Da wird mir schwindlig

Da wird mir schwindlig
Kümmert sich um die Medien und was sonst so passiert in der Welt: der Kabarettist Michael Elsener. | © Philippe Hubler

Durch seine Auftritte bei "Giacobo/Müller" hat der gebürtige Zuger Michael Elsener seine Popularität immens gesteigert. Er gilt inzwischen als neuer Stern am Schweizer Kabaretthimmel. Am Donnerstag, 9. Februar, tritt er beim Festival "Kabarett in Kreuzlingen" auf. 

Interview: Michael Lünstroth

Herr Elsener, Sie haben Politikwissenschaft studiert. Können Sie erklären, was gerade mit der Welt los ist?

Ganz ehrlich, wenn ich das könnte, würde ich jetzt nicht dieses Interview mit Ihnen machen. – Wenn ich einfach meine Freunde auf den sozialen Medien verfolge oder mich mit ihnen in der Stadt treffe, habe ich das Gefühl, die Welt ist komplett in Ordnung. Erst wenn ich mich ausserhalb meiner Social Media Bubble bewege, wird mir schwindlig was es teils für Menschen gibt...

Was lässt Sie da schwindlig werden?

Wissen Sie, ich verstehe total, dass ich als Mensch, der quasi in der Dienstleistungs-Branche arbeitet, bezüglich der Globalisierung privilegierter ist, als jemand, sagen wir, der Druckmaschinen zusammenbaut. Weil sein Job kann ins Ausland verschoben werden. Und dann steht man da, bräuchte Unterstützung, bekommt aber zuwenig. Da wäre ich auch sehr unzufrieden. Was ich aber nicht verstehe, ist, dass man dann Politikern die Stimme geben kann, die einem Änderung versprechen, aber in Realität eine Politik betreiben, die komplett gegen die Interessen von eben jemandem ist, der grad seinen Job verloren hat. Dass man gegen seine Interessen wählen kann, das ist für eine Demokratie schon sehr Schwindel errgend.

In Ihrem Programm „Mediengeil" geht es wenig überraschend auch um die Medien. Gibt es das überhaupt „die" Medien in dieser Allgemeinheit?

Das ist genau das Ziel von meinem Programm: ich möchte auf lustige Art zeigen wie unterschiedlich jeder von uns mit den unterschiedlichsten Medien umgeht. Ich rede von meiner Smartphone-Sucht, zeige wie uns grosse Medienkonzerne kontrollieren, wie Senioren im Altersheim die digitale Technik auf bahnbrechend neue Weise nutzen und ich spiele mediengeile Terroristen.

Welche Rolle haben die Medien an dem Zustand unserer Gesellschaft?

Ich glaube die Globalisierung und die modernen Medien haben uns stärker verändert, als wir uns derzeit bewusst sind. Die Schnelligkeit unserer Kommunikation führt zu einer unglaublichen Flüchtigkeit und Unkonzentriertheit. Nicht nur bei mir, wenn ich einen Online-Artikel lese, sondern ganz allgemein als Grund-Groove der Welt. Es passieren gleichzeitig so viele Dinge auf der Welt, die sich gegenseitig beeinflussen. Wir sind dank unserer modernen Kommunikationsmittel über fast alles in Echtzeit ins Bild informiert. Doch das Resultat ist nicht, dass wir mehr Durchblick haben, sondern dass wir unkonzentriert sind und so handeln.

"Lachen lässt einen die Dinge klarer sehen": Michael Elsener im Interview mit thurgaukultur.ch Bild: Alexandra Wey

Und welche Verantwortung hat da jeder Einzelne?

Das ist die grosse Frage bei all den Dingen, die mich stören oder die ich ungerecht finde. Ich versuche möglichst bewusst zu leben, meine Entscheidungen beispielsweise beim Einkaufen möglichst bewusst zu fällen und immer wieder zu hinterfragen. Trotzdem bin und bleibe ich Teil des Systems. Ich finde die Arbeitsbedingungen in gewissen Fabriken in China eine Katastrophe, trotzdem habe ich ein Smartphone.

Kann Kabarett dazu beitragen, die Welt besser zu verstehen?

Natürlich. Ich bringe mein Publikum zum Lachen indem ich über aktuelle Geschehnisse rede. Beim Lachen findet eine unglaubliche gedankliche Leistung statt. Es lässt einem die Dinge klarer sehen. Doch vor allem entspannt es.

Ist die Gegenwart nicht längst so realsatirisch, dass Kabarett nurmehr wie ein Abklatsch wirkt?

