von Jürg Schoop, 28.07.2014

Thurgauer Kuhfladen geht fremd

Thurgauer Kuhfladen geht fremd
Doris Naef poliert ihre Kuhfladen (li); Spessart oder Hitchcock (re)? (Haruko) | © Jürg Schoop

Die Thurgauerin Doris Naef stellt mit visarte Zürich im Kulturzentrum Weiertal ihr Goldgemachtes aus.

Jürg Schoop

Wer kennt nicht das Märchen vom „Tischlein deck dich, Esel streck dich“ der Gebrüder Grimm? Inhaltlich geht es kurz gesagt darum, dass drei Brüder infolge der Intrige einer verlogenen Geiss von zuhause ausziehen müssen. Alle drei absolvieren erfolgreich eine Lehre. Uns interessiert aber der Mittlere, der von seinem Meister einen Esel geschenkt bekommen hat, der auf das Codewort - so sagt man heute - „Bricklebrit!“ dergestalt reagierte, dass er vorn und hinten Goldstücke von sich liess. Spätestens seit dem Tiefenpsychologen C.G. Jung bringt man daher Dreck und Gold in einen unmittelbaren Zusammenhang. Psychoanalytisch betrachtet steht das Goldscheissen auch im Zusammenhang mit der analen Phase des kleinen Menschen, die mit Zurückbehalten und Ausgeben zu tun hat. Alle, die mal Kinder hatten, wissen auf die eine oder andere Art darum.

Heimisches statt Gold

Eines scheint mir C.G. Jung übersehen zu haben: Im Märchen kommen beim Esel die Goldstücke auch aus dem Mund heraus, man müsste das unbedingt stärker gewichten. Also wäre dem beizufügen, dass der Esel sowohl die orale wie die anale Phase erfolgreich sublimiert hat... Doch Spass beiseite: Doris Naef hat sicher nicht nur an dieses Märchen gedacht, die Alchemisten versuchten ja schon im frühen Mittelalter, aus Erde und Dreck Gold herzustellen. Als das nicht so recht gelang, einigte man sich darauf, dem Vorgang wenigstens einen symbolischen Wert zuzusprechen, der dann vom schon zitierten Jung Individuation genannt wurde.

Wenn wir genau hinschauen, erstaunt es uns, dass hier Doris Naef - nach einer Ueberschwemmung der Wiese - entgegen des Märchens keine Goldstücke auf Hochglanz poliert, sondern breite, einheimische Kuhfladen, die nach Originalen abgegossen, zwar nicht aus purem Gold allein bestehen, aber seinen Glanz ausbreiten. Ja, es gibt in unseren Breiten einfach keine richtigen Esel mehr, kein Bauer, und wäre er auch nur Hobbyist, könnte ihn gebrauchen. Wenn nicht ausgestorben, sind sie heutzutage in ganz andern Betrieben zu Hause. Auch Märchen müssen der Zeit angepasst werden. Die Kuh ist das richtige Ersatzobjekt für unsere Gegenwart: so populär wie der Esel, scheisst sie gerne und viel, und das kann der Goldgewinnung nur gut tun. Wie zu sehen ist.

„yesterday's shit-tomorrow's gold“

Naef ist auf den Titel des Skulpturenparks, YESTERDAY-TOMORROW, an dem sich 60 Künstlerinnen und Künstler der Zürcher Sektion Visarte unter der Obhut von Galeristin und Konzeptgeberin Maja von Meiss beteiligt haben, fast vorseherisch eingegangen. Ihr Kommentar lautet kurz und einfach „yesterday's shit-tomorrow's gold“: da kann auch die ganze Wiese zu Gold werden, wenn sich dereinst die Bauinvestoren die Klinke in die Hand geben. Vorderhand breitet sich aber noch immer, und für möglichst lange, die Kunst im wunderschönen Park mit seinen Gewässern und auch im Haus der Besitzer Maja und Rick von Meiss aus.

Von links nach rechts: „Heinzis“ genannte Heuskulpturen (Mara Mars) / Eher der konventionellen Art: Riesenkrake aus Marmor am Teich (Jérémie Crettol) / „Wir haben zu viel davon und möchten es gerne sinnvoll loswerden“, flirtet die Künstlerin mit der Moral. Ist das der Fall, wenn nachts ein Marder – wie geschehen – daran knabbert? Aber man kann das Häuschen, um wieder die Gebrüder Grimm herbei zu holen, auch als Hexenhäuschen für die ganz Armen deuten, denen es beim Lebkuchen essen echt schlecht erginge. (Brigitt Lademann). Bilder: Jürg Schoop

Sonderstellung als Thurgauerin

Doris Naef ist schon als junge, damals in Zürich lebende Frau der Zürcher Sektion, der heute visarte genannten Künstlervereinigung beigetreten, daher ihre Sonderstellung als Thurgauerin. Der Kulturort und die Galerie Weiertal (südwestlich von Wülflingen) befindet sich nur etwa 30 Minuten von Frauenfeld entfernt. Die Ausstellung dauert bis 9. Sept, Einzelheiten sind der Webseite galerieweiertal.ch zu entnehmen. Seit 1990 hat Doris Naef Wohnsitz in Weinfelden und ein Atelier in Kreuzlingen. Mehr erfahren Sie auf dorisnaef.com.

 P.S: Leider können wir nur ein paar zusätzliche Blitzlichter auf die interessante und äusserst vielseitige Ausstellung werfen, die alle möglichen Spielarten zeitgenössischer Skulptur reflektiert. Die Fotos wurden anlässlich einer Führung der Galeristin, die auch die Künstlerinnen und Künstler ins Gespräch einbezog, gemacht. Die Auswahl ist zufällig. (js)

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