von Inka Grabowsky, 05.07.2017
Zum Abschluss ein Heimspiel

Über zwei Jahre hat die Iselisberger Autorin Michèle Minelli überall in der Schweiz ihren Roman „Die Verlorene“ vorgestellt. Zum Abschluss gab es eine szenische Lesung vor heimischen Publikum in Oberneunforn.
Von Inka Grabowsky
„Das ist das extremste Buch, das ich bisher geschrieben habe“, meint Michèle Minelli am Abend. „Es hat mich rasend gemacht, dass Frieda Keller nie Hindernisse überwunden hat. Ich musste abends immer velofahren, um mich abzureagieren.“ Als Schriftstellerin hätte sie Frieda gern etwas Widerstandsgeist eingeflösst, aber sie sei eine authentische Figur, den historischen Ereignissen nachgezeichnet. „Ich durfte nichts verändern.“
Frieda Keller (1879-1942) ist „die Verlorene“, die mit 19 von ihrem verheirateten Arbeitgeber vergewaltigt wird. „Im Thurgau waren damals Mann und Frau vor dem Gesetz noch nicht gleich“, erklärt die Autorin. „In solchen Fällen war immer die Frau schuld.“ Im Privatrechtlichen Gesetzbuch für den Kanton hiess es, eine Weibsperson, die sich mit einem Ehemann einlasse, verdiene keine Gunst des Gesetzes, sondern müsse die Folgen ihrer Unsittlichkeit selbst tragen. Frieda musste also ihre Schwangerschaft so weit wie möglich verschweigen, um der Schande zu entgehen. Das Kind brachte sie in einem Heim unter. Doch bald konnte sie das Kostgeld nicht mehr zahlen. Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als den kleinen Jungen zu töten. Sie wird gefasst, vor Gericht gestellt, 1904 wegen Mordes zum Tode verurteilt und erst nach massivem Protest der Bevölkerung zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe begnadigt.
Geschichte zeigt Wirkung
Minelli war zufällig auf das Thema gestossen. „Ein Journalist hat mir den Stoff empfohlen und mir ihren Lebensbericht und das Todesurteil gezeigt. Ich konnte dann in den Staatsarchiven von Thurgau und St. Gallen recherchieren und die Geschichte aus den Akten nacherzählen.“ Die Ungerechtigkeit, mit der die junge Frau vor hundert Jahren konfrontiert war, zog das Publikum auch im vollbesetzten Wöschhüüsli von Oberneunforn in ihren Bann. „Man kann sich für die Männer damals nur schämen“, kommentiert ein Zuhörer. Tröstend erzählt Minelli dann von den Nachwirkungen des Falls. Der schweizweite Aufruhr nach dem Urteil im Fall Keller habe einiges bewegt. Frauen organisierten sich, um für mehr Gleichberechtigung zu kämpfen. Und als 1938 das Gesamtschweizerische Strafgesetzbuch geschaffen wurde, hatten die Verfasser den Justizskandal noch im Hinterkopf. Der Schauspieler und Autor Peter Höner, der für die szenische Lesung Original-Sätze aus den Gerichtsakten herausgepickt und zu einem Mosaik verdichtet hatte, fasst zusammen: „Auch wenn heute nicht alles gut ist, so ist es doch immerhin viel besser.“
Autorin mit Sinn für Tragik
Michèle Minelli hat ein Faible für problembehaftete Inhalte. In ihrer Bibliografie finden sich Flüchtlings-Portraits, ein Roman über Gewalt in der Ehe und Sachbücher über Abtreibung, Schulprobleme und die Jenischen. Derzeit warten zwei Manuskripte auf die Veröffentlichung. Ein Jugendbuch, das sich mit einem klassischen Familiendrama befasst und ein Roman über die Entwicklung einer Paarbeziehung. „Für mich als Autorin sind tragische Geschichten mit ihren Brüchen natürlich spannend“, erklärt sie. Gleichzeitig hat sie auch eine sehr humorvolle Seite. Als Herausgeberin hat sie gerade eine ironische Schilderung des Schriftstellerlebens publiziert: „Schreiblexikon, das. 33 Autorinnen und Autoren sagen, wie es wirklich ist“
Zuhören: Ein kurzes Video zu der Lesung in Oberneunforn.
„Die Verlorene“ ist im Aufbau-Verlag erschienen und kostet 35,90 Franken. ISBN 978-3-351-03595-2
Eine Leseprobe gibt es hier: https://www.book2look.com/embed/9783351035952(www.orellfuessli.ch)&biblettype=html5&shoplinkNumbers=none
Weiterlesen: Mehr über das Schreibwerk Ost von Michèle Minelli und Peter Höner gibt es hier: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3095/

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