von Katrin Zürcher, 11.05.2014
Drehscheibe Pro Manu

Grundlage von jeglichem handwerklichen oder künstlerischen Gestalten ist die manuelle Arbeit. Der Thurgauer Verein Pro Manu setzt sich seit sechs Jahren für den Erhalt der traditionellen Kulturtechniken ein. An der IMTA in Kreuzlingen ist er mit einem Stand präsent.
Katrin Zürcher
„Greifen hat mit Begreifen zu tun“, sagt Yvonne Joos-Halter, Co-Präsidentin des in Amriswil domizilierten Vereins Pro Manu. Er setzt sich ein für Handwerk, Kunsthandwerk, Kunst und Gestaltung. „Das ist heute wichtiger denn je, denn in der Schule nimmt die Bedeutung der Handarbeit seit Jahren ab“, sagt Yvonne Joos. Mit zum Teil fatalen Folgen für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler: „Lehrmeister beklagen sich darüber, dass Lehrlinge nichts mehr in die Hand nehmen können.“ Die Bedeutung der Handarbeit in der Thurgauer Stundentafel müsse unbedingt erhalten bleiben. Sie weist auf ein Buch von Manfred Spitzer, das auf dem Tisch liegt: „Digitale Demenz – wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen“, heisst es. „Eine brisante Lektüre.“
Kopf, Hand und Herz
Dass Kopf, Hand und Herz für die förderliche Entwicklung von Kindern berücksichtigt sein wollen, schrieb vor zweihundert Jahren schon der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Yvonne Joos ist überzeugt, dass sich Kinder, die die Welt zunehmend virtuell erfahren, anders entwickeln als Kinder, die reiche Sinneserfahrungen machen können. Einen sinnlichen Umgang mit Stoffen und Wolle ermöglichen die Riesenwerkzeuge, die Pro Manu besitzt: ein gigantisches Stricktrick zum Beispiel, mit dem aus alten Stoffresten etwa Riesenschlangen gefertigt werden können, oder ein grosser Handwebrahmen. Diese Gigawerkzeuge sind laut Joos sehr erfolgreich. „Sie sind permanent unterwegs.“
Stand an der IMTA
Weil immer mehr Schulen, Private oder Vereine gegen eine kleine Ausleihgebühr bei Pro Manu Material, Werkzeug oder Bücher ausleihen, ist Yvonne Joos daran, ein professionelles Bibliothekssystem zu entwickeln. Dazu richtet sie einen grossen Raum für all die Schätze ein, die sie zurzeit fotografiert und erfasst. Der Raum wird ihr von der PR-Firma Panta Rhei an der Florastrasse 1 in Amriswil zur Verfügung gestellt. Sie zeigt Kisten mit Kugeln, Utensilien für die Rya-Knüpftechnik, erzählt von der Kerzenküche und der Buchzeichenausstellung des Vereins.
Einiges an Material wird sie mitnehmen an die IMTA, die internationale musische Tagung, die am 14. Mai in Kreuzlingen stattfindet. Pro Manu hat dort einen Stand; es werden Workshops zu Körper-, Hand-, Fein- und Grafomotorik angeboten.
Bewegung und Vernetzung
Doch Yvonne Joos denkt schon weiter. Sie will aus dem neuen Raum in Amriswil eine Drehscheibe für alle Belange von Handwerk und Kunsthandwerk machen. Dabei ist ihr die Vernetzung wichtig, etwa mit dem Schulmuseum, wo sie sich ebenfalls engagiert und wo es bereits einen Handwerkskoffer von Pro Manu gibt. Sie möchte einen regelmässigen Bring-und-Nimm-Anlass ins Leben rufen, bei dem Bastelmaterial wie zum Beispiel Eierschachteln den Besitzer wechseln. Doch diese Recycling-Idee ist nur eine von vielen, die ihr im Kopf herumschwirren. Schwindlig wird es ihr trotzdem nicht: „Eine Drehscheibe muss in Bewegung bleiben, muss sich drehen.“
Verein Pro Manu
Der 2008 gegründete Verein Pro Manu (das lateinische „manus“ bedeutet Hand) hat sich zum Ziel gesetzt, das Einmaleins von Handwerk, Kunsthandwerk, Kunst und Gestaltung zu hüten und weiterzuentwickeln. Er zählt aktuell rund 140 Mitglieder. Entstanden ist er unter anderem als Folge der Schliessung des Thurgauer Seminars für Textilarbeit und Werken. Co-Präsidentinnen sind Yvonne Joos-Halter – sie hat Deutsch und Pädagogik studiert – und Elisabeth Volkart-Annen, Fachlehrerin für Textilarbeit und Werken. (kaz.)
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