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«Das Publikum ist aktiver Teil der Aufführung»

«Das Publikum ist aktiver Teil der Aufführung»
Luftsprung: Rahel Zoë Buschor in einer ihrer Chroreographien. Titel: Apprivoiser. | © zVg

2020 wurde die Tänzerin Rahel Zoe Buschor mit einem Förderbeitrag des Kanton Thurgau ausgezeichnet. Jetzt zeigt sie in Winterthur und Kreuzlingen ein neues interdisziplinäres Projekt. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Frau Buschor, mit koreanischem Gesang, Tanz und Kalligrafie wollen Sie bei Ihrem neuen Projekt den Jahreszeiten auf die Spur kommen. Wie ist die Idee zu «Vier Jahreszeiten» entstanden?

Vor drei Jahren habe ich zum ersten Mal in Korea Pansori gehört. Die Aufführung hat mich sehr berührt, ohne dass ich rational viel verstanden hätte. Meine Neugierde und das Interesse für diese besondere Vokalkunst war so gross, dass ich kurz darauf im Kulturzentrum in Suwon (Korea) einen Gesangskurs für Pansori besuchte. Im vergangenen Jahr freundeten Hongsoo Kim und ich uns mit jener Pansori-Sängerin an, von der ich die erste Pansori-Performance gehört hatte. Wir führten viele interessante Gespräche über Kunst, über den Dialog von traditioneller Kunst und zeitgenössischen Ausdrucksformen. Während einer gemeinsamen Pansori-Session entstand die Idee, gemeinsam ein Projekt zu realisieren.

 

Die koreanische Pansori Sängerin Yousook Jung bei der Probe im Depot in Winterthur. Bild: Hongsoo Kim
Was ist das Spezielle an Pansori?

Pansori ist eine Tradition des sängerischen Geschichtenerzählens aus Korea und UNESCO Weltkulturerbe. Eine Sängerin, ein Sänger wird von einer Trommel begleitet. Pansori besteht aus drei Bestandteilen: Gesang, gesprochener Text und Gesten, welche durch einen Fächer unterstützt werden. Der Fächer ist eine Art magisches Tool. Er kann alles darstellen, von der Gehhilfe bis zum neugeborenen Kind. Der Gesangsstil ist sehr direkt, authentisch, ausdrucksstark und hat nichts mit «schön Singen» am Hut. Die gesungene Geschichte möchte berühren und die Zuhörenden in eine andere Welt verführen. Das Publikum ist ein aktiver Teil der Aufführung. Es nimmt Anteil, ruft «gut und bravo» und lebt die Geschichte mit den Protagonisten mit. Es gibt eine Reihe von sehr langen Pansori, welche 3, 5 oder 8 Stunden lange dauern. Nur wenige Sängerinnen und Sänger sind in der Lage, solche Werke aufzuführen.

Video: So klingt Pansori

«Mit diesem Projekt geben wir Einblick. Wir zeigen nicht ein Endprodukt. Wir zeigen den Anfang, eine erste Anlage für ein Stück.»

Rahel Buschor, Tänzerin

Sie nennen das Projekt auch ein «Experimentallabor». Was meinen Sie damit?

Den Rahmen für das Projekt bietet «Kunst im Depot» in Winterthur. Das Depot vergibt jährlich Residenzen an Kunstschaffende. Der Fokus liegt auf der Entwicklung von Kunst, von neuen Ideen und Formaten. Diese Idee haben wir ausgebaut: wir möchten den Prozess, die Entstehung von Kunst sichtbar machen. Immer wieder fragen Freunde und Bekannte was wir denn eigentlich machen, wie denn so ein Stück entsteht. Mit diesem Projekt geben wir Einblick. Wir zeigen nicht ein Endprodukt. Wir zeigen den Anfang, eine erste Anlage für ein Stück. Mit diesem Konzept nehmen wir auch Bezug zur neuen Kolumnenreihe «Mein Leben als Künstler:In» bei thurgaukultur.ch. Wir lassen das Publikum teilhaben am künstlerischen Prozess, treten in einen Dialog, beantworten Fragen.

Weshalb haben Sie dafür eine traditionelle asiatische Kunst gewählt?

