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von Rahel Buschor, 22.03.2024

Der Rhythmus des Lebens

Der Rhythmus des Lebens
«Als Kunstschaffende suche ich die Extreme, um immer wieder zu dieser Mitte zurückzukehren.» Bewegungsrecherche, Artist-in-Residence Villa Sträuli, Winterthur 2021. | © Paco

Mein Leben als Künstler:in (15) Die Tänzerin Rahel Buschor über das beständige Suchen der Balance im Leben und in der Kunst und was das mit ihrem Menstruationszyklus zu tun hat. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Während meiner Ausbildung zur Peking Oper Darstellerin an der Nationalen Akademie für Chinesischen Theaterkunst saugte ich chinesische Kultur und Kunst auf wie ein Schwamm. Besonders liebte ich die traditionellen Geschichten, welche die Grundlage sind für viele Theater und Opern, und die dazugehörigen philosophischen Ansätze. Das Prinzip von Yin und Yang übte eine besondere Faszination auf mich aus. Es wurde zu einer Art Leitfaden für meine künstlerische Arbeit und für mein Leben.

Yin und Yang

Die meisten von uns sind vertraut mit dem durch eine schwungvolle Linie zweigeteilten Kreis. Yin, die schwarze Fläche mit dem weissen Punkt symbolisiert das weibliche Prinzip. Yang, die weisse Fläche mit dem schwarzen Punkt steht für das Männliche. Das bedeutet nicht Yin gleich Frau und Yang gleich Mann. Vielmehr ist damit eine Reihe von Eigenschaften verbunden. 

Dies lässt sich anhand der Natur gut veranschaulichen. Wasser steht für das Yin. Es ist fliessend, weich, auch wuchtig und schwer. Es fliesst immer zum tiefsten Punkt. Yang wird durch das Element Feuer dargestellt. Feuer ist heiss, lebendig, leicht, und strebt in die Höhe. Der Mond und die Nacht entsprechen dem weiblichen Prinzip, die Sonne und der Tag dem Männlichen. Yin ist das passive, empfangende Element, Yang das aktive und gebende. 

Das Prinzip von Yin und Yang beruht darauf, die sich ergänzenden Qualitäten in ein Gleichgewicht zu bringen. Dies führt, vereinfacht gesagt, zu Balance und Harmonie, zu guter Gesundheit und einem ausgewogenen Geist. 

 

Ausschnitt von einem Mind-Map: Studie zu Yin und Yang. Bild: Rahel Buschor

Komplementarität als kreatives Prinzip

Auch in unserem Europäischen Kulturkreis ist diese Art von Denken tief verwurzelt. Schon der griechische Philosoph Heraklit hatte vor zweieinhalb tausend Jahren die Idee, dass alles eins sei, dass Gegensätze zusammenfallen. Das eine ist nie ohne das andere: Ohne die Sonne wären wir nicht imstande den Schatten wahrzunehmen. Die Schnelligkeit wird erst im Kontrast mit der Langsamkeit als solche erkannt. Jung und Alt ergänzen sich und eröffnen einander – im Idealfall - neue Sichtweisen. Heraklit sagte: «Komplementarität, das Zusammenfügen des Verschiedenen, ist die Grundlage von Kreativität.»

Beim Studium traditioneller Bewegungskunst in Asien war dieses Prinzip allgegenwärtig. TaiChi, QiGong, KungFu und auch die Basisbewegungen der Peking Oper beruhen auf Komplementarität: oben und unten, rechts und links, hinten und vorne, schnell und langsam werden gleichermassen berücksichtigt. In den Bewegungen wird nach Balance gesucht, was ein Gefühl von Harmonie vermittelt. Das hat eine Wirkung auf die Person, welche die Bewegungen ausführt – und ebenfalls auf die Person, welche zuschaut. 

