von Stephan Lendi, 29.10.2026
Die Heimkehr einer Weltkarriere

Emilie Herzog aus Ermatingen war einundzwanzig Jahre lang Sopranistin an der Berliner Hofoper und sang vor Kaisern, Königen und Zaren. 188 ihrer über 4000 Auftritte sind für den Thurgau belegt. Hundert Jahre nach ihrem Tod kannte sie hier niemand mehr, bis ein Sänger aus Salenstein anfing zu suchen. Jetzt schliesst sich der Kreis in Aarburg. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Am 5. Mai 1895 erschien in der Thurgauer Zeitung ein Beitrag von Emil Hofmann. Der Titel: «Plauderstündchen bei Emilie Welti-Herzog». Ein Journalist aus dem Kanton besucht eine Sängerin, die es aus dem Kanton hinausgeschafft hat, und schreibt darüber für die Leute daheim. So etwas macht man nur mit jemandem, auf den man stolz ist.
Hundert Jahre später wusste in derselben Gegend niemand mehr, wer sie war. Nicht in Ermatingen, wo sie geboren wurde. Nicht in Diessenhofen, wo sie aufwuchs. Der Name war weg, restlos.
Das ist die eigentliche Geschichte von Emilie Herzog: nicht dass sie berühmt war, sondern wie vollständig sie danach verschwand; und wie viel Arbeit es gekostet hat, sie zurückzuholen.
Das Schulhaus, die Hutmacherei und ein Satz in Zürich
Sie kam am 17. Dezember 1859 im Schulhaus von Ermatingen zur Welt, wo ihr Vater Lehrer war und den Männerchor leitete. Dass ihr Geburtstag mit dem damals gefeierten Geburtstag Beethovens zusammenfiel, hat sie später selbst festgehalten; sie nahm es als freundlich-ernsthafte Fügung.
Zwei Jahre danach zog die Familie nach Diessenhofen, wo der Vater eine bessere Stelle bekam. Das Städtchen am Rhein, «noch mauerumfriedet und turmbewehrt», wie sie es in Erinnerung behielt, wurde ihre Heimat. Mit vierzehn begleitete sie den Gottesdienst an der Orgel. Sie hatte das absolute Gehör.
Reinhören: So klingt Emilie Herzog
Dann lernte sie Putzmacherin. Modistin, ein anständiger Beruf für eine Lehrerstochter. Erst mit siebzehn brachte sie ihre Eltern dazu, eine Gesangsausbildung zu erlauben. Sie fuhr nach Zürich, sang am Konservatorium vor, und der Fachmann urteilte: eine hübsche hohe, aber sehr kleine Stimme. Genug vielleicht, um zu unterrichten. Für die Bühne trage sie nicht.
Der Satz verdient es, zitiert zu werden: nicht weil der Experte sich irrte, sondern weil er zeigt, wie schmal der Grat war. Ein Wort mehr in dieselbe Richtung, und aus Emilie Herzog wäre eine Gesangslehrerin in Diessenhofen geworden.
München, Berlin — und was das für den Thurgau bedeutete
Sie studierte in Zürich, dann in München bei Adolf Schimon. Am 10. September 1880 stand sie erstmals auf der Bühne des Münchner Hof- und Nationaltheaters, als Page Urbain in Meyerbeers «Hugenotten». Der Theaterzettel jenes Abends liegt heute in einem kleinen Museum am Untersee.
Neun Spielzeiten München, rund 650 Vorstellungen in über fünfzig Partien. 1889 wechselte sie an die Königliche Hofoper Unter den Linden in Berlin, die heutige Staatsoper. Sie blieb einundzwanzig Jahre. 1900 wurde sie königlich-preussische Kammersängerin. Ihre Signaturrolle war die Königin der Nacht. Auszeichnungen kamen von fünf europäischen Höfen, zwischen 1895 und 1906, dazu das silberne Frauenverdienstkreuz der Kaiserin Auguste Victoria und eine goldene Brosche Kaiser Wilhelms.
Und trotzdem kam sie zurück. Immer wieder. Von den über 4000 Opernabenden und Konzerten, die für die Jahre 1878 bis 1910 dokumentiert sind, entfallen 188 auf den Kanton Thurgau. Das ist keine Randnotiz, das ist eine Lebenshaltung: Eine Sängerin, die in Petersburg und Paris auftrat, sang weiter in den Sälen ihrer Herkunft.
