von Jeremias Heppeler, 18.06.2021

Früher war nichts besser

Früher war nichts besser
Nicht nur modisch waren die 1990er Jahre, nun ja, schwierig. Das gesellschaftliche Klima war toxisch. Und kaum einer hat darüber gesprochen. | © Canva

Im Angesicht heutiger Krisen wirken die 1990er und 2000er Jahre fast wie paradieshafte Sehnsuchtsorte. Dabei bestimmten Gier, Rassismus und Sexismus die Gesellschaft damals. Was wir heute daraus lernen müssen. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Zugegeben: Die letzten Jahre hatten es in sich. Unablässige Diskussionen rund um Flüchtlingsströme und den Klimawandel, wissenschaftsfeindliche, rückwärtsgewandte Politik, aufkeimender bis blütenschlagender Rechtsdruck, daraus resultierend: Gespaltene Gesellschaften, wohin das Auge reicht.

Als Kirsche auf die Torte legte sich eine globale Pandemie über unseren Planeten, die all diese Punkte nur noch weiter befeuerte wie Brennspiritus. Szenarien wie apokalyptische Visionen, Spiralen aus Angst, Gewalt und Verschwörung. Fuck, wie sind wir nur hier gelandet?

Hach, die 90er...Ja, das waren noch Zeiten. Wirklich?

Friede, Freude, Eierkuchen? Ach je...

Vor ein paar Jahren war doch alles noch Friede, Freude, Eierkuchen? Die 90er und 00er Jahre wirken aus heutiger Sicht wie kunterbunte Oasen der Ruhe. Take That, Backstreet Boys und Nintendo. Big Brother und Pokémon. Kabelfernsehen und Internet, aber nicht das echte Internet, sondern so eine spassige Ursuppen-Utopie-Vorab-Version. Und die Musik…, herrje, früher war alles besser. Echtes, sorgenfreies Leben.

Speziell die Generationen der Millennials (all jene also, die in diesen Jahrzehnten ihre Kinder- und Jugendzeit erlebten) neigen dazu und 90er und 00er Jahre massiv zu verklären. Damals, so das hartnäckige Narrativ, war die Welt noch in Ordnung! Achtung Spoiler: Nein, war sie nicht! Besagter Eierkuchen war längst abgelaufen, ranzig.

Video: Die Verklärung eines Jahrzehnts

Viele Krisenherden entflammten weit von uns entfernt

Doch klar, zumindest oberflächlich stellten sich nach Ende des Kalten Krieges ungewöhnlich harmonische Jahrzehnte ein. Alle Krisen- und Brandherde entflammten lokal, sodass sie uns, tief drin in der Festung Europa, kaum etwas anhaben konnten.

Einzig der Anschlag vom 11. September durchstiess die Luftschlösser mit markanten Stichen und wurde zum Fixpunkt zahlreicher politischer und theoretischer Verschiebungen (Nahostkonflikte, Kriege und Verschwörungstheorien), deren Auswirkungen wir bis heute spüren. Doch bringen wir das Textschiff jetzt ein wenig konkreter auf Kurs und stellen es steil in die Strömung.

Was das alles mit Oscar Wildes „Dorian Gray“ zu tun hat

Vorsicht festhalten, es folgt ein ziemlicher Bruch:

Als ich vor wenigen Wochen erstmals Oscar Wildes “Das Bildnis des Dorian Gray” zu lesen begann, hätte ich das Buch am liebsten nach wenigen Stunden ins Eck gepfeffert. Alle, also ausnahmslos alle Figuren des Romans, offenbaren sich ruckzuck als arrogant und snobistisch, egozentrisch und narzisstisch. Kurzum: Kaum zu ertragen.

Doch spätestens, als sich das titelgebende Motiv aus der Erzählung schälte, war ich verkauft. Was für ein Text! Was für ein Bild! Und deshalb machen wir jetzt etwas, was Oscar Wilde wohl nie erwartet hätte (und was ihn vermutlich just in dieser Sekunde im Grab rotieren lässt):

Wir nehmen seine Geschichte, sein Metaphernkomplex und lösen ihn konzentriert aus dem Text heraus und stülpen ihn wie einen dickflüssigen Filter über unsere eigenen Gegenwart.

Video: Wie war das noch mal bei Oscar Wilde?