 

Bewegungsrecherche zum Gleichgewicht von Yin und Yang. Kunst im Depot Winterthur, 2022. Bild: Astrid Künzler

 

Auch der österreichisch-ungarische Tänzer Rudolf von Laban formulierte Prinzipien zur Gestaltung und Analyse in der tänzerischen Arbeit. Er nannte sie Polaritäten der Bewegung. Ausgangslage ist der Antrieb, sozusagen die Motivation und innere Beteiligung, eine Bewegung auszuführen. Diese sei immer durch zwei gegensätzliche Pole gekennzeichnet.

Der Fachbereich Rhythmik, der sich mit dem Zusammenspiel und der Wechselwirkung von Musik und Bewegung beschäftigt, entwickelte diese Idee weiter. Es entstand das Prinzip der 4 Parameter, ein Tool zur Gestaltung sowohl in der Musik als auch in der Bewegung: ZEIT (z.B. schnell – langsam), KRAFT (z.B. stark, schwach), RAUM (gross – klein), FORM (eckig – rund). Sich ergänzende Pole dienen als Leitlinie für die künstlerische Gestaltung.

 

Spiel mit gestalterischen Formen.  Recherche, Artist-in-Residence Villa Sträuli Winterthur, 2021. Bild: Dominik Ott

Die Notwendigkeit von Kreativität für ein ausgeglichenes Leben

Im alten China wurden die Ärzte bezahlt, solange die Menschen gesund blieben. In der chinesischen Medizin steht der Ausgleich von Yin und Yang für Gesundheit. Sind diese Komplementären Kräfte ausgeglichen, sind wir gesund. Ist das Gleichgewicht gestört, fühlen wir uns unausgewogen oder werden krank. 

In der westlichen Medizin wird die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der physiologischen Körperfunktionen als Homöostase bezeichnet. Psychologisch gesehen wird darunter die Anpassung eines Organismus an die sich ändernden Lebensbedingungen, sowie die Erhaltung bzw. Wiederherstellung des Gleichgewichts verstanden.

Hier kommt die Kreativität ins Spiel. Der Hirnforscher Ernst Pöppel formuliert das folgendermassen: «Liebe und Glück sind hehre Ziele, die nur die wenigsten erreichen. Aber zum Glück wurden uns Menschen andere Hilfsmittel mitgegeben, ein gelingendes Leben zu führen. Was uns vor allem anderen ausmacht, ist das Prinzip der Homöostase: der Drang, die eigene Mitte zu entdecken, das Gleichgewicht zwischen extremen Gefühlszuständen zu finden, eine Balance zwischen zu viel Energie und lähmender Tatenlosigkeit zu halten. Das schaffen wir nur dank einer Kreativität, die jedem von uns biologisch mitgegeben ist, auch wenn sie manchmal verschüttet ist. (...) Unsere Kreativität besteht nun darin, in Extremzuständen Lösungen zu finden, um die Homöostase wieder zu erreichen. (...) Wir sind von Natur aus kreativ, doch müssen wir auch den Mut haben, unsere Kreativität zu nutzen, sie einzusetzen.»

Wie ich meine Ziele erreiche

Kreativität und Leben gehören zusammen. Demnach sind wir nicht kreativ um der Kreativität Willen, sondern in erster Linie,  um unsere Ziele zu erreichen. 

Nach Pöppel ermöglicht diese in uns biologisch angelegte Kreativität das Finden sowie die Erhaltung der eigenen Mitte.

So können beispielsweise verrückte Hobbies einen engen, langweiligen Büroalltag ausgleichen. Wer im Beruf körperlich sehr aktiv ist, legt sich am Abend vielleicht gerne aufs Sofa, anstatt noch eine Runde um den Block zu joggen.

Als Kunstschaffende suche ich die Extreme, um immer wieder zu dieser Mitte zurückzukehren. Projekte in den Bereichen Bewegung, Theater, Musik, Performance sind immer herausfordernd. Der Körper ist mein Arbeitsinstrument, und ich bewege mich entsprechend viel. Mein Gehirn ist dauernd auf ‘Suchmodus’, um alles zu filtern und aufzunehmen, was in irgendeiner Weise das Projekt bereichern könnte. 

