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von Judith Schuck, 08.02.2024

Berühmte Verwandtschaft

Berühmte Verwandtschaft
Wollen einen neuen Kulturort in Steckborn etablieren: Tina Speckhofer und Stefan Mann vor flämischen Cembali in ihrem Veranstaltungsraum. | © Judith Schuck

Stefan Mann ist Urenkel von Thomas Mann und Enkel von Walter Heisenberg: Gemeinsam mit seiner Frau Tina Speckhofer eröffnet er im März einen neuen Kulturort in Steckborn. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Seestrasse 91: Haus zur Glocke, Seestrasse 81: Ariana Arts „Zur alten Apotheke“, Seestrasse 71: Kultur unterm Haag, kurz KUH. Mit KUH soll ein neuer Kulturraum in Steckborn entstehen, der sich zumindest mal von seiner Adresse her gut ins Dorfbild eingliedert. Am 9. März ist die erste öffentliche Veranstaltung geplant mit dem ukrainisch-russischen Programm „Geheimnisse“. 

Initiator:innen sind die Cembalistin und Klavierlehrerin Tina Speckhofer und ihr Partner Stefan Mann, Agrarwissenschaftler, der ausserdem Geige und Bratsche in einem Amateurensemble spielt. Das Paar kaufte im August die Immobilie, in deren Parterre sich vorher eine Physiotherapiepraxis befand. Ihr Wohnbereich befindet sich darüber.

Professionelle Kultur in die Provinz holen

Die Idee, einen halböffentlichen Teil im Wohnhaus als Ort für „alles Schöne und Feine“ zu nutzen, kam auf, als die beiden nach einer gemeinsamen Wohnung Ausschau hielten. Tina Speckhofer, die an den Musikschulen Arbon und Amriswil unterrichtet, ist vertraut mit der Organisation von Kulturanlässen. Neben zahlreichen Kammerkonzerten gab sie auch schon den inhaltlichen Input für Konzerte des Bodensee Barockorchester

Im Grunde habe das Schaffen von Kulturräumen eine Tradition in ihrer Familie. Tina Speckhofers Mutter, die von Wien nach Bregenz zog, gründete dort einen Verein, um mehr Kultur in die voralbergische Bodenseestadt zu holen. Und ihre Mutter schien ebenso einen Hang für aussergewöhnliche Instrumente zu haben – sie spielte Saz, eine Langhalslaute, die eher in östlichen Ländern verbreitet ist. 

Der Einfluss der Familie

Im Veranstaltungsraum in der Seestrasse 71 stehen drei Cembali und sogar – allerdings als reiner Schmuck – eine Saz von ihrer Mutter. Wie dieser ist es Tina Speckhofer und Stefan Mann ein Anliegen, unbekanntere Kulturtechniken einem Publikum zugänglich zu machen. 

Stefan Mann, der als Volkswirt und Agrarwissenschaftler in Tänikon für Agroscope forscht und wissenschaftliche Publikationen unter anderem zu unserem Fleischkonsum verfasst, stammt aus der norddeutschen Literaten-Familie Mann. Er ist der Urenkel von Thomas Mann. Verwandt ist er zudem mit dem Autor und Filmemacher Benjamin Heisenberg, ein Cousin, der wiederum wie Stefan Mann Enkel des berühmten Quantenphysikers Walter Heisenberg ist. 

 

Premierengast: Der Autor und Filmemacher Benjamin Heisenberg. Bild: zVg

Literatur, Laute und Klavier

Die Veranstalter:innen freuen sich, dass ihr erster Anlass mit einer Lesung aus Heisenbergs Mockumentary „Lukusch“ und begleitenden Filmausschnitten sowie mit dem Auftritt des Trio „Opus I“ thematisch so rund ist. Roman und Film spielen teilweise in der Ukraine und Russland zur Zeit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die dem 1974 geborenen Benjamin Heisenberg sicherlich prägend aus seiner Kindheit in Erinnerung geblieben ist. 

