25.10.2018

Auf der Suche nach dem Menschen

Auf der Suche nach dem Menschen
Eine der Arbeiten aus der neuen Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau: Erich Bödeker, Till und Tania Velten, undatiert, Beton, bemalt, 49 x 36 x 31 cm, | © Kunstmuseum Thurgau

Was ist der Mensch? Und: Welches Bild machen wir von ihm? Um diese Fragen kreist die Installation „La condition humaine“ von Till Velten, die im Kunstmuseum Thurgau ab Sonntag, 28. Oktober, gezeigt wird. 


«Der Ausgangspunkt für das Projekt „Till Velten – La condition humaine“ ist eine kleine Skulptur des Aussenseiterkünstlers Erich Bödecker (1904–1971) in der Sammlung des Kunstmuseums Thurgau», heisst es in einer Medienmitteilung des Museums. Die etwas grobschlächtige Betonplastik zeige einen Jungen und ein Mädchen mit roten Haaren. Zwischen den beiden gebe es eine kreisrunde Aussparung im grün bemalten Betonsockel, wo ein Blumentopf hingestellt werden kann. Auf dem Sockel eingeritzt stehen zwei Namen: „Till“ und „Tanja“. Till, das ist der Künstler Till Velten, der als kleiner Junge zusammen mit seiner Familie Bödeker mehrfach besucht hatte. Der Aussenseiterkünstler, geboren 1904, hatte bis 1959 als Bergmann gearbeitet. Nach seiner krankheitsbedingten Frühpensionierung schuf er eine grosse Anzahl von Figuren aus Beton, die seinen Garten in einen unkonventionellen Skulpturenpark verwandelten. Ab den 1970er-Jahren war Bödecker in der Kulturszene des Ruhrgebiets ein Geheimtipp.

Till Veltens Vater Heinz, selbst Künstler, Kulturaktivist und Kunstlehrer, schrieb über den Aussenseiter mehrere Zeitungsartikel und gab bei ihm sein eigenes Porträt und das seiner Kinder in Auftrag. Jahrzehnte später begegnet Till Velten diesem Porträt im Museum wieder und stellt sich da die Frage, was das denn ist, ein Porträt. Aus der Auseinandersetzung mit dieser Frage entwickelte Till Velten das Projekt von „la condition humaine“. Velten erstellt darin Videoporträts von ausgewählten Personen. Es sind besondere Menschen, die der Künstler für seine Arbeit für eine Zusammenarbeit anfragt. Nicht Stars oder Intellektuelle, sondern Menschen, die ihm aufgrund besonderer Intensitäten aufgefallen sind, etwa eine Blinde, die sich durch den Stadtverkehr Wiens bewegt, eine Therapeutin, deren Gestik ihn interessiert, einen Mitarbeiter in der Gärtnerei der Kartause Ittingen, der mit seinen geschickten Händen die Wurzeln von Pflanzen auf ganz eigenartige Weise zu bearbeiten vermag.

Bilderstrecke: Einblicke in die Ausstellung

 

In der Ausstellung „Till Velten – La condition humaine“ inszeniert der Künstler die Videoporträts als Gegenüber von Skulpturen von Erich Bödeker. Die Vorgehensweise der beiden Künstler könnte unterschiedlicher nicht sein: «Bödeker bannt typische Gesten der von ihm verehrten und porträtierten Menschen in klotzige Körper, schafft Statuen. Velten dagegen umspielt mit der Kamera die Flüchtigkeit der Gesten der porträtierten Personen mehr, als dass er sie festhält. Bödeker schafft Monumente, Velten flüchtige Erscheinungen», heisst es in einer Medienmitteilung des Kunstmuseum Thurgau. Gemeinsame sei ihnen jedoch, dass sie Vorstellung von Personen entstehen lassen, denen wir als Betrachterin oder Betrachter innert Sekundenbruchteilen bestimmte Eigenschaften zuschreiben: Dieser Mensch ist fröhlich, zugänglich, sympathisch oder aber mürrisch, abweisend, unnahbar. Mit diesem Menschen möchte ich mich unterhalten, oder ich gehe ihm besser aus dem Weg.

Die Auseinandersetzung mit den so unterschiedlichen Ansätzen der beiden Künstler öffnet ein weites Feld der Interpretation und für das Publikum stellt sich eine Reihe von Fragen: Wie kann ein Mensch dargestellt werden? Welches Bild von einem Menschen ist diesem angemessen? Inwieweit entspricht ein Bild eines Menschen diesem selbst? Kann überhaupt ein adäquates Bild eines Menschen gemacht werden? Kann die Natur eines Menschen, sein Menschsein, das, was einen Menschen zum Menschen macht, „la condition humaine“ eben, überhaupt im Bild festgehalten werden? Und wenn ja, wie sehen solche Bilder von Menschen aus?

Bilderstrecke: Werke von Erich Bödeker und Till Velten

Termine: Die Ausstellung wird am Sonntag, 28. Oktober, 11.30 Uhr, eröffnet. Sie wird bis in den Juni 2019 zu sehen sein. Öffnungszeiten des Museums: Montag bis Freitag, 14 – 17 Uhr
Samstag und Sonntage, 11 – 17 Uhr. Eintritt: 10 Franken. Kinder bis 16 Jahren haben freien Eintritt.

Im Rahmenprogramm der Ausstellung

Freitag, 16. November 2018, 19.00 Uhr:
„Bilder von Menschen. schönfärberisch, angemessen, diffamierend.“
Ein Vortrag im Rahmen der Reihe „Kunst einfach erklärt“ von Museumsdirektor Markus Landert

 

Donnerstag, 4. April 2019, 19 Uhr
Feierabend im Museum: Künstlergespräch mit Till Velten, Moderation: Markus Landert

 

Sonntag, 23. Juni 2019
Gespräch zwischen Till Velten, betreuten Mitarbeitern und Markus Landert, im Rahmen des Stiftungsfests der Kartause Ittingen

 


 
 

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