Es steht viel an Kommunikation an, mit Veranstaltern, mit Projektteilnehmenden u.a. Darum ist meist mein Bedürfnis an Ruhe gross, und ich sehne mich nach Momenten, in denen einfach nichts ist. Auch nach Abschluss eines Projektes brauche ich genug Zeit um alle Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten. Das geht am besten beim ‘Nichtstun’.

Die Arbeit an künstlerischen Projekten gleicht dem Wechsel der Jahreszeiten

Dieses Nichtstun steht symbolisch für den Winter. Der Winter, im chinesischen Kulturkreis dem Yin zugeordnet, ist die Ruhezeit schlechthin. Die Natur zieht sich zurück. Es ist dunkel, kalt, ruhig. Alles schläft. Obwohl im Winter von aussen gesehen ‘nichts’ passiert, geschieht eine ganze Menge. Es wird aufgetankt und sich vorbereitet. Denn im Frühling, ganz plötzlich, erwacht die Natur, die ersten Blüten spriessen. So kommt manchmal ganz aus der Ruhe und Entspannung heraus die Ideen für ein neues Projekt.

Der Sommer steht im Zeichen von Yang. Es ist hell, die Sonne scheint, es ist heiss. Wir sind angeregt, haben die Tendenz zur Aktivität, sind gerne draussen und im Aussen. Im kreativen Prozess entspricht das der Probe- und Entwicklungszeit eines Projektes. Der Herbst ist die Zeit der Ernte. Es ist die farbigste, reichste und goldigste Zeit des Jahres. Von der Natur aus gesehen ist es der Höhepunkt des Jahres, bevor sich dann alles wieder in die Stille des Winters zurückzieht. Diese Erntezeit ist für mich der Auftritt, die Performance, das öffentliche Zeigen eines Projektes.

Mehr dazu, in einem Interview zu meinem letztjährigen Projekt «Vier Jahreszeiten".

Und einen Einblick in die Probearbeiten zu «Vier Jahreszeiten»:

Zyklen des Lebens – inneres und äusseres Klima 

Als zuverlässige Schweizerin habe ich gelernt, mich durch äussere und innere Unwetter nicht zu stark beeinflussen zu lassen. Bei Feinstaub Werten über 700 in Peking (bei 50 ist der Grenzwert für gute Luft), bei Temperaturen über 40 Grad Celsius im Sommer oder bei zyklusbedingten Bauchkrämpfen: mein täglich mehrstündiges Training fand statt. 

Während meines Studiums in Peking stellte ich fest, dass meine chinesischen Kolleginnen einen anderen Bezug hatten zu diesen Wetterlagen, insbesondere zu den zyklischen. Zur Zeit der Menstruation, die in der chinesischen Medizin mit dem Winter assoziiert wird, waren sie weniger streng mit sich. Wenn immer möglich war es für sie eine Zeit der Ruhe. Sie assen besonders nahrhafte und warme Mahlzeiten, mieden bestimmte Lebensmittel, gingen nicht ins kalte Wasser und blieben an der Wärme. Zuerst fand ich dieses Verhalten befremdend. Ich wollte schliesslich nicht ‘eingeschränkt’ werden durch so etwas wie eine monatliche Blutung. Doch nach einiger Zeit begann ich zu verstehen: mit der Natur zusammen zu arbeiten bedeutet nicht Einschränkung, sondern Erweiterung.

Spätestens seit bekannt ist, dass die Schweizer Frauen Fussball Nati auf das Training nach Menstruationszyklus schwört, ist auch bei uns die Sensibilität in Bezug auf dieses Thema gestiegen. Nicht nur Sportlerinnen und KünstlerInnen können davon profitieren. Es lohnt sich, den inneren und äusseren Wetterlagen Beachtung zu schenken und sie zu nutzen. 