Manchmal passieren auf der Welt Dinge, die wir Kabarettisten zuvor mal in einem Sketch dargestellt haben. Von daher kann man sagen, wir Kabarettisten sind der Welt oftmals ein bisschen voraus. – Ich hatte mal einen Sketch gespielt, in dem ein Reality-TV-Star in die Politik ging. Das ist nun eingetroffen. Doch ich hoffe nicht, dass alle Dinge, die ich mal in einem Sketch gespielt habe, Realität werden.

Sie touren mit ihrem Programm durch die ganze Schweiz. Lacht da jeder Kanton anders oder gibt es ein Schweizer Humorverständnis?

Ganz pauschal gesprochen gibt es eine Art Schweizer, eine Art Deutsches Humorverständnis. In der Schweiz mache ich eine Pointe, dann lachen die Leute, schauen ihren Sitznachbaren an, nicken sich an im Sinne von „gell das war lustig", dann gibt's noch einen Nach-Schmunzler, dann kann ich weitermachen. In Deutschland heisst es eher Pointe Pointe Pointe. – Das ist extrem pauschalisiert. In der Realität kommt es eher darauf an: was ist grad auf der Welt passiert? was für Berufe haben die Zuschauer? und haben alle ohne Probleme einen Parkplatz gefunden.

Am 9. Februar eröffnen Sie das Festival „Kabarett in Kreuzlingen" - worauf können sich die Zuschauer da freuen?

Ich denke das wird ein Abend, an dem jede und jeder extrem viel lachen wird. Mein Programm ist sehr bunt: Neben Parodien gibt es Stand Ups und Songs. Und ich versuche mein Programm immer möglichst gut auf die Zuschauer anzupassen. Ich stehe nicht einfach hin und spule meinen Text ab. Ich mache den Abend mit den Zuschauern zusammen. Das wird jeden Abend neu. So auch in Kreuzlingen. Ich freu mich!

Zur Person

Michael Elsener (31) stammt aus Zug. Er hat 2010 an der Universität Zürich das Studium der Politikwissenschaften und Publizistik mit dem Master abgeschlossen. Er bildete sich weiter in «Das Wesen des Clowns» bei Jacobo Fò, Carlo Colombaioni und Alessio Targioni in Florenz sowie im Fach Improvisationstheater, Stimmbildung, Schauspiel an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit 2006 tourt er mit abendfüllenden Soloprogrammen durch die Schweiz. Er hat regelmässig Auftritte in Einspielfilmen oder als Live-Act bei «Giacobbo/Müller»,  wo er auch Mitglied im Autorenteam war. Als jüngster Kabarettist trat er in der Samstagabendshow «Benissimo» auf. Ausserdem arbeitete Elsener als freier Journalist für das Schweizer Radio DRS und hatte Auftritte in der Satiresendung «Spasspartout», SRF 1. Mehr zu Michael Elsener gibt es auf seiner Internetseite. Weitere Termine seiner aktuellen Tournee gibt es hier im Überblick

 

Videos von und mit Michael Elsener

Gastauftritt bei Giacobbo/Müller


 Trailer zu seinem Stimmentalent

 Michael Elsener erklärt das Schweizer Bankgeheimnis

 

Mehr zum kompletten Programm des Festivals "Kabarett in Kreuzlingen" gibt es hier

HTML Comment Box is loading comments...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Bühne

Kommt vor in diesen Interessen

  • Interview
  • Vorschau
  • Kleinkunst

Werbung

«Debüts. Der erste Roman»

Alle Beiträge zum Literatur-November.

Aktuelle Führungen

auf einen Blick!

Agenda

Tipps & Tricks für Veranstalter

Ausschreibungen

Ähnliche Beiträge

Bühne

Kein Silvester ohne Theater

Die übliche Silvesterpremiere hat die Bühni Wyfelde in diesem Jahr coronabedingt gestrichen. Eine kleine Drei-Mann-Produktion soll trotzdem über die Bühne gehen. mehr

Bühne

Ostschweiz für Fortgeschrittene

Das Sirnacher Theater Jetzt will mit seinem neuen Stück „Trainingslager“ nicht weniger als die Seele der Ostschweiz ergründen. Premiere ist am 20.November. mehr

Bühne

«Salzburger Stier» für Lara Stoll

Schonungslos und fantasievoll: Die im Thurgau aufgewachsene Slam Poetin und Kabarettistin räumt einen weiteren renommierten Preis ab. mehr