Die Spaltung des Ich

Bevor das aber klappen kann, müssen wir aber zunächst allesamt auf denselben Nenner springen. Es geht um Folgendes: Dorian Gray ist ein Jüngling von fast bedrückender Schönheit und Muse des Malers Basil Hallward. Letzterer stellt ihm den Dandy Lord Henry vor, der Dorian in ausufernden Gesprächen mit gespaltener Zunge dessen Vergänglichkeit vor Augen führt. Dorian wird von einer durchdringenden Angst vor dem eigenen Zerfall ergriffen.

Durch einen nicht näher beschriebenen Zauber gelingt es ihm allerdings, nicht mehr zu altern, sondern allen Zerfall und alle Sünden auf ein von Hallward gemaltes Porträt seiner selbst zu spiegeln. Während Dorian, der nun immer unmenschlicher und amoralischer agiert, jung und schön bleibt, trägt sein verborgenes Porträt allen moralischen und körperlichen Zerfall zur Schau. So weit so gut!

Junge, digitale Bewegungen verschaffen sich Gehör

Wir aber drehen die Segel ein weiteres Mal:

Um Wahrheiten zu erkennen, müssen diese ausgesprochen werden. Ausgesprochen werden können. Ausgesprochen werden dürfen. Und zwar lautstark. Es hilft kein vorsichtiges Mahnen. Warnen. Schon gar kein erhobener Zeigefinger. Das haben die vergangenen Wochen und Monate eindrucksvoll zur Schau gestellt. Es muss scheppern im Gebälk. Und zwar so richtig. Und genau das ist in den vergangenen Jahren passiert.

Junge, vitale, digitale Bewegungen, verschafften sich Stimmen und lichteten den fauligen Nebel, der sich teils seit Jahrhunderten festgesetzt hatte. #metoo, Black Lives Matter, Fridays For Future hörten auf zu reden und begannen zu schreien. Mit allem Nachdruck. Durch Mark und durch Bein. Aus dem Internet in die echte Welt. Und uns wird an dieser Stelle klar: Das Internet ist nicht nur Nährboden für Verschwörung und Selbstinszenierung, sondern in konkreten Spiegelung auch entscheidendes Mittel der Aufklärung.

Video: Doku über die jugendliche Klimabewegung

Das Internet als Mittel der Aufklärung

Was diese Bewegungen eint? Sie alle arbeiten sich an komplexen Problemstrukturen ab, die über Jahrhunderte vor sich hin schwelten. Sexismus und Rassismus sind giftige, ja tödliche Symptome einer patriarchalischen, weissen Mehrheitsgesellschaft. Klimawandel und Umweltverschmutzung eines unerbittlichen Kapitalismus.

Diese Probleme bestehen teils seit Jahrhunderten, aber alle Mahnungen, alle Verkündungen, alle Opfer und all der Schmerz wurden nie Ernst genommen. Weggelacht. Unter den Tisch gekehrt.

In der ersten Ausgabe der YouTube-Talkshow “Die Beste Instanz” sprach der Autor Max Czollek von einer weissen und auch christlichen Dominanzkultur und deren Arroganz mit Blick auf die Ausblendung diskriminierender Umstände: “Das was ich sehe, ist das was wahr ist. Und das was ich nicht sehe, gibt es nicht.”

Und unter diesen Gesichtspunkten relativiert sich unsere Sicht auf die 90er und 00er Jahre im Rekordtempo.

Viel zu lange wurden offensichtliche Probleme nicht offen thematisiert

Denn diese Zeiten waren nicht besser oder friedlicher. Ganz im Gegenteil. Sie waren geprägt von offen gelebten Sexismus und Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, von Kriegen und rücksichtsloser Ausbeutung der Natur - es wurde nur öffentlich kaum thematisiert. Es wurde eben hingenommen.

Im Klartext: Nur weil in den 60er Jahren auch in Arztpraxen und Flugzeugen geraucht wurde, waren Zigaretten damals nicht weniger tödlich. Die Menschheit aber, das zeigt die Geschichte wieder und wieder, will solche ungemütlichen, aber unsichtbaren Wahrheiten nicht akzeptieren. Zumindest, solange sie uns nicht direkt betreffen.

Deshalb schlägt in der gegenwärtigen Coronakrise vor allem warnenden Wissenschaftlern so ein unbändiger Hass entgegen. Der Überbringer der schlechten Nachrichten wird für diese verantwortlich gemacht -  eine gefährliche - und seien wir ehrlich - dämliche Verschiebung.