Wie Ebbe und Flut

Im chinesischen Verständnis ist der Menstruationszyklus ein Zusammenspiel von Yin und Yang, vergleichbar mit den Gezeiten Ebbe und Flut. Es wird von vier Phasen des Zyklus gesprochen, die wiederum mit den Jahreszeiten korrespondieren: Menstruation – Winter, Post-Menstruale Phase – Frühling, Ovulationsphase – Sommer, Prämenstruelle Phase – Herbst.

Beim Training nach Zyklus ist folgendes Grundkonzept verbreitet: Die Zeit der Blutung ist die Ruhephase. Wenig intensives Training, genügend Erholung und Entspannung sind wichtig. Ich erledige, was erledigt werden muss. Was nicht sein muss, spare ich für die kommenden Tage auf. Der Rückzug hilft aufzutanken, um energiegeladen in die nächste Phase zu starten. Die Post-Menstruale Phase, auch Follikel Phase genannt, gilt als besonders effektiv für Krafttraining und Muskelaufbau. Es ist der Zeitpunkt, um neue Projekte anzureissen, die Zeit der kreativen Feuerwerke, Frühling eben. Die Ovulationsphase steht für den Sommer, für Yang und das Feurige. Es ist die Phase der Kreativität und ein guter Zeitpunkt um Neues zu wagen. In der prämenstruellen Zeit kann die Trainingsintensität wieder reduziert werden. Grundlagetraining mit einem moderaten Puls sowie das Abschliessen von Projekten sind angesagt.

Kreativer Umgang mit den Gegebenheiten

Es ist natürlich nicht so zu verstehen, dass ich meine gesamte Projektplanung nach dem Menstruationszyklus ausrichte. Es geht nicht um das stiere Befolgen von Regeln, sondern um den kreativen Umgang mit dem, was gerade ist.

Mit den Worten Pöppels gesagt: «Kreativität ist das Werkzeug, mit dem wir uns an die Herausforderungen der Welt anpassen können.» Oder mit meinen Worten: «Mit steigendem Grad an Kreativität steigt auch die Lebensqualität: Kreative Menschen sind besonders gute Freunde, interessante Familienmitglieder und einfühlsame LiebhaberInnen.» Da wir alle von Natur aus kreativ sind, kann das Leben nur besser werden – sofern wir bereit sind, uns von der Kreativität leiten zu lassen.

Es geht weiter! Zweite Staffel der Serie «Mein Leben als Künstler:in» läuft!

Die zweite Staffel der Kolumnenserie «Mein Leben als Künstler:in» ist gestartet. Dieses Mal schreiben diese vier Künstler:innen Geschichten aus ihrem Leben:

 

  • Simone Keller, Pianistin
  • Simon Engeli, Schauspieler, Regisseur, Theatermacher
  • Rahel Buschor, Tänzerin
  • Sarah Hugentobler, Videokünstlerin

Alle Beiträge der ersten Staffel gibt es gebündelt im zugehörigen Themendossier.

 

Die Idee: Mit der Serie „Mein Leben als Künstler:in“ wollen wir den vielen Klischees, die es über Künstler:innen-Leben gibt, ein realistisches Bild entgegensetzen. Das soll unseren Leser:innen Einblicke geben in den Alltag der Kulturschaffenden und gleichzeitig Verständnis dafür schaffen, wie viel Arbeit in einem künstlerischen Prozess steckt.

 

Denn nur wer weiss, wie viel Mühe, Handwerk und Liebe in Kunstwerken steckt, kann die Arbeit von Künstler:innen wirklich wertschätzen. So wollen wir auch den Wert künstlerischer Arbeit für die Gesellschaft transparenter machen. Neben diesem aufklärerischen Ansatz ist die Serie aber auch ein Kulturvermittlungs-Projekt, weil sie beispielhaft zeigt, unter welchen Bedingungen Kunst und Kultur heute entstehen.

 

Bereits zwischen Juni und Oktober hatten die vier Künstler:innen Ute Klein, Fabian Ziegler, Thi My Lien Nguyen über ihren Alltag und ihre Arbeit berichtet. Alle erschienenen Beiträge der Serie bündeln wir im zugehörigen Themendossier

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