von Michael Lünstroth, 10.08.2018

Friedhof der Kuscheltiere

Friedhof der Kuscheltiere
365 malträtierte Stoffhasen und Teddys: Teresa Diehl will mit ihrer Installation «Haram» an die vielen getöteten Kinder im Syrien-Krieg erinnern. | © Luca Rüedi, THE VIEW 2018

Verspielt, brutal, ästhetisch und manchmal ein bisschen zu dick aufgetragen: Die Sommer-Ausstellung bei The View ist nicht durchgängig überzeugend. Ein Erlebnis ist sie aber schon

Was ist real? Was nicht? Wo hört Wahrheit auf? Wo fängt Täuschung an? Wer sich auch immer mal wieder mit derlei Fragen quält, dem bietet sich in diesen Wochen ein neuer Ort, um darüber nachzudenken. Denn: Darum geht es auch in der neuen Sommer-Ausstellung der Galerie The View in Salenstein. Seit fast 10 Jahren kommen hier jeden Sommer aussergewöhnliche Künstlerinnen und Künstler an aussergewöhnlichen Orten zusammen, um mal aktuelle, mal grundsätzliche Themen zu bearbeiten. Sie bespielen dann zum Beispiel einen in den Berg gehauenen militärischen Unterstand, der zum Schutz vor dem Kommunismus gebaut wurde, einen mehr als 100 Jahre alten Wasserspeicher oder einen immer noch aktiven Zivilschutzraum für die Bevölkerung - sollte es doch nochmal zu einem nuklearen Zwischenfall kommen. Das sind mächtige Orte, gegen die man als Künstler auch erstmal bestehen muss.

In diesem Jahr treten mit dieser Mission an: Stefan Bircheneder, Teresa Diehl, Markus Eichenberger, Waltraud Späth und der immer gesetzte Dierk Maass. Der frühere Herzchirug und Besitzer der beiden Privatspitäler «Herz-Neuro-Zentrum Bodensee» in Kreuzlingen und «Herzzentrum Bodensee»  in Konstanz, ist Initiator und Finanzier von The View und reist jetzt als Fotograf um die Welt. Immerhin: Die spektakulären Räume überlasst er stets seinen Gästen. Der aus Regensburg stammende Stefan Bircheneder nimmt sich in diesem Jahr beispielsweise des Zivilschutzraumes in Salenstein an. Ein schmuckloser, technischer Ort mit dem Charme der Zweckmässigkeit. Über ein paar Stufen gelangt man hinab in den Kellerraum, der erste Blick fällt auf eine grosse, ziemlich herunter gekommene Schalterwand, wie man sie sich gut vorstellen könnte an einem solchen Ort: Armaturen, Knöpfe, Anzeigen, abblätternde Farbe, Rostspuren. Und gerade in dem Moment als man sich wegdrehen will, um die grossformatigen Bilder an der gegenüberliegenden Seite zu betrachten, blitzt plötzlich Zweifel auf. Erst klein, dann grösser: Irgendwas stimmt doch da nicht.

Bilderstrecke: Diese Arbeiten sind zu sehen

Das ist alles Fake. Man hört den Künstler einen auslachen

Also nochmal umdrehen, ein, zwei Blicke zurück und man merkt - das ist alles Fake. Nicht echt, sondern nur beeindruckend detailreich und plastisch aufgemalt. Das ist dann auch der Moment, in dem man den Künstler Stefan Bircheneder innerlich laut lachen hört. Weil er wieder jemanden aufs Glatteis geführt hat, weil es ihm wieder gelungen ist, eine Realität vorzutäuschen, die es so gar nicht gibt. Seinen spöttischen Humor beweist der Künstler bei der Betitelung: «Kontrollverlust» nennt er seinen Fake-Apparat herrlich doppeldeutig. Weil es ja sowohl auf den industriellen Kontext verweist, aber eben auch das, was beim Betrachter passiert.

Auch in seinen weiteren ausgestellten Arbeiten zeigt sich der Bayer als Meister der Täuschung. In einem weiteren Raum hat er Spinde installiert. Auch die hielte man an diesem Ort für möglich. Mit persönlichen Erinnerungsgeständen wie Aufklebern, Fotografien und Postkarten wird eine Echtheit behauptet, die erst beim genauen Hinsehen in sich zusammenfällt. Bircheneder hat hier handelsübliche Leinwände auf der Rückseite bemalt und sie mit so grosser Akkuratesse behandelt, dass man sofort am Vorhängeschloss (zumindest das ist echt) rütteln will, um zu sehen, was sich wohl in diesem Spind verbirgt. Eine höchst amüsante Spielerei, die die Grenze zwischen Realität und Täuschung ein ums andere Mal verschiebt.

