von Maria Schorpp, 25.02.2019

Der ratlose Wutbürger

Der ratlose Wutbürger
Fährt ein Mähdrescher durch die Fussgängerzone: Der Auftritt von Andreas Rebers beim Festival "Kabarett in Kreuzlingen" geriet verwirrend, aber bedenkenswert. | © Janine Guldener

Der Auftritt von Andreas Rebers beim Festival «Kabarett in Kreuzlingen» (KiK) war verwirrend und gerade deshalb bedenkenswert. „Ich helfe gern“ heisst sein Programm, mit dem er im Kreuzlinger Theater an der Grenze sein Publikum animierte.

Das kabarettistische Ablästern über in der Öffentlichkeit telefonierende Menschen, am liebsten die im Zug, hat noch nicht sein natürliches Ende gefunden. Vielleicht steht es mittlerweile auf der To-do-Liste eines Kabarettprogramms. Keine Ahnung, warum. Als Topic scheint es kurz vor der Kanonisierung zu stehen. Soll den Menschen von heute und ihren, dem kapitalistischen Technikfortschritt geschuldeten, schlechten Manieren die Leviten gelesen werden, steht das Mobiltelefon immer noch ganz oben.

Andreas Rebers hat diesen vermeintlichen Pflichtteil im Theater an der Grenze in Kreuzlingen gleich zu Anfang abgefeiert. Allerdings hat er es nicht mit der Feststellung sinnfreien „Ich-bin-im-Zug-wo bist du“ verknüpft, sondern mit dem dreisten Betrug eines Ehemanns an Frau und Familie. Er ist Reverend Rebers und will seinen Auftritt als Gottesdienst verstanden wissen, den wir als misstrauische Menschen verlassen sollen. Und wo fällt das Misstrauen nicht auf fruchtbareren Boden als in der Liebe, der sogenannten. Das wirkt zunächst reichlich konventionell, stellt sich im Laufe des Abends aber als Beginn eines raffinierten Verwirrungsprogramms dar, das seinen Titel „Ich helfe gern“ zu Recht trägt.

Ratlos und mit ganz viel Wut im Bauch

Sein polternder Protagonist führt sich als „Mensch alter Schule“ ein. Hat Philosophie studiert, was ihn allerdings vor rein gar nichts bewahrt. Hätte er zuvor mitbekommen, wie KIK-Programmleiter Micky Altdorf in seiner Publikumsbegrüssung die diesjährige Ausgabe des KIK-Festivals als „Frauenfestival mit garantierter Männerquote“ bezeichnete, hätte er möglicherweise einen seiner hämischen Wutanfälle bekommen.

Er ist einer dieser Hybrid-Menschen, wie sie heute durchs Leben schlingern, mit viel Ratlosigkeit, nicht zuletzt über sich selbst, und noch mehr Wut im Bauch. Und die dann doch wieder Dinge ganz klar sehen. Quasi als Prototyp hat sich der mit sämtlichen ehrenvollen deutschsprachigen Kabarettpreisen ausgezeichnete Rebers einen deutschen Sozialdemokraten ausgesucht. Ausgerechnet. Als solcher natürlicher Feind der Grünen. Er hat ein Fahrrad, sagt der SPDler, aber er braucht es nicht, weil er ja ein Auto hat. Wer provoziert hier? Der Kabarettist oder der Protagonist? Oder denkt dieser trotzbedingt wirklich so? Bei Rebers weiss man das oft nicht genau, was eine durchaus fruchtbare Verwirrung stiften kann.

Die Grünen hat der Rote auf jeden Fall gefressen. Dem Ruf nach mehr Kita-Plätzen begegnet er mit der Forderung nach mehr Parkplätzen. Um hernach dann wirklich aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Von „Nutzfahrzeugen“ in den Städten wie „Porsche Calamari“, SUVs meint er, schwenkt er über zu dem, was wirklich noch Aufsehen erregen könnte: ein Mähdrescher in der Fussgängerzone.

Video: Andreas Rebers beim «Arosa Humorfestival»

Rebers' Figur kommt man nicht so schnell auf die Schliche

Ja, die Wut sitzt tief, so tief, dass sich über ihre Wurzeln nur Mutmassungen anstellen lassen. Andreas Rebers hat eine Figur geschaffen, der man, ihren populistischen Pöbeleien zum Trotz, nicht so schnell auf die Schliche kommt. Manchmal könnte man denken, dass der da vorne nicht zum aktiven Terroristen wird, liegt allein daran, dass es eine eingebaute Hemmung der Muskulatur gibt. Dieselbe, die normalerweise verhindert, dass man aus dem Bett springt und losrennt, wenn im Traum ein Killer hinter einem her ist. Es könnte aber auch diese Restvernunft sein, die ihn ab und an mit glasklarem Blick die Zustände analysieren lässt. Natürlich mit Häme und Spott versetzt: Wenn man dieses Land, Deutschland meint er, destabilisieren wolle, müsse nur die uneingeschränkte Zuwanderung sowie das bedingungslose Grundeinkommen für die Zuwanderer eingeführt werden. Das könnte wohl so sein.

Das-darf-man-nicht-sagen-Wörter fallen reichlich in Andreas Rebers Programm, Drecksau, wahlweise blöde Sau, Arschloch und was es noch für Nettigkeiten gibt. Selten ist besser zu beobachten, wie kindlich das Verbalgedröhne im Grunde ist. Das personalisierte Ziel des sozialdemokratischen Wutbürgers ist Frau Hammer. Frau Hammer verkörpert alles, was er in seiner Ohnmacht hasst: Sie sagt Sachen wie „Autofasten“ und gehört zur Fraktion derer, die Kinder in der Kita in „Murmeltiergruppen“ zusammenfassen. Oder der Helikoptermütter, die sich beschweren, dass ihre Kinder im Sportunterricht 50 Meter am Stück laufen müssen. Ohne Pause. Wenn er die Frauen sprechen lässt, kriegt der Kabarettist immer die hohe Stimme, die nachmacht, wie Männer in der Fasnacht Frauenstimmen karikieren. Andreas Rebers weiss, wo er sein Publikum zu fassen kriegt. An solchen Stellen liesse sich allerdings auch die Frage stellen, wo Provokation in die Bestärkung von Vorstellungen übergeht, die eigentlich aufs Korn genommen werden sollen.

Der Mann mit dem gesunden Menschenverstand

Diversität, Inklusion – noch so etwas, das den Mann mit dem gesunden Menschenverstand auf die Palme bringt. Stotterer, die Verkehrsnachrichten verlesen, ein „Tatort“-Ermittler mit Down-Syndrom. Könnte in seinem Denksystem alles aus Frau Hammers krankem Hirn entsprungen sein. Ehrlich gesagt, finde wir ja auch ein bisschen, dass das zu weit ginge. Und schon sind wir Rebers wieder auf den Leim gegangen. Aber, wie gesagt, der Mann aus der SPD hat auch hassfreie Momente, die er nutzt, um zwischendurch was Gescheites zu sagen: dass Deutschland mal wieder ausser sich ist mit all seinen Überlegenheitsposen und dass andere europäische Länder, zum Beispiel osteuropäische, das beunruhigt.

Als der Kabarettist sich fast am Ende an sein E-Piano setzt und Franz Josef Degenhardts Lied von den Wölfen anstimmt, die bereits wieder durchs Land ziehen, findet man das zunächst etwas dramatisierend, wenn auch schön. Aber gerade davon handelt der Abend: davon, dass man nicht mehr weiss, was man glauben soll in diesem Gottesdienst. „Ich helfe gern“ – Danke vielmals.

Video: Andreas Rebers im TV

 

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