sie Schichtweise Papiere, Folien, Stoffe – in einem ist ein Ballettrock von ihr eingearbeitet – und fixiert alles mit hochwertigem Lack. Das Material selbst kann auch minderwertiger sein, Gefundenes, Slipeinlagen, Verpackungsmaterialien mit spannender Oberfläche.

 

Schicht um Schicht arbeitet die Künstlerin bei ihren Bildern. Bild: Regina Masuhr

Kleine Geheimnisse im Kunstwerk

Manchmal werden es 50 Schichten. Und die Künstlerin versteckt darin auch immer mal wieder etwas, darunter eine Postkarte des mexikanischen Freiheitskämpfers Emiliano Zapata. Sie schüttelt ein gerahmtes Bild aus der Serie «Frauen», die sie in veränderter Form in Schaffhausen zeigen wird, mit verheissungsvollem Lächeln. Etwas bewegt sich darin. Als politisch versteht sich Masuhr nicht, «ich bin menschlich. Politik ist nicht menschlich. Ich schaue immer auf die Menschen, zum Beispiel, was mit den Menschen jetzt in Israel und Palästina geschieht.»

Kunstwerke sind auch ihre Kostüme. Zum ursprünglichen Butoh gehört, dass sich die Tänzer:innen ihre Kostüme aus einem Stück Stoff selbst nähen, von Hand. Auch Masuhr kreiert ihre Röcke und Kleider selbst, manchmal verändert sie ein fertiges Teil, manchmal entwirft sie es komplett. Ihre Bilder erinnern an japanische Gemälde. Sie haben auch etwas Stoffliches, durch die vielen Schichten, eine mal reliefartige, mal zerklüftete Oberfläche, die viele Ge-Schichten unter sich birgt. 

In übertriebener Form nehmen sie die Unebenheiten handgeschöpften Papiers auf, dicke schwarze Pinselstriche ähneln japanischen Schriftzeichen. Eines ihrer Lieblingswerke ist die Installation «Hände», auf der sie Gummihandschuhe verarbeitet hat. Durch den Plexiglasgrund kann sie von hinten beleuchtet werden.

 

Die Welt. Bild: Regina Masuhr

 

Beseelter Tanz

In Schaffhausen zeigt sie neben ihren Papierarbeiten noch Fotoaufnahmen einer Performance, die sie in Mexico aufführte. Ihr Mann nimmt diese jeweils auf. Die Vernissage  von «Going Home» wird ebenfalls von einer Butoh-Performance begleitet. Darauf bereitet sie sich lange im Voraus vor, zieht sich zurück. Den kürzlichen Tod ihrer Mutter wird sie darin auch verarbeiten. «Eine Performance sollte besselt sein», sagt sie, sonst sei sie wirkungslos. Begleitet wird ihr Tanz von Neil Young, Dead Man. 

 

«Going Home» hat in Anbetracht ihrer Geschichte für Regina Masuhr viele Bedeutungen. Es geht bei ihrer Kunst aber immer auch um die ganz persönlichen Gefühle, die sie bei den Rezipient:innen auslöst.

Regina Masuhr sagt: «Es ist gut, wie alles gekommen ist.» Ihre Erlebnisse hätten sie zu dem gemacht, was sie heute ist. Eins kam zum anderen, alles gehört zusammen,. Ihr Leben ist Butoh.
 

Ein selten ordentliches Atelier. Regina Masuhr am Arbeitstisch. Bild: Judith Schuck

Die Ausstellung öffnet am 3. November

Regina Masuhr Butoh: «Going Home»
Malerei, Fotografie und Performance
3. bis 25. November 2023 im ggk – Neue Galerie für Gegenwartskunst, Webergasse 39, Schaffhausen.
 
Vernissage, 3. November
20 Uhr: Literarische Texte zur Ausstellung von und mit dem Autor René Oberholzer
20.15 Uhr: Butoh-Performance «Mother» von Regina Masuhr
20.30 Uhr. Zweiter Teil, Texte zur Ausstellung
 
Finissage, 25. November
19 Uhr: Butohart meets friends
 
Öffnungszeiten:
Do bis fr 16 bis 19 Uhr, Sa 11 bis 15 Uhr, So 12 bis 16 Uhr.
Titelbild von Going Home, Performance in Mexiko. Bild: Regina Masuhr

 


 

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