von Brigitta Hochuli, 07.02.2012

Ittingen brennt schon lichterloh!

Ittingen brennt schon lichterloh!
Der Ittinger Sturm in Bildern des Reportagebuchs von Peter Kamber. | © ho

Am 17. Februar hat das Theater Jetzt mit dem Sturm auf die Kartause Premiere. Der Sturm ist auch auf die Aufführungen gross. Forscher, Regisseur und Procurator erklären's.

Interviews: Brigitta Hochuli

Peter Kamber hat unter dem Titel „Der Ittinger Sturm“ eine „Historische Reportage“ geschrieben. Sie war eine Kurzfassung seiner Dissertation mit integralem Ittinger-Sturm Kapitel. Diese Doktorarbeit erschien mit langer Verzögerung erst 2010 im Chronos Verlag (501 Seiten). Titel: "Reformation als bäuerliche Revolution. Bildersturm, Klosterbesetzungen und Kampf gegen die Leibeigenschaft in Zürich zur Zeit der Reformation (1522-1525)".

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Herr Kamber, auf einen ersten Blick erinnern der Ostschweizer Bauernaufstand und die Brandschatzung des Klosters Ittingen von 1524 an den sogenannten arabischen Frühling von heute. Gibt es da tatsächlich Parallelen?

Peter Kamber: Revolten gibt es immer, wenn neue Einsichten Hoffnungen auf rasche Beseitigung von Ungerechtigkeit begründen und die Verhinderer dieser Veränderungen moralisch abgewirtschaftet haben. Damals gab es noch Leibeigenschaft. Die Mönche, die der ländlichen Bevölkerung selbst im Notfall jede seelsorgerische Hilfestellung verweigerten und hinter den Mauern der Klöster auch ihre eigenen Ordensideale vernachlässigten, hatten strenge Verwalter, die die Abgaben und Dienste der Bauern ohne Nachsicht eintrieben. Das machte die Klöster sehr unbeliebt – ähnlich wie korrupte Potentaten mancher Länder heutzutage, die nur ihr eigenes Wohlergehen vor Augen haben und die Bevölkerung verachten.

1524 gab‘s in der Kartause Ittingen ein tolles Besäufnis. Können Sie - wie die Theaterleute das ja tun werden - den Ereignissen ebenfalls eine humoristische Seite abgewinnen? Schliesslich prallten da Welten aufeinander!

Peter Kamber: Der Alkohol war das grosse Problem jedes bäuerlichen Aufstands. Die Besetzung eines reichen Klosters wurde für die an karge Kost gewöhnte Bevölkerung zum Schlaraffenland-Fest. Die klugen Köpfe mochten das weitere Vorgehen besprechen, der grosse Haufen schlug sich zuerst mal den Bauch voll. Die Bauern, die in den Weinkellern die Fässer anzapften oder ihnen den Boden ausschlugen, wussten nicht, dass der Alkoholdunst sofort betrunken machte, wenn der Wein in Strömen floss.

Herr Kamber, zurzeit arbeiten Sie an einem Roman über den Fundamentalismus in der Kultur am Beispiel des Glaubensstreits in der Zürcher Reformation. Wird darin auch der Ittinger Sturm vorkommen?

Peter Kamber: Ja, der Ittinger Sturm wird ein wichtiges Kapitel im Roman – denn er hätte beinahe zu einem Religionskrieg in der Eidgenossenschaft geführt, deshalb mahnte die Stadt Zürich ihre Bauern auch sofort ab und lieferte die vermeintlichen Verantwortlichen für den Sturm aus. Der Ittinger Sturm im Juli 1524 war der Auftakt zur Besetzung des Klosters Rüti im Zürcher Oberland im April 1525 - mit detaillierten politischen und religiösen Forderungen der ländlichen Bevölkerung - aber ähnlichen Alkoholexzessen bei den Unbesonnenen.

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Oliver Kühn, Regisseur und Leiter des Theaters Jetzt, ist mitten in den Proben. Er hat das Theater Jetzt 1994 gegründet. Es stehe in der Tradition des deutschen Sprechtheaters und verlange ordentlich Körpereinsatz, schreibt Kühn auf der Theater-Website. Es tauche mittlerweile immer wieder an theaterunüblichen Orten auf und wünsche sich und dem Publikum im Sinne des Wortes "gute Unterhaltung".

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Herr Kühn, Sie haben für das Stück über den Ittinger Sturm die Kriegsgöttin Belli eingeführt, also genau genommen eine Göttin des Krieges, die davon auch profitiert. Ist sie eine Art Brechtsche Mutter Courage?