Was wir den nachkommenden Generationen alles aufbürden!

Parallel dazu agieren wir (und leider auch viele unserer Politiker) wie Kinder, die keine Lust haben, ihr Zimmer aufzuräumen. Wir schieben die Sauerei einfach unter das Bett oder werfen einen Teppich drüber. Aus den Augen, aus dem Sinn. Soll sich doch mein Zukunfts-Ich darum kümmern. Oder im Realen: Die kommenden Generationen.

Was hat das jetzt alles mit Oscar Wildes „Dorian Gray“ zu tun? Es wird Zeit die offenstehenden Textstellen zu verbinden.

Das ist der Punkt: Wir waren alle wie Dorian Gray. Zeichnung: Jeremias Heppeler

Wir waren die rücksichtslosen Ausbeuter

Während wir, die Menschheit, dandyhaft und rücksichtslos wie Dorian Grey durch die Jahrzehnte tänzelten und immer weiter tanzen, die Regenwälder abbrannten, die Luft und Grundwässer verschmutzten, die Ozeane mit Plastikmüll überhäuften, und alle Warnungen geflissentlich ignorierten (etwa auch mit Blick auf globale Pandemien), begann es unter der Oberfläche zu brodeln.

Das versteckte Porträt der Menschheit und der Erde begann zu bröckeln und zu faulen. Zu schimmeln und zu stinken. Und jetzt, in den letzten Jahren, sprudelte die Fäulnis endgültig an die Oberfläche.

Und noch immer rennt die Wissenschaft gegen Windmühlen. Es ist kaum zu fassen.

Was aber können wir tun?

Mit der Haltung werden die Klimakrise nicht überleben

Solange selbst offensichtliche Katastrophen wie die Corona-Pandemie verkannt und legitimiert werden, erscheint es beinahe unmöglich, langfristige Probleme wie den Klimawandel, der potentiell das Ende der Menschheit bedeuten könnte (halt, nein, warum die Relativierung: Der mittelfristig das Ende der Menschheit bedeuten wird!), mit der Konsequenz zu bekämpfen, die ihnen gebührt. Das ist ein bitterböses und deprimierendes Paradox.

Solange wir das Kapital, das Geld, und die Macht über das Leben und Überleben und die Gleichheit stellen, solange wir die Gegenwart ohne Blick auf die Zukunft leben, solange die Wirtschaft die Politik konsequent unterwandert, solange wie über Minderheiten sprechen und sie nicht auf Augenhöhe zu Wort kommen lassen, in Problemfeldern, die vor allem sie betreffen, sieht es düster aus.

Die gute Nachricht: Es gibt auch Hoffnungszeichen

Ein wenig Mut machen aktuelle Umfragezahlen: Denn die heranwachsenden Generationen, die vor allem durch das Internet global verwachsen sind, haben einen anderen, einen losgelösten Blick entwickelt, sie sind sensibilisiert für die aufgezeigten Problemkomplexe, sie gieren nach einer zukunftsorientierten Politik und die Hoffnung ist gross, dass wir gegenwärtig das letzte Hurra der Ära der alten weissen Männer ertragen müssen.

Männer, die ihre Machtpositionen oftmals nicht durch Können erreicht haben, sondern konsequent vom System bevorzugt wurden. Wie brandgefährlich diese Blase vor dem Platzen aber sein kann, führt uns unter anderem die aberwitzige Politik Donald Trumps vor Augen. Ein Spiel mit dem Feuer!

Wir können nicht länger die Augen verschliessen

Ganz wichtig: Den Umstand, dass wir heute offen über Missstände diskutieren, dass diese Debatten, so toxisch sie oftmals auch geführt sein mögen, geführt werden, müssen wir ebenfalls als positiven Schritt in die richtige Richtung empfinden. Alles ist besser als das ewige Augen verschliessen und Fresse halten.

Wir müssen offen bleiben. Mahnend. Moralisch. Wissenschaftlich. Probleme ansprechen.  Uns nicht einschüchtern lassen. Information ist keine Panikmache. Das wahrhaftige Bild, so unangenehm es auch sein mag, muss immer an die Öffentlichkeit, muss ins kollektive Gewissen. Und später ins kollektive Gedächtnis. Ohne Alternative.

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