1898 wirkte sie an der Thurgauer Centenarfeier in Weinfelden mit; die Korrespondenz dazu hat sich erhalten. Aus derselben Zeit stammt eine Fotografie, die sie als «Thurgovia» zeigt — als Verkörperung des Kantons. Man muss sich das vorstellen: die Frau, der man in Zürich die Bühne abgesprochen hatte, wird zwanzig Jahre später zur Allegorie ihrer Heimat.
Der Mann, der Buch führte
1890 heiratete sie den Musikwissenschaftler und Kritiker Heinrich Welti, Aargauer, Bürger von Aarburg. Bemerkenswert an dieser Ehe ist nicht, dass sie glücklich war. Bemerkenswert ist ihre Konstruktion.
Emilie Herzog verdiente das Geld. Welti organisierte ihre Liederabende, entwickelte mit ihr die «historischen Liederabende», reiste mit und kümmerte sich um die Tochter Eva. Er sass im Publikum und liess ihr in der Pause Zettel in die Garderobe bringen. «Mein liebes Schnüggeli.» «Lieber Schatz! Es war ganz brillant!» «Brava, Bravissima!»
Vor allem aber führte er Buch. In ledergebundenen Münchner Agenden hielt er jeden einzelnen Auftritt seiner Frau fest: Datum, Ort, Werk, Partie. Drei Bände, 1880 bis 1910, lückenlos. Für die Musikgeschichte ist das ein Glücksfall; man kann die Laufbahn dieser Sängerin Abend für Abend rekonstruieren. Ohne diese Agenden wüsste heute niemand, dass 188 dieser Abende im Thurgau stattfanden.

Die Tochter kam im Februar 1896 zur Welt. Die Agenden zeigen, dass die Mutter bis in den Januar hinein hochschwanger auftrat. Im Mai sang sie in Moskau, bei den Krönungsfeierlichkeiten für Nikolaus II.
Komponisten kamen zu ihr. Im Nachlass liegen beide Hefte von Richard Strauss’ «Sechs Liedern» op. 19 mit persönlicher Widmung, handschriftliche Lieder mit den Bezeichnungen Pfitzner und Humperdinck, und Mahlers «Des Knaben Wunderhorn» mit einer Tintenwidmung nach Berlin, Lützowstrasse 20.
Was die Recherche wegnehmen musste
Jahrzehntelang stand in fast jeder Darstellung, Emilie Herzog sei an der Metropolitan Opera in New York aufgetreten; die wohl glänzendste Zeile jeder Kurzbiografie. Sie stimmt nicht.
Der Kurator Reto Knöpfel korrespondierte mit dem Metropolitan. In dessen Archiven kommt keine Emilie Herzog vor. Was vorkommt, ist eine Jeannette Herzog, die dort am 24. November 1904 ein einziges Mal sang, als Blumenmädchen im «Parsifal». Aus dieser Namensverwechslung wurde über hundert Jahre hinweg eine amerikanische Karriere, von Lexikon zu Lexikon abgeschrieben.
Emilie Herzog brauchte kein Met-Debüt. Dass man ihr trotzdem New York andichten musste, damit sie bedeutend genug klinge, ist vielleicht der schärfste Kommentar dazu, warum sie vergessen wurde.
Und dann nichts
Am 6. Februar 1910 verabschiedete sie sich in Zürich vom Schweizer Opernpublikum, als Marie in Donizettis «Regimentstochter». Am 1. Juni sang sie ihre letzte Opernvorstellung. Sie zog nach Aarburg und unterrichtete bis 1922 Meisterklassen am Konservatorium Zürich, an jener Anstalt, die ihr drei Jahrzehnte zuvor gesagt hatte, ihre Stimme trage nicht.
Der Erste Weltkrieg traf sie hart. Sie fühlte sich dem Land verbunden, in dem sie ihre Karriere gemacht hatte, und gab einen grossen Teil ihrer deutschen Pension für Soldaten an der Front. Den Schmuck aus russischem Hofbesitz verkaufte sie zugunsten des Roten Kreuzes. Am 16. September 1923 starb sie in Aarburg, drei Monate vor ihrem vierundsechzigsten Geburtstag.