Oliver Kühn: Der Vergleich macht durchaus Sinn. Nur - unsere Belli verliert nicht drei Kinder, sondern gewinnt eines dazu. Sie muss die Kriegsmaschinerie ja im Gang halten. Belli lebt ja vom Krieg und vom Nachwuchs dafür.

Der Stoff hat sehr vielschichtige historische Hintergründe. Wie bringt man das alles unter einen Hut? Worauf haben Sie als Drehbuchautor allenfalls verzichtet?

Oliver Kühn: Beim Theater gibt es kein Drehbuch, weil man keinen Film dreht. Ich habe die Geschichte in Peter Kambers Buch "Ittinger Sturm" und in der Stammheimer Dorfchronik recherchiert und eine Probefassung erarbeitet. Dieses Skript wurde als Rohfassung zusammen mit dem Ensemble verändert, ergänzt, umgearbeitet und es wurden die Schwerpunkte gesetzt. Verzichtet wurde auf alles, was für den Strang - Volk lehnt sich auf und scheitert an sich selbst - nichts nützt.

Sie spielen im ehemaligen Weinkeller des heutigen Kunstmuseums. Wie fackeln die Schauspieler von dort aus das Kloster ab?

Oliver Kühn: Indem wir den Brand stilisieren und mit Video und Modellen und Musik arbeiten.

Abgesehen von dieser Frage sind die Erwartungen an Ihr Stück hoch. Viele Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Beeinflusst das die Proben in irgendeiner Form, gibt es zum Beispiel mehr Druck als bei anderen Volkstheatern, die Sie schon aufgeführt haben?

Oliver Kühn: Der Begriff Volktheater ist hier ja nicht als Stil zu verstehen, sondern als Volkes Theater, also für ein Durcheinander, das in poplustischen Kreisen - bisweilen überstürzt und übermütig - verursacht wird und dann ins Durcheinander führt. Natürlich merken wir, dass eine gewisse Erwartung an das Projekt besteht, die - notabene - durch Fragen wie Ihre auch geschürt wird. Wir versuchen weiterhin, die Sache ruhig anzugehen.

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Kurt Schmid ist Procurator der Stiftung Kartause Ittingen und ein erprobter Grossveranstalter. Ihn kann nichts so leicht aus der Ruhe bringen - auch der Sturm auf Ittingen nicht.

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Herr Schmid, rund um "Ittingen brennt" finden Museums-Kurzführungen an den Spieltagen, Spezialaufführungen für Schulklassen sowie diverse Themenabende und Halbtagesveranstaltungen zur Reformationszeit und zum Bilderverbot im tecum statt - bauen Sie die Kartause gerade zum Gesamtkunstwerk aus?

Kurt Schmid: Wir bauen nichts Neues! Der Mikrokosmos Kartause Ittingen ist seit Jahren ein Gesamtkunstwerk. Die verschiedenen Veranstaltungen rund um „Ittingen brennt“ sind Ausdruck einer ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen der Stiftung, den Museen und dem tecum. Wir nutzen die bestehenden Synergien in idealer Weise.

Trotzdem. Zum Gesamtkunstwerk gehört auch ein Übernachtungspaket mit einem themenbezogenen Dreigang-Menu. Gibt es etwa Stockfisch, Schwan und Quittenkuchen - serviert von spätmittelalterlich gekleidetem Personal?

Kurt Schmid: Das Übernachtungspaket mit dem Dreigang-Menu bezieht sich nicht auf das 16. Jahrhundert, sonst hätten wir „Schlafen im Stroh“ angeboten. Es bezieht sich in erster Linie auf die Selbstversorgung, welche schon bei den Kartäusern gepflegt wurde und die auch im heutigen Betrieb eine wichtige Rolle einnimmt. Betreffend spätmittelalterlich gekleideter Mitarbeiter kann ich nur sagen: Das Theater überlassen wir dem Theater.

Bereits sind mehrere Vorstellungen ausverkauft, Zusatztermine reserviert - auch Sie verzeichnen einen „Ittinger Sturm“. Haben Sie das so erwartet und in welcher Höhe wird das Gesamtgeschäft finanziell ausfallen?

Kurt Schmid: Wir waren überzeugt, dass wir mit dem Thema des Ittinger Sturmes und mit dem authentischen Spielort im alten Weinkeller des Klosters gute Voraussetzungen für ein erfolgreiches Theater geschaffen haben. Dass die Nachfrage so gross ist, haben wir erhofft, aber nicht erwartet. Dies ist auch der Grund, weshalb wir die Zusatztermine definitiv ins Programm aufgenommen haben. Ein Geschäft im Sinne von wirtschaftlichem Erfolg resultiert deshalb noch lange nicht. Das Defizit trägt die Stiftung im Rahmen ihres kulturellen Auftrages.

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