Es ist eine besondere Erfahrung mit traditionellen Kunstformen, insbesondere aus einem anderen Kulturkreis, zu experimentieren. Die Tradition ist manchmal starr, das kenne ich gut aus meinem Studium der Peking Oper in China. Wie weit muss die Tradition bewahrt werden und wie weit darf ich sie zerpflücken und als inspirationsquelle für Neues nutzen, das ist eine spannende Gratwanderung. Wir wollen auch herausfinden: Wie reagiert das Schweizer Ohr auf das koreanische Pansori, das ein ganz anderes Hörerlebnis bietet als unsere Gewohnheit? Das ist ebenfalls ein Experiment.

 

Einblick in das Experimentallabor im Kult-X, Kreuzlingen. Bild: Deborah Buschor
Sie schreiben in der Ankündigung der Veranstaltung von «der Relevanz der Jahreszeiten für den Alltag und die Kunst». Woran macht ihr das fest?

Die Jahreszeiten sind zyklisch und im Wechsel. Nach dem Winter kommt der Frühling. Das ist immer so. Wir können uns darauf verlassen. Auf die kalten dunklen Tage folgen irgendwann Wärme und Sonnenschein. So ist es auch im Leben. Schwierigen Zeiten folgen meist leichtere Momente. Auch beim künstlerischen Arbeiten kennen wir verschiedene (Jahres-)Zeiten. Die Trockenheit, während der ein Projekt einfach nicht vorwärts geht, die Zeit während der die guten Ideen scheinbar mühelos auftauchen. Die Ernte, wenn ein Projekt seine Früchte zeigt. Auch die Arbeit am aktuellen Projekt ist zyklisch: das Finden einer Storyline, das Sammeln von Bewegungs- und Tonmaterial, die Entwicklung bis hin zu einem Stück. Immer wieder gibt es Herausforderungen und dazwischen Momente des Flows und der Mühelosigkeit. Es gibt ein wunderschönes Pansori, dass die vier Jahreszeiten als Metapher für die verschiedenen Stadien des Lebens sieht. Der Frühling steht beispielsweise für die Frische der Jugend und gleichzeitig für die Vergänglichkeit des Lebens. Diese Erkenntnis lässt den Protagonisten Leichtigkeit erfahren. Er geniesst die Schönheit des Alltags und trägt Schweres mit dem Bewusstsein, dass nichts für immer ist.

«Die Arbeit am aktuellen Projekt ist zyklisch wie die Jahreszeiten: das Finden einer Storyline, das Sammeln von Bewegungs- und Tonmaterial, die Entwicklung bis hin zu einem Stück. Immer wieder gibt es Herausforderungen und dazwischen Momente des Flows und der Mühelosigkeit.»

Rahel Buschor, Tänzerin

Das Projekt ist interdisziplinär ausgerichtet: Wie wollen Sie die Verbindung von Kalligrafie, Tanz und Musik erreichen? 

Ein verbindendes Element der drei künstlerischen Disziplinen ist der Rhythmus. Er ist ein zentrales Element bei unseren Recherchen, sowie auch die Atmung. Im Pansori gibt es zum Beispiel verschiedene rhythmische Trommel-Muster, welche unterschiedliche Stimmungen ausdrücken, und die Qualitäten der Jahreszeiten wiederspiegeln. Der Winter klingt beispielsweise dumpf, gehalten und eher gemächlich im Tempo. Diese Charakteristiken explorieren wir durch die Bewegung und über darstellende Mittel. Es geht sehr stark um den Dialog zwischen Musik und Bewegung, darum wie Stimmungen, Gefühle und Geschichten in verschiedene Darstellungsformen übersetzt und ausgedrückt werden können.

Wie lange haben Sie an der Aufführung gearbeitet?

Wir haben uns bereits seit einigen Monaten individuell mit dem Thema der Jahreszeiten auseinandergesetzt. Für diese erste Etappe des Projektes haben wir ein Zeitfenster von drei Wochen, während deren wir bei Kunst im Depot in Winterthur in Residenz sind. Was in dieser Zeit entstanden ist zeigen wir am 3. August in Kreuzlingen und am 5. August in Winterthur.

Weiterlesen: Ein Porträt über Rahel Buschor kannst du hier lesen.

Einblick in das Experimentallabor im Kult-X, Kreuzlingen. Bild: Deborah Buschor

 

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