Teresa Diehl kämpft für Menschenrechte. Mal wieder

Wem das zu verspielt ist: Mitten hinein in die knallharte Realität gerät man am nächsten Ort - dem Berlinger Wasserspeicher aus dem Jahr 1900. Hier kämpft die in den USA lebende, libanesische Künstlerin Teresa Diehl gegen Krieg, Unterdrückung und Ungerechtigkeit. In der Installation «Gloria Al Bravo Pueblo» (so lautet übrigens auch der Titel der venezolanischen Nationalhymne) setzt sie sich mit der Lage in Venezuela auseinander. Einem der ölreichsten Länder der Welt, dass dennoch seit Jahren kurz vor dem Zusammenbruch steht. Über 52 Beamer wirft sie Projektionen von gewalttätigen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahre an Wände sowie auf den Boden des Wasserspeichers und kontrastiert sie mit Filmszenen von spielenden Kindern. Nebelschwaden wabern durch den Raum, sie riechen leicht metallisch, das Licht der Projektoren soll an blendende Lampen während eines Verhörs erinnern. Diehl will den Betrachter immer mit allen Sinnen ansprechen, um ihn möglichst komplett in die dargestellte Situation zu versetzen. Die Aufnahmen von Zusammenstössen zwischen Polizei und Demonstranten hat Teresa Diehl im Internet aus den Sozialen Medien gesammelt, teilweise auch direkt zugespielt bekommen. Die Künstlerin hat selbst lange in Venezuela gelebt und immer noch Freunde und Familien dort. 

In einem zweiten Raum zeigt Diehl die Installation „Haram“. Lange Chiffonvorhänge bilden ein Labyrinth, aus den Lautsprechern tönt ein arabisches Wiegenlied. Je näher man ins Zentrum  des Raums gelangt, umso mehr erkennt man, dass dort Figuren an Schnüren aufgehängt sind. Es sind insgesamt 365 Stoffhasen und Teddys, die da von der Decke hängen. Das ist aber nicht lieblich, sondern eher gruselig. Wie auf einem Friedhof der Kuscheltiere. In der Dunkelheit des Raumes erahnt man es nur, aber die Künstlerin hat die Hasen und Teddys nicht einfach nur aufgehängt, sondern ist ihnen ordentlich zu Leibe gerückt. Sie hat sie gekocht, gefärbt und mit einer Säge behandelt - es soll ein symbolischer Verweis sein auf die vielen getöteten Kinder im Syrien-Konflikt. Dazu passend werden auf die Chiffonvorhänge Drohnenbilder von Bombenexplosionen in Syrien gezeigt. Das ist sehr effektvoll, hat aber auch Schwächen.

Bilderstrecke: Das sind die ausstellenden Künstler

Das alles kann einen überwältigen. Beim ersten Mal.

Denn gerade Teresa Diehls Arbeiten offenbaren das Dilemma des ganzen Konzeptes von The View. Es sind eben nicht einfach nur Ausstellungsräume, sondern Erlebnisräume. Mit allen Vor- und Nachteilen. Das kann einen überwältigen oder auch vor lauter Effekthascherei ermüden. Die Grenzlinie ist da sehr, sehr schmal. Erst recht bei einer Überzeugungstäterin wie Teresa Diehl. Sie agiert hier längst nicht mehr als Künstlerin mit politischem Anspruch, sondern vielmehr als Polit-Aktivistin, die die Kunst als Mittel zum Zweck benutzt. So inhaltlich richtig all ihre Verdammung der furchtbaren Gräueltaten eines Krieges sind, so künstlerisch einfach ist die Wahl ihrer Mittel bisweilen. Das führt zu einem gewissen Grad zu einem Abnutzungseffekt. Wer zum Beispiel Diehls Arbeiten im vergangenen Jahr bei The View gesehen hat, wird nun schon nicht mehr ganz so überwältigt sein von der aktuellen Arbeit. Weil sich Botschaft und Tonalität doch sehr ähneln.

