von Samantha Zaugg, 12.03.2021

Aus dem Leben eine Geschichte machen

Aus dem Leben eine Geschichte machen
«Ich bin ein bekennendes Landei»: Der Frauenfelder Regisseur Friedrich Kappeler im Interview über sein Werk und die Frage, wieso er eigentlich immer nur Männer porträtiert hat. | © Samantha Zaugg

Der Frauenfelder Regisseur Friedrich Kappeler bekommt vom Kanton Geld um sein Gesamtwerk zu digitalisieren. Anlass genug für ein ausführliches Gespräch. Darüber, was ihn an Portraits fasziniert, ob die Aura des analogen überbewertet ist und warum dieses Digitalisieren so wahnsinnig teuer ist. (Lesedauer: ca. 7 Minuten)

Friedrich Kappeler, du hast vom Kanton 98’000 Franken aus dem Lotteriefonds bekommen um deine Filme zu digitalisieren. Warum kostet das so viel?

Das sind die ganzen technischen Apparaturen, die sind saumässig teuer. Dann kommt auch viel Arbeit dazu. Man kann das Material nicht einfach durch einen Scanner rattern lassen. Vor allem bei den älteren Aufnahmen muss man aufs Negativ zurückgreifen. Man muss die Belichtung und die Farben neu bestimmen, das ist sehr aufwändig. Beim Ton ist es nochmals dasselbe.

Warum muss man das überhaupt digitalisieren? Film hat viel bessere Lagereigenschaften als digitale Daten.

Natürlich, an sich ist das Negativ stabil, auch die Kopien halten einige Jahre. Es ist aber so, dass man das fast nirgends mehr abspielen kann. Die ganzen Kinos haben mittlerweile auf digital umgestellt.

Arbeitest du heute immer noch mit analogem Film?

Meinen letzten Film, habe ich noch analog gedreht.

«Mich interessieren die Leute, ihre Geschichten zu erzählen und ein Stück mit ihnen zu gehen.»

Friedrich Kappeler, über seinen Ansatz für Filme (Bild: SRG)

Das war der Film über Gerhard Meier, der ist aus 2007. Da hätte man schon auch digital drehen können.

Ja, klar. Aber erstens mal liebe ich das natürlich. Und mein damaliger Kameramann liebte das auch. Ausserdem war es auch eine Erweiterung eines Films, der auf 16 Millimeter gedreht war. Das wollten wir in der Fortsetzung beibehalten. Ich habe auch schon Sachen digital gemacht, fürs Fernsehen. Ich habe nichts dagegen. Aber ich habe gesagt, solange man noch kann auf 16 Millimeter, dann mache ich das. Ich liebe es einfach, diese Art von Material. Auch diese Art zu drehen. Man muss sehr sorgfältig arbeiten, gut vorbereitet sein.

Trailer zum Film über Gerhard Meier

Was gefällt dir an der analogen Ästhetik?

Der ganze Look. Das wahrnehmbare Korn. Das hat ja eine gewisse Art von Lebendigkeit. Auch die Arbeit im Schnitt ist viel angenehmer. Man hat keine unglaubliche Menge an Stunden.

Kritikerinnen sagen, die Aura des Films ist überbewertet. Das ist pure Nostalgie.

Ja, also vor allem könnte man auch digital drehen und das Korn dann machen. Was allerdings sehr teuer würde, das ist dann eine riesige Bearbeitungsgeschichte. Aber, ja, man könnte das. Aber das Medium macht auch eine Aussage, es ist nicht zufällig, sondern Teil der Arbeit. Das wählt man dann auch aus, weil einem das passt, weil man das so will. Das andere ist halt auch eine Gewohnheitssache. Wenn du an etwas gewöhnt bist fällt es dir auch leichter damit zu arbeiten. Das ist eine gewisse Art von Bequemlichkeit oder Gewohnheit.

Obwohl bequem ist das analoge Arbeiten ja eigentlich nicht.

Nein.

«Ich habe nie Filme gemacht, in denen ich Leute blossstellen will, sondern ich mache Filme über sie, weil ich sie gut finde.»

Friedrich Kappeler, Regisseur und Dokumentarfilmer

Du bist ja bekannt für Portraits. Ist das einfach das Genre das dich am meisten Interessiert?

Ja, das ist es tatsächlich. Mich interessieren die Leute, der Versuch sie zu portraitieren, ihre Geschichten zu erzählen und ein Stück mit ihnen zu gehen. Das ist das was mich am meisten fasziniert hat. Eigentlich schon von Anfang an.

Mein erster Film, den ich öffentlich gemacht habe, mit dem ich nach Solothurn und Oberhausen ging, das war das Portrait von Emil Eberle. Er war ein sogenanntes Stadtoriginal. In Frauenfeld ist er mit seinem Leiterwägeli durch die Gassen gewankt und ist bei den Wirtschaften vorbeigegangen um Schwiifutter, Suufueter zu sammeln. Das hat er dann den Bauern gebracht.

Waren die Leute immer einverstanden, wenn sie den Film über sich gesehen haben?

Meistens schon. Ich versuche meine Filme auch immer gut vorzubereiten. Die Leute vorher schon besuchen, mit ihnen sprechen, sagen was mich interessiert. Ich habe auch nie Filme gemacht, in denen ich Leute blossstellen will, sondern ich mache Filme über sie, weil ich sie gut finde.

Hast du das Gefühl, wenn du ein Portrait über jemanden gemacht hast, dann kennst du die Person?

Ich kenne sie sicher besser als vorher. Es ist zumindest eine Annäherung. Ich wills mal so sagen: Richtig eins zu eins ist eine Person nie in einem Film. Es ist immer eine Annäherung, gewisse Aspekte. Es sind natürlich auch immer Sachen, die mich interessieren.

Und das andere ist, dass man natürlich auch mit dem Film wieder etwas macht, was auch nicht eins zu eins der Realität entspricht. Dass man aus einem Leben eine Geschichte macht. Dass man ein Leben in ein anderes Medium umarbeitet, umdeutet.

«Richtig eins zu eins ist eine Person nie in einem Film. Es ist immer eine Annäherung.»

Friedrich Kappeler, Regisseur (Bild: Samantha Zaugg)

Wie wählst du deine Protagonisten?

Erstens ist es wichtig, ob mich eine Person wirklich interessiert. Zweitens muss ich mich auch fragen: Bin ich überhaupt der richtige dafür? Es ist genauso wichtig, dass du dich fähig fühlst um wirklich etwas über eine Person zu machen.

Bei Adolf Dietrich war das so. Da hatte ich das Gefühl, ich bin wirklich der richtige. Erstens finde ich seine Bilder ganz toll. Dann interessiert mich Berlingen als Dorf, die Leute da, die Menschen, die er portraitiert hat. Nicht nur weil ich Thurgauer bin. Die ländliche Atmosphäre dort, seine Auseinandersetzung mit der Existenz im Dorf. Er war Dorfbewohner, aber zugleich auch Maler. Das ist vielleicht nicht unbedingt normal, dass einer Maler wird und im Dorf bleibt. Diese Art von Auseinandersetzung, und auch Kämpfen, das hat mich sehr interessiert.

Das waren alles Männer die du portraitiert hast bis jetzt.

Ja. Das, äh, vielleicht ist es einfach näher, oder… ich weiss es nicht. Ich habe bisher eigentlich nicht bewusst so ausgelesen und gesagt, ich kann nur mit Männern, oder ich verstehe nur Männer. Dem muss man vielleicht auch noch ein bisschen nachgehen. Es hat sich mehr oder weniger so ergeben.

Zwei deiner bekanntesten Filme sind wohl die Portraits von Mani Matter und Adolf Dietrich. Beide haben nicht mehr gelebt, als du den Film gemacht hast.

Das war eine gewisse Schwierigkeit, Dietrich war damals schon vor 40 Jahren gestorben. Dann ist die Frage, wie nähert man sich dem? Aber das war dann ganz schön, die Leute aus Berlingen, die er gemalt hat, als sie noch Kinder waren, das waren dann mehr oder weniger ältere Leute. Die konnte man dann aufsuchen und portraitieren. Der Versuch ein lebendiges Portrait zu machen, obwohl er nicht mehr da war, einfach aus den Spuren, die ein Mensch hinterlässt, das hat mich sehr fasziniert. Im Fall von Dietrich war das auch gar nicht so ein Nachteil. Ihn hätte man vielleicht beim Malen beobachten können. Aber er hätte sicher nichts über sich erzählt. Das war ein Typ, der sagte, ich male einfach, fertig.

«Der Versuch ein lebendiges Portrait zu machen, obwohl er nicht mehr da war, einfach aus den Spuren, die ein Mensch hinterlässt, das hat mich sehr fasziniert.»

Friedrich Kappeler, über seinen Adolf-Dietrich-Film

In der Mitteilung über das Geld aus dem Lotteriefonds schreibt der Regierungsrat von «Gesamtwerk». Der Begriff ist sehr definitiv. Heisst das, von dir kommt nichts neues mehr?

Nein, also ich hoffe eigentlich, dass noch was kommt, muss ich sagen. Ich hatte schon eine Zäsur. Gewisse Zweifel sind ja immer, aber bei mir gabs einen Unterbruch. Zuerst haben die beiden Produzenten mit denen ich gearbeitet habe aufgehört.  Und vor zwei Jahren ist auch Pio Corradi gestorben, der Kameramann, mit dem ich eigentlich immer gefilmt habe. Ich habe auch lange an einem Spielfilmprojekt rumgehirnt und gemacht, das ist dann auch nicht zu Stande gekommen. Da bin ich auch so ein wenig in ein Loch gefallen. Das war schon schwierig.

Aber ich möchte schon weitermachen. Und ich hoffe auch, dass das möglich ist. Aber eben, ich brauche ein gewisses Umfeld, eine Produktionsfirma, eine Equipe. Ich bin nicht der Typ, der allein Film machen möchte. Filmen verstehe ich als Teamwork. Das hat mir auch immer daran gefallen.

Reinschauen: Auch über Clown Dimitri hat Kappeler einen Film gedreht

Kannst du sagen, woran du jetzt arbeitest? Was deine nächste Arbeit, dein nächster Film werden soll?

Es geht ums älter werden. Was macht man noch, eben, wenn man quasi ausgemustert ist. Wie findet man noch etwas Sinnvolles, das es zu tun gibt, in einer Gesellschaft, die doch sehr aufs Jung sein, auf Jugend und Schnelligkeit fokussiert ist? Das beschäftigt mich, zu diesem Thema möchte ich gerne etwas machen. Und auch gern natürlich mit Frauen. Das ist nicht das Problem.

Gibt ja auch alte Frauen.

Ja. Absolut.

«Ich bin nicht der Typ, der allein Film machen möchte. Filmen verstehe ich als Teamwork.»

Friedrich Kappeler, Dokumentarfilmer

Zum Schluss noch ein anderes Thema: Du hast es angesprochen mit Adolf Dietrich, der ist auch immer in Berlingen geblieben. Du bist ja mehr oder weniger immer in Frauenfeld gewesen.

Ja, es war so, ich bin da aufgewachsen und bin auch ein bekennendes Landei. Aber während meiner Ausbildung war ich erst in Zürich an der Schule für Gestaltung, dann drei Jahre an der Filmschule in München, ein Jahr in Paris. Dann war ich noch bisschen in Zürich, im Zürcher Oberland. Irgendwann bin ich zurückgekommen, dann habe ich vielleicht gedacht, so sind meine Lehr und Wanderjahre abgeschlossen. Jetzt kann ich wieder nach Frauenfeld.

Aber man hat ja schon das Gefühl, jemand, der mit Film oder Kunst arbeitet muss…

Nach New York.

Ja, oder mindestens nach Zürich. Weil gerade der Thurgau, das ist ja ein Kanton über den auch gerne gelacht wird.

Ja, man lacht gern, nur schon wenn einer das Maul aufmacht. Aber sich gegenseitig aufziehen mit Kantonen, das ist ja eigentlich ein Witz, das kann man nicht ernst nehmen.

Aber es ist ok hier zu sein, ich finde es auch interessant. Klar, wenn man versucht hätte nach der Filmschule nach Amerika zu gehen, das wäre ein anderes Leben gewesen. Aber für mich war es gut. Ich denke nicht, dass ich viel bessere Sachen gemacht hätte, wenn ich irgendwohin ausgewandert wäre.

«Wie findet man noch etwas Sinnvolles, das es zu tun gibt, in einer Gesellschaft, die doch sehr aufs Jung sein, auf Jugend und Schnelligkeit fokussiert ist?»

Friedrich Kappeler, über die Idee zu einem neuen Filmprojekt

 

Zur Vita von Friedrich Kappeler

Geboren 1949 in Frauenfeld. Studium der Fotografie an der Schule für Gestaltung Zürich und an der HFF (Hochschule für Film und Fernsehen München). Seit 1977 freischaffender Filmautor und Fotograf. Drehbuchwerkjahr Kieslowski/Zebrowski, Filmkurse an der Schule für Gestaltung Zürich, Fotoausstellungen.

 

Einem breiten Publikum bekannt wurde Kappeler mit dem Dokumentarfilm über den Thurgauer Maler Adolf Dietrich 1991. Ab diesem Film arbeitete er auch im Schneideraum immer mit der gleichen Person, der Filmeditorin Mirjam Krakenberger. Es folgten die Filme über Schriftsteller Gerhard Meier, 1995, und den Kunstmaler Willy Guggenheim, alias Varlin im Jahr 2000. Kappeler verfasste jeweils auch das Drehbuch zu diesen Portraitfilmen.

 

Mit dem 2002 erschienenen Dokumentarfilm Mani Matter – Warum syt dir so truurig? gelang Kappeler schliesslich ein Grosserfolg. Produziert wurde der Film von der Zürcher Catpics AG, dem Produzenten Alfi Sinniger, der 1991 mit Reise der Hoffnung einen Oscar für den Besten Ausländischen Film in die Schweiz getragen hatte. Kappelers Mani Matter Portrait war mit über 146.000 verkauften Kinoeintritten während 10 Jahren der national erfolgreichste Schweizer Dokumentarfilm.

 

Eine Filmographie seiner Werke gibt es hier.

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