von Michael Lünstroth, 04.10.2019

Gipfelstürmerinnen

Gipfelstürmerinnen
Auf dem Gipfel: Die Bergführerin Käthi Flühmann (ganz links im Bild) bringt ihre Seilschaft ganz nach oben. Das Foto stammt aus dem Porträtbuch «Himmelwärts» von Daniela Schwegler | © Christian Jaeggi

Frauen als Bergführerinnen? Das galt in der Bergwelt lange als Unding. Zu Unrecht wie der schön gestaltete und lesenswerte Porträtband „Himmelwärts“ von Daniela Schwegler zeigt. Darin porträtiert die aus dem Thurgau stammende Autorin zwölf aussergewöhnliche Frauen aus der ganzen Schweiz, die heute als Bergführerinnen unterwegs sind. Und schildert auch, mit welchen Vorbehalten Frauen in den Bergen noch heute zu kämpfen haben.

Frau Schwegler, 1986 ist Nicole Niquille erste Bergführerin der Schweiz geworden. Das ist gerade mal 33 Jahre her. Warum hat sich die Bergwelt den Frauen so lange verschlossen?

Frauen waren ja 1907 explizit aus dem Schweizerischen Alpenclub ausgeschlossen worden, deshalb gründeten sie 1918 kurzerhand ihren eigenen, den Schweizerischen Frauen-Alpenclub (SFAC). Auch das Bergführerwesen war lange eine männerdominierte Welt, denn Frauen gehörten an den Herd und zu den Kindern, so die gesellschaftliche Vorstellung. Vor allem dieses gesellschaftliche Korsett von Vorstellungen und Rollenzuschreibungen versperrte den Frauen den Weg zum Berg.

Ist diese Skepsis gegenüber weiblichen Ambitionen symptomatisch für die Schweizer Gesellschaft?

Das war nicht nur ein schweizerisches Phänomen, sondern weltweit zu beobachten. Erschwerend kam in der Schweiz eine rein juristische Hürde hinzu. Um Bergführer zu werden, musste man militärdiensttauglich sein. Damit waren Frauen von vorne herein ausgeschlossen. Heidi Schelbert (1934–2019), die erste Ökonomieprofessorin der Universität Zürich, zum Beispiel, wollte schon in den 1950er Jahren Bergführerin werden. 1958 biss sie jedoch beim SAC noch auf Granit mit ihrem Antrag, zur Bergführerausbildung zugelassen zu werden, sie sei nicht militärdiensttauglich, so die lapidare Begründung. Woraufhin sie sich kurz entschlossen zum militärischen Frauendienst anmeldete. Das reiche jedoch nicht für die Bergführerausbildung, wies man sie erneut ab, da dies nur ein Hilfsdienst sei.

Wann kippte der Militärdienst als Zugangsberechtigung zur Bergführerausbildung?

In den 1970er Jahren wollte ein Militärdienstverweigerer ebenfalls Bergführer werden. Auch er wurde zunächst nicht zugelassen zur Ausbildung. Davon liess er sich aber nicht beeindrucken und ging bis vors Bundesgericht – mit Erfolg. 1977 stiess das oberste Schweizer Gericht das Erfordernis der Mitlitärdiensttauglichkeit um und ebnete damit auch den Frauen den Weg zur Bergführerausbildung.

„Die Bergführerinnen wollen auf Augenhöhe agieren mit ihren männlichen Kollegen und nicht als exotisches Wesen herausgestellt werden.“

Daniela Schwegler, Autorin (Foto: Katharina