von Andrin Uetz, 22.04.2020

Eine Hymne auf die Imagination

Eine Hymne auf die Imagination
Trois Imaginaires mit Samir Böhringer (Schlagzeug), Pino Zortea (Bass) und Anatole Buccella (Gitarre). | © zVg

Im Sportwagen durch die dreissiger Zone: Zum Debut-Album «Fantastiques» der Band Trois Imaginaires um den aus dem Thurgau stammenden Schlagzeuger Samir Böhringer.

Wäre die Musikszene eine Strasse, so wäre Jazz-Rock ein Sportwagen. Elektrisiert von Jimi Hendrix' Zaubermelodien liess einst Miles Davis seinen Cadillac in der kalifornischen Sonne stehen, machte sich von seinen italienischen Massanzügen frei, setzte sich eine überdimensionierte Sonnenbrille auf, stieg in seinen limetten-grünen Lamborghini Minura, auf dessen Nummernschild “Bitches Brew” stand, und raste ans Isle of Wight Festival, um einem weissen Mittelklasse-Publikum die Zukunft um die Ohren zu blasen; der Rest ist Geschichte.

Natürlich ist das nur eine von vielen Jazz-Rock Genealogien, und doch ist sie in ihrer fiktiven Verkürzung bezeichnend für das machoide Stigma, welches am Begriff “Jazz-Rock” haftet. Die heutige Popwelt ist zudem eine dreissiger Zone, und wer über dreissig ist, für den wird es schwierig.

Die jungen Musiker Anatole Buccella (Gitarre), Pino Zortea (Bass) und Samir Böhringer (Schlagzeug) müssen sich zumindest diesbezüglich keine Sorgen machen. Und wider dem Jazz-Rock Stigma kommt ihre Musik frisch, jung und verspielt daher.

Video: Trois Imaginaires live in Biel

Wie ein Maybach im Anime

Yung Kafa & Kücük Efendi machen es in ihrem Video zu “Diamonds” vor; auch bei der Fridays-for-Future-Generation kann man mit dicken Autos noch punkten, solange sie als ironisches Statement im Trickfilm mit anderen Luxusgütern zu einer surrealistischen Collage tanzen. Dazu gäbe es bestimmt tiefenpsychologische Kulturanalysen mit steilen Thesen. OK Boomer.

Jetzt aber endlich zu Trois Imaginaires und ihrem Debut Album “Fantastiques”. Dieses ist, um hier die Kurve noch besser zu kriegen als der zugekokste Miles Davis 1972 mit seinem Lamborghini am West Side High Way in New York, von der Popkultur inspiriert.

Passend dazu das Artwork von Stanis Perrenoud, welches die Köpfe der Musiker als Comic-Helden präsentiert. Diese ganzen Vorurteile einmal bei Seite, überrascht die Musik des Trios, obschon sie auch hält, was sie mit der Bezeichnung Jazz-Rock verspricht.

Video: Trois Imaginaires in Aktion mit dem Stück “Shibo” (komponiert von Yugo Kanno)

Fender Jazzmaster, entspannter Bass, ausufernde Drums

In einer Zeit der unbegrenzten digitalen Möglichkeiten ist es umso angenehmer, wenn sich eine Produktion auf wenige Mittel beschränkt. Mit kleinen Ausnahmen hat der Sound von Fantastiques drei Zutaten: Gitarre, Bass, Schlagzeug.

Das virtuose und feine Spiel auf der Fender Jazzmaster Gitarre, sehr klar und mit dem typischen Surf-Sound der 1960er Jahre, wird ergänzt von ebenso unaufgeregten wie sensiblen Basslinien, welche die ausufernden Kapriolen von Schlagzeug und Gitarre wunderbar zusammenkitten.

Während Gitarre und Schlagzeug teils recht aufs Gaspedal drücken, und manchmal sogar etwas ins Schleudern kommen, bewahrt der Bass stets die nötige Eleganz und Souveränität. Das eröffnende “Je nach Wal” beginnt ruhig und cineastisch, gleich läuft ein Film im Kopf, dann kommt die Fusion-Power und katapultiert einem kurz in die 1990er zu Mike Stern oder Vinnie Colaiuta, also zu den Sportwagen unter den Musikern, den schnellen Gitarrenlinien eines John McLaughlin.

Irgendwie gelingt es dem Trio aber, stets diese Balance zu wahren, immer die Atmosphären in den Vordergrund zu setzen und nicht nur die eigene Virtuosität zur Schau zu stellen.

Mit Vollgas in den Sonnenuntergang

Höhepunkt ist der Track “Spleen Ethylique”, welches den leicht pathetischen Kitsch eines japanischen Animes zelebriert, im Kopf laufen Bilder; der junge Yakuza entführt die Tochter seines Bosses und sie düsen gemeinsam auf dem Motorrad in den Sonnenuntergang. Oder so ähnlich.

“Ohne Tole” hat zudem ein tolles Schlagzeugsolo, und in “Scénarios” klingt Samuel Barber’s berühmtes Adagio an, welches zu einer Art Kino-Überhit avancierte und also gut ins Konzept passt.

Aufgenommen wurde Fantastique im Studio Suze in Biel. Das beim Schweizer Musiklabel Unitrecords veröffentlichte Album findet sich auf den gängigen Streaming Kanälen. Falls Sie die Musiker unterstützen wollen, kaufen Sie es aber besser direkt hier.

Video: Trois Imaginaires live im Kreuzlinger Horstklub

 

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