von Michael Lünstroth, 02.06.2017

Sein neues Buch ist fast fertig

Sein neues Buch ist fast fertig
"Für mich ist das Reden über „Agnes" heute ein bisschen so wie das Reden über Kinderzeichnungen": Der Schriftsteller Peter Stamm im Interview mit Thurgaukultur.ch | © Stefan Kubli

Erzählt man Menschen, dass man demnächst den Schriftsteller Peter Stamm treffen wird, dann reagieren sehr viele von ihnen, sehr ähnlich. Sie lächeln und sagen dann: "Das ist bestimmt ein sehr freundlicher und offener Mann." Wer mal mit ihm gesprochen hat, schwärmt von der Begegnung. Wie macht der das nur? Wir treffen den bekanntesten Schweizer Gegenwarts-Autoren in seiner Heimatstadt Winterthur auf einen Kaffee. Und siehe da: Er ist wirklich sehr freundlich. Er holt seinen Gast sogar vom Bahnhof ab. Ein Gespräch über erste Sätze, seinen Blick auf den Debütroman "Agnes" 20 Jahre nach dem ersten Erscheinen und was das mit seinem nächsten Buch zu tun hat.

Interview: Michael Lünstroth

Herr Stamm, 1998 ist ihr bislang bekanntester Roman „Agnes" erschienen. Wie blicken Sie fast 20 Jahre danach auf ihr literarisches Debüt?

Mein Verhältnis zu dem Roman hat sich über die Jahre verändert. Ich lese ihn heute anders als damals. Wenn ich mit Schülern über das Buch spreche, dann stellen sie oft die Frage, ob Agnes am Ende nun tot ist oder nicht? Früher hätte ich gedacht, sie sei tot. Heute würde ich eher sagen, sie lebt. Aber nicht, weil sich das Buch geändert hätte, sondern, weil man mit 54 so einen Roman einfach auch anders liest als mit 35.

Würden Sie es heute anders schreiben?

Ja. Aber ich würde es heute so nicht mehr schreiben. Die Qualität von „Agnes" ist, dass der Roman aus einer bestimmten Lebenssituation und einem bestimmten Alter des Autors heraus entstanden ist. Schon deshalb könnte ich das Buch heute so gar nicht mehr schreiben. Versuchte ich es, käme ein völlig anderes Buch heraus. Für mich ist das Reden über „Agnes" heute ein bisschen so wie das Reden über Kinderzeichnungen. Da ist auch manches schief und krumm, aber trotzdem hat es eine ganz eigene Qualität.

Das klingt nach Distanz zwischen Autor und Werk. Mögen Sie „Agnes" nicht mehr?

Nein, das ist nicht der Punkt. Der Roman ist mir immer noch sehr nah und war es auch immer. Aber in den vergangenen 20 Jahren habe ich mich natürlich weiterentwickelt. Menschlich, stilistisch, mein Leben ist heute ein anderes als es damals war. Daher kommt meine Skepsis, ob ich den Roman heute wieder so schreiben könnte oder würde.

Vor „Agnes" hatten Sie bereits zweimal Verlagen Manuskripte angeboten und erhielten nur Ablehnungen. Wie schwer war es da, einen dritten Anlauf zu wagen?

Wenn man anfängt zu schreiben, braucht man ja eine Grundeuphorie, sonst würde man die Mühe gar nicht auf sich nehmen. Später hat mir dann geholfen, dass ich auf anderen Gebieten Erfolg hatte und mich weiterentwickeln konnte. Ich habe Hörspiele gemacht, konnte journalistisch arbeiten. Ich habe also nie nur verzweifelt an Manuskripten gearbeitet, die keiner haben wollte. Ausserdem bin ich ziemlich hartnäckig und ich wusste immer, dass man Ausdauer braucht in meinem Beruf.

Sie hatten keinen Erfolgsdruck?

Ach, das mit dem Erfolg. Ehrlich gesagt stört mich das bei manchen jungen Autoren heute: Es geht nicht mehr darum, ein tolles Buch zu schreiben, sondern ein Buch zu schreiben, das einem den Erfolg bringt. Damit habe ich mich in meinen Anfängen nur indirekt beschäftigt. Ich wollte einfach tolle Bücher schreiben. Und habe naiverweise darauf vertraut, dass die sich dann schon verkaufen würden. Glücklicherweise hat das dann geklappt.

Sie haben noch geschrieben um des Schreibens Willen?

Tatsächlich war das eine zentrale Entwicklung bei meinem Schreiben: Zu realisieren, dass ich aus Freude am Schreiben schreibe und nicht, weil ich Erfolg haben will oder den Menschen etwas zu sagen habe. Ich habe immer aus dem Schreiben heraus gearbeitet und dann geschaut was passiert. Das gibt einem auch eine gewisse Lockerheit, weil man nicht so auf externen Applaus schielt, sondern die Dinge erstmal für sich tut. Für mich war das der gesündere Weg.

Treffen im Grünen: Der Schriftsteller Peter Stamm im Gespräch mit Thurgaukultur-Redaktionsleiter Michael Lünstroth. Bild: thurgaukultur.ch

Wenn Schreiben auch immer ein bisschen Suchen ist - haben Sie schon den Bauplan für einen Bestseller gefunden?

