von Michael Lünstroth, 16.02.2017

Einblicke in ein Handwerk

Einblicke in ein Handwerk
"Schreiben? Ist nur zu fünf Prozent Talent. Der Rest ist harte Arbeit", findet Peter Höner. Jetzt hat er einen neuen Krimi vorgelegt. | © Michael Lünstroth

Michéle Minelli und Peter Höner haben sich als Autoren längst einen Namen gemacht in der Schweiz. Jetzt wollen sie den Prozess ihrer Arbeit verständlicher machen. Und haben 26 Autoren ins Bodmanhaus eingeladen, die zeigen sollen wie Literatur eigentlich entsteht. Wie das gehen soll? Genau das haben wir das Schriftsteller-Paar auch gefragt.

Wie geht das? Wie schreibt man einen guten Text? Und wie kann es einem gelingen, so packend zu formulieren, dass die Leser nicht nach dem dritten Satz aussteigen? Wenn Sie es bis hierher geschafft haben, dann scheint zumindest mal der Einstieg dieses Textes nicht so schlecht gewählt. Aber wie geht es jetzt weiter? Schreiben ist für viele Nicht-Schreibende immer noch ein Mysterium. Setzt man sich einfach hin und schreibt drauf los? Braucht man einen roten Faden, um eine Geschichte schlüssig zu erzählen?

Wer Antworten auf derlei Fragen will, dem sei ein Ausflug auf den Iselisberg bei Uesslingen empfohlen, rund zehn Autominuten von Frauenfeld entfernt. Dort leben Michéle Minelli und Peter Höner in einem sehr heimelig modernisierten Weinbauernhaus. Links und rechts befinden sich landwirtschaftliche Betriebe. Wenn man nicht aufpasst, ist man schneller durch Iselisberg durch als man bis drei zählen kann, aber der Blick über Tal und Berge aus dem wohlig-warmen Wohnzimmer, in der Ecke steht ein alter Kachelofen, soll traumhaft sein. Zumindest an einem schönen Tag. Wir besuchen das Autoren-Paar Michéle Minelli und Peter Höner an einem nebligen Donnerstagmorgen im Februar. Von Bergen keine Spur.

Beide kennen sich aus mit dem Schreiben. Weil sie es selbst regelmässig tun und auch fleissig veröffentlichen. Und weil sie es auch unterrichten. Seit anderthalb Jahren geben sie als Schreibwerk Ost in ihrem Bauernhaus auf dem Dorf Kurse für Menschen, die besser schreiben wollen. Dabei geht es auch ein bisschen um eine Entmystifizierung dieses Dings namens „Schreiben". „Wir wollen zeigen, wie man aufgrund von handwerklichen Möglichkeiten zu Texten kommt, die aufhorchen lassen", erklärt Minelli das Konzept. Die alte Mär vom Talent und der Muse, die es angeblich brauche zum Schreiben, lässt die beiden eher zurückzucken. „Klar kann Talent beim Schreiben helfen. Aber unterm Strich macht es vielleicht fünf Prozent aus. Der Rest ist Durchhaltevermögen, Fleiss und Handwerk", ist Peter Höner (69) überzeugt.

Der Clou - man kann Literatur im Werden beobachten

Nun ist das keine Erkenntnis, die die Schreibwerk Ost exklusiv hätte. Es gibt inzwischen etliche Anbieter von solchen Kursen, auch im Thurgau. Was das Schriftsteller-Paar dann doch etwas aussergewöhnlicher macht, ist ein Projekt, das sie am Sonntag, 19. Februar, im Bodmanhaus in Gottlieben inszenieren. Unter dem Titel „Schreibwerken 2017" haben sie 26 Autorinnen und Autoren eingeladen, um den Prozess der Schriftstellerei mal sichtbar zu machen. „Es geht uns dabei nicht um den fertigen Texte, sondern das Entstehen der Arbeiten. Hier wollen wir den Besuchern einen Einblick geben", erklärt Michéle Minelli. Der Reiz für das Publikum dabei, sie können erleben wie, im besten Fall, Literatur entsteht. Hinterher versteht man dann vielleicht besser, wie Autoren Spannung erzeugen, mit welchen Mitteln sie Figuren charakterisieren und wie viel Handwerk darin steckt, einen Text packend zu formulieren.

Einen halben Tag lang, von 10.15 bis 13.45 Uhr dauert die Veranstaltung, neben der Live-Literatur gibt es auch die Buchpremiere eines Schreiblexikons und die Möglichkeit zum Austausch mit den Autoren. „Wir wollen an diesem Tag ganz verschiedene Dinge und Formate ausprobieren. Das kann alles ganz toll werden oder auch in die Hose gehen, das lässt sich nicht vorhersagen", gibt Peter Höner einen Einblick in ihr Experiment. An Formaten ist unter anderem geplant ein so genannter Text Battle (zwei Autorinnen kämpfen um einen Text), ein Fliegenkanon, „Vom Epos zum Zweizeiler" und andere unerwartete Szenen.

Hier wird geschrieben: Das alte Weinbauernhaus von Michéle Minelli und Peter Höner in Iselisberg. Bild: Schreibwerk Ost

Proben könne man das ohnehin nur bedingt, wenn man wirklich einen authentischen Eindruck zeigen will, ergänzt Michéle Minelli. Die einzelnen Formate sind den Autoren am Sonntag zwar bekannt, die Inhalte zu denen sie schreiben werden, aber nicht. Die Themen werden erst am Veranstaltungstag bekannt gegeben. Daneben gibt es auch noch eine Podiumsdiskussion. Was ist Literatur? Wie wichtig ist das Zusammenspiel und die Vernetzung unter Literaturschaffenden? Wo braucht es Team, wo Abgrenzung? Diese Fragen sollen mit der Winterthurer Lyrikerin Ruth Loosli, Brigitte Guggisberg (ihr Erstlingsroman erscheint im Frühling 2017) und mit Christine Zureich (Kurzgeschichten in Literaturzeitschriften) erörtert werden. Moderator der Runde ist Gallus Frei vom Literaturport Amriswil.

Wenn Michéle Minelli selbst schreibt (sie ist Autorin zahlreicher Sachbücher und Romane), dann ist ihr vor allem eines wichtig: „Das Thema muss mich interessieren und ich muss mehr darüber erfahren wollen. Ich brauche auch so etwas wie einen persönlichen Anknüpfungspunkt, dann kann es losgehen. Das ist die erste Phase. Danach stürze ich mich in die Recherche und sammle ganz viel Material. Dabei entstehen oft schon Ideen, Skizzen und erste Szenen. Ist alles zusammen, fange ich an zu schreiben", sagt die 48-Jährige. Peter Höner sieht das ähnlich. Für ihn ist aber auch der Alltag eine gute Inspirationsquelle. „Wer aufmerksam durchs Leben läuft, dem begegnen Geschichten", meint der Erfinder des Krimi-Ermittlers Jürg Mettler.

Am Ende bleibt noch die eine grosse Frage: Wann ist ein Text ein guter Text? „Mich interessieren gute Geschichten und schlüssige Figuren. Ein guter Text zeigt einem eine Welt, wie sie auch sein könnte. Ich kann daraus lernen für mein Leben und mir überlegen, wie mit dieser oder jener Situation umgegangen wäre. Wenn mich ein Text über die Lektüre begleitet, dann ist er gelungen", findet Peter Höner.

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