Aber kaum bemerkt man, wie man sich innerlich von Diehls Werk distanziert, fühlt man sich auch gleichzeitig ertappt: Wie abgestumpft muss man sein, wenn einen das Leid dieser Welt nicht mehr berührt, nur weil es eben noch genau so daherkommt wie im vergangenen Jahr? Wenn die Künstlerin diese mögliche Rezeption ihres Werkes so mitgedacht hat, dann ist es auch eine Arbeit über die brutale Gleichgültigkeit der Menschen am Schicksal anderer. Das könnte am Ende die deprimierendste Botschaft ihres Schaffens sein.

Eichenbergers Sternenbilder berühren ganz tief innen

Gut möglich, dass die Kuratorinnen und Kuratoren der Ausstellung ihr Publikum nicht mit so viel Düsternis im Herzen nach Hause schicken wollten. So endet die Reise nicht hier, sondern geht weiter in einen militärischen Unterstand aus der Zeit des Kalten Krieges unterhalb des Berlinger Wasserspeichers. Hier tropft es von der Decke und der vielfach ausgezeichnete Schweizer Fotograf und Filmemacher Markus Eichenberger darf hier seine Nachtaufnahmen des Himmels zeigen. Mit Langzeitbelichtung und Zeitraffer hält er die Wunder der Natur für den Betrachter in unglaublich schönen Bildern fest. In den vergangenen Jahren hat sich Eichenberger vor allem den Schweizer Alpen gewidmet. Hier hat er an verschiedenen Orten Sterne fotografiert und gefilmt. 

Video: Einblicke in die Arbeit von Markus Eichenberger

Auch wenn das in manchen Momenten wie ein Werbefilm für den Schweizer Tourismusverband wirkt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass diese ästhetischen Bilder einen berühren und demütig werden lassen. Nicht nur wegen der ausserordentlichen Sternenpracht, sondern wegen der unendlichen Weite da draussen und unserer unglaublichen Winzigkeit demgegenüber. Der Ort für die Filme ist zudem perfekt gewählt. Schöne Bilder von Bergen auf die innere Wand eines Bergmassivs zu projizieren, das hat was. Die Maserungen und Strukturen der Höhlenwand tun den Filmen gut, sie nimmt ihnen ihren perfekten Hochglanz und verleiht ihnen etwas fast schon sympathisch Grobkörniges. 

Ein Tor in eine andere Welt

Am Ende der Reise gelangt man zurück zum eigentlichen Sitz von The View, einer ehemaligen Schreinerei in Salenstein. Die hier ausgestellten Arbeiten von Waltraud Späth und Dierk Maass haben es schwer gegen all die vorher gesammelten Eindrücke. Dabei sind vor allem die Skulpturen der Friedrichshafener Künstlerin Waltraud Späth bemerkenswert. Bei ihr trifft organisch gewachsenes Holz „auf die Kühle des Stahls und die Härte des Betons“, wie es Mit-Kuratorin Anabel Roque-Rodriguez in der Broschüre zur Ausstellung beschreibt. Ihre vor der Galerie aufgestellte, mehr als zwei Meter grosse Skulptur „Hoffnung“ hat etwas von einem Tor in eine andere Welt durch das man nur schlüpfen muss, um neue Perspektiven zu erhalten . Und das passt ja dann doch wieder ganz gut zum Rest dieser Sommerausstellung. Es ist eine Welt, in der einem nicht alles gefallen muss. Ein Erlebnis ist sie aber schon, diese Welt.

Video: Anabel Roque Rodriguez im Gespräch mit Stefan Bircheneder

Termine: Die Sommerausstellung bei The View ist bis zum 29. September 2018 zu sehen. Es gibt so genannte „Kunstoffene Sonntage“, an denen die Galerie von 13 bis 18 Uhr geöffnet ist. Sie finden statt am 12. und 26. August sowie am 9.September. Um Anmeldung wird per E-Mail gebeten: info@the-art-view-ch.com  Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung sind hier gelistet. Zu anderen Terminen sind Voranmeldungen bei Gruppen ab fünf Personen telefonisch möglich 071 669 19 93 oder per E-Mail info@the-view-ch.com  Eintritt inklusive Führung kostet 18 Franken. Da die Orte des Ausstellungshauses etwas weiter auseinander gelegen sind, bittet die Galerie ihre Besucher für eine vollständige Besichtigung mindestens eine Stunde einzuplanen. Die Räumlichkeiten sind nicht rollstuhlgängig.  

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