Kann es so etwas überhaupt geben? Ich weiss nicht. Für einen Bestseller mag es möglich sein, die funktionieren ja meistens nach einem bestimmten Schema. Aber gute Bücher entstehen nicht nach einem vorgegebenen Schema. Entgegen mancher Technikfreaks glaube ich auch nicht daran, dass Computer jemals literarische Bücher schreiben werden. So entsteht vielleicht Unterhaltungsmaterial, aber keine Kunst.

Das heisst, Sie ringen bei jedem neuen Buch aufs Neue mit dem Thema?

Ja, das ist so. Für jedes neue Buch, gibt es einen speziellen Ansatz, eine neue Herangehensweise. Trotzdem sind meine Romane natürlich nicht alle komplett verschieden. Ich bleibe als Erzähler mit meiner Stimme immer erkennbar. Aber man entwickelt sich ja auch immer weiter, interessiert sich für neue Themen, da ist es nur logisch, dass sich auch die literarische Herangehensweise ein bisschen verändert. Ein Beispiel: Von meinem aktuellen Buch bis zu dem an dem ich jetzt gerade arbeite gab es einen Riesenschritt. Das muss auch nicht immer nur vorwärts sein. Das nächste Buch wird in seiner Art wieder eher wie „Agnes" sein. Ich hatte schon länger mal wieder Lust darauf, so ein Räderwerk von ineinander greifenden Geschichten zu schaffen. Mal sehen, was daraus wird.

Wie weit sind Sie mit dem Buch?

Fast fertig. Ich muss es noch zweimal durchlesen, dann geht es ins Lektorat.

Steht der Titel schon fest?

Ja. Aber ich verrate ihn noch nicht.

Gibt es schon einen Erscheinungstermin?

Ja, voraussichtlich im Februar 2018.

Vielleicht können Sie etwas zum Inhalt sagen: Worum geht es denn?

Es ist eine Doppelgänger-Geschichte und sie ist kurz, also ziemlich genauso lang wie „Agnes" könnte man sagen. Es hat sogar ganz direkt mit „Agnes" etwas zu tun. Hat Spass gemacht, es zu schreiben.

Was hat Sie zu dem Thema inspiriert?

Es war eine Szene aus Uwe Timms „Vogelweide". Aber das war letztlich nur die Initialzündung. Gedanken rund um das Thema hatte ich schon vorher. 

Reden wir noch ein bisschen über den Schreibprozess. Wenn Sie ein Thema gefunden haben, wie geht es danach weiter?

Meistens habe ich eine Grundidee und dann fange ich einfach mal an. Ich musste am Anfang nur ein paar Dinge entscheiden: Wo spielt es? Wer ist die Hauptfigur? Wie alt ist er? Was ist er von Beruf? Danach lege ich los und schaue, wohin es mich treibt.

Das klingt nach einer abenteuerlichen Expedition ohne jedes Gerüst...

Ja, so arbeite ich. Ich will kein starres Gerüst, das mich von vornherein einzwängt. Ich muss mich langsam vortasten, deshalb kann ich auch nicht so schnell schreiben. Ich weiss nie genau, ob da irgendwo ein Abgrund lauert. Es ist ein bisschen wie in der Nacht durch die Landschaft gehen und nie genau wissen, wo man hinkommt. Das Einzige, das ich allerdings brauche ist ein erster Satz. Das ist zentral. In dem ersten Satz steckt schon so viel: Erste Person oder Dritte Person? Wo innerhalb der Chronologie fange ich an? Mein neues Buch startet beispielsweise mit der Rahmenhandlung in Stockholm. Das hat keinen besonderen Grund, sondern liegt nur daran, dass ich dort war, als ich daran geschrieben habe.

Und dieser erste zentrale Satz überlebt am Ende auch alle Korrekturen und Lektorate?

Ja. Das ist eigentlich erstaunlich, weil ich in der Überarbeitung meistens sehr viel ändere. Aber dieser erste Satz steht fest. Das ist für mich wie der Samen, die Keimzelle aus dem alles Weitere entsteht. Wenn der nicht stimmt, kann ich nicht weiter schreiben. Manchmal dauert es Jahre bis ich den richtigen ersten Satz für ein Thema finde. Es ist einfach der Angriffspunkt von dem aus ich die Geschichte erzähle. Der muss sitzen.

 

Peter Stamm über...

...seine Schreibgeschwindigkeit: „Ich schreibe maximal zwei bis drei Seiten am Tag. Wenn ich in einer Schreibphase bin, versuche ich jeden Werktag zu arbeiten. An dem neuen Buch habe ich ungefähr eineinhalb Jahre gearbeitet."

 

...seinen Schreibort: „Ich schreibe am Computer. Ich habe nichts dagegen, wenn andere Autoren es anders machen, aber ehrlich gesagt finde ich es ein bisschen läppisch, wenn man so tut, als könnte man nur von Hand gute Bücher schreiben."

 

...seine Lieblingsstadt: „Paris ist nach wie vor die schönste Stadt der Welt für mich. Ich bin mit 19 Jahren aus Weinfelden dorthin gegangen. Erst war es ein Schock, dann eine Offenbarung."

 

...seine Lieblingsthemen: „Ich finde das Bunte, Grelle langweilig, weil es so äusserlich ist. Mir gefällt es viel besser, in die Tiefe zu gehen. Also beispielsweise eine normale, alltägliche Oberfläche zu haben und dann zu schauen, was liegt darunter."

 

 

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