Danach: nichts. Keine Wiederentdeckung, keine Strasse, keine Tafel. Ein Krieg, der die Welt zerstörte, in der sie berühmt gewesen war; enge Bindungen an ein Deutschland, das nach 1918 in der Schweiz keine gute Presse hatte; keine Uraufführung, die ihren Namen an ein Werk geheftet hätte. Und, vermutlich am schwersten wiegend: Sängerinnen ihrer Generation sind in der Erinnerung fast durchweg schlechter weggekommen als ihre männlichen Kollegen. Caruso ist ein Begriff. Strauss ist ein Begriff. Emilie Herzog war keiner mehr.
Eine Platte im Brockenhaus
Vor etwa zehn Jahren las ein junger Sänger aus Salenstein, dem Nachbardorf von Ermatingen, einen Zeitungsbericht über eine Opernsängerin aus der Gegend. Anlass war eine Schellackplatte, die in einem Brockenhaus aufgetaucht war. Reto Knöpfel, ausgebildeter Konzert- und Opernsänger, hauptberuflich Abteilungsleiter Musik und Kultur an einer Kantonsschule, kam davon nicht mehr los.
Als ihn das Museum Vinorama in Ermatingen Anfang 2023 fragte, ob er ehrenamtlich das Kuratorium übernehmen wolle, wusste er, wo anzufangen war. Im Internet stand fast nichts. Also arbeitete er in Archiven, kaufte Erinnerungsstücke zusammen, schrieb Museen an. Zuerst dachte er, es reiche für eine kleine Vitrine.
Der Durchbruch kam über den Stammbaum. Knöpfel verfolgte die Familie Welti genealogisch und stellte fest, dass eine Urenkelin noch lebte: Silvia Wiesner-Alder. Sie besass den gesamten Nachlass. Briefe in Sütterlin. Die Agenden. Die Ordensdiplome. Ein Spitzenkleid. Die Brosche des Kaisers. Alben mit Schellackplatten. Eine Europakarte, auf der die Orte rot unterstrichen sind, an denen sie gesungen hat.
Im Juni und Juli 2023 übergab sie alles als Dauerleihgabe, nach ihrem Tod als Schenkung. «Ich hatte einen Grossteil davon in meinem Wohnzimmer», sagte sie an der Eröffnung. «Aber jetzt bin ich sehr gerührt und sehr froh, dass diese Dinge gezeigt werden.» Eine europäische Karriere, aufbewahrt in einem Schweizer Wohnzimmer, und niemand wusste es.
Vom Untersee an die Aare
Zum hundertsten Todesjahr folgten zwei Ausstellungen: das Vinorama in Ermatingen zur Karriere, das Museum Kunst + Wissen in Diessenhofen zur Herkunft. Dazu ausverkaufte Konzertmatineen mit der Schauspielerin Astrid Keller als Emilie Herzog und der Koloratursopranistin Alexa Vogel.
Im Oktober 2026 öffnet die nächste Station, und sie liegt ausserhalb des Kantons: das Heimatmuseum Aarburg, wo Emilie Herzog ihre letzten Jahre verbrachte und starb. Damit schliesst sich der Bogen vom Schulhaus am Untersee an die Aare, wo das Grab liegt.
Video zur Ausstellung in Diessenhofen
Was am Ende bleibt, ist die Stimme. Fünfzehn Matrizen sind dokumentiert, aufgenommen zwischen 1904 und 1907 für G&T, Columbia und Edison: Rosina, Elvira, Micaëla, der Csárdás aus der «Fledermaus». Mehrere sind frei zugänglich. Dazu das Tonbild von 1908: vier Minuten, in denen man sie sieht und hört, wie sie mit dem Bariton Baptist Hoffmann das Duett der Nedda aus dem «Bajazzo» singt.
Man muss nicht so tun, als sei jede vergessene Sängerin zu Unrecht vergessen worden. Aber wer diese Aufnahmen hört, hört eine Technik ohne Anstrengung und eine Musikerin, die auch in vier Minuten Schellack weiss, was eine Phrase ist. «Die tägliche Tonleiter», hat sie einmal gesagt, «ist der einzig sichere Aufstieg zur Meisterschaft im Gesang.»
Gut hundertzwanzig Jahre nach den ersten Aufnahmen klingt das wie ein sehr thurgauisches Urteil über den Ruhm.

Von Stephan Lendi
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