Aus der Ukraine stammt auch die Musikerfamilie Kisseljow. Elena und Valreij Kisseljow, die derzeit am Opernhaus Zürich engagiert sind, werden beim ersten KUH-Abend von ihrem Sohn Kirill unterstützt und spielen zwei Domras, eine russische Schalenhalslaute, und Klavier. „Es ist ein Luxus, dass sie bei uns spielen“, sagt Tina Speckhofer, die diese hochkarätigen Künstler:innen durch ihre Kontakte in der Musiker:innenszene gewinnen konnte – und ganz in ihrer Familientradition mit der Domra ein für uns ungewöhnliches Instrument nach Steckborn holt.

Erstmal anfangen, alles weitere kommt danach

Stefan Mann findet neben der Veranstaltung das gemeinsame Gespräch, die Reflektion des Gesehenen oder Gehörten, wichtig. In diesem kleinen und privaten Rahmen gebe es beim Apéro eher die Möglichkeit, sich zu begegnen und auszutauschen, als bei einem Theater- oder Konzertbesuch. 

Während der Konzertraum nach hinten raus zum Garten geht und unterhalb eines Zaunes liegt, der dem ganzen seinen Namen gibt, ist der Gastraum, wo die Apéros stattfinden sollen, ein noch spartanisch, aber geschmackvoll eingerichteter Raum zur Strasse hin. Insgesamt bietet der Kulturraum Platz für etwa 30 Personen. 

 

Vorläufiges Maskottchen der neuen Veranstaltungsreihe "Kultur unterm Haag" ist eine Skulptur aus Südafrika. Bild: Judith Schuck

 

Vier Abende pro Jahr sind bislang geplant

Im Veranstaltungsraum hätten sie die Böden neu gemacht wegen der Akustik. Im rohen Vorderraum wollen die Besitzer:innen vorerst gar nicht gross etwas verändern. „Wir haben uns vorab nicht so viele Gedanken gemacht. Bei den ersten Veranstaltungen schauen wir, was passiert und sind offen für alles“, sagt Tina Speckhofer. „Wir wollen ins Tun und in die Begegnung kommen.“ Und Stefan Mann ergänzt, dass auch Weinproben in Kombination mit Künsten möglich wären. Als Agrarwissenschaftler liegt es vielleicht auch nahe, den Kulturbegriff ein wenig breiter zustecken. 

Vorgesehen sind zunächst vier Abende pro Jahr. Anfang Juni findet das zweite Projekt statt, ein musikalisch-literarischer Annette von Droste-Hülshoff-Abend, den es so bereits im Fürstenhäusle in Meersburg gab, und den Speckhofer wegen der grossen Beliebtheit gerne an den Untersee holen möchte. Dass die beiden ersten Veranstaltungen das Muster Lesung mit Musik bedienten, sei Zufall, sagt Stefan Mann. „Wir wollen uns keinen zu engen Rahmen stecken“, ergänzt Speckhofer, wobei ihr Partner eine gewisse Professionalität schon zentral findet. 

Kooperation statt Konkurrenz 

Zu den anderen Kulturinstitutionen wollten sie nicht in Konkurrenz treten, sondern ergänzen. Gespräche mit Judit Villiger vom Haus zur Glocke gab es bereits. Kooperationen seien nicht ausgeschlossen. Im ersten Jahr laufe alles privat und eigenfinanziert. Je nachdem, wie das Angebot ankomme, wollten sie künftig vielleicht auch versuchen, Unterstützung vom Kanton zu bekommen. Die vielen Ideen in ihren Köpfen wollte sie nun erstmal versuchen in die Realität umzusetzen. 

Kultur unterm Haag

9. März, 19 Uhr: „Geheimnisse“
Lesung aus dem Roman „Lukusch“ von Benjamin Heisenberg
Konzert von Trio „Opus I“, Elena, Kirill und Valerij Kisseljow
Seestrasse 71, Steckborn, Eintritt frei, Kollekte

 

 

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Literatur

„Geheimnisse“ ukrainisch-russisch

Steckborn, Kultur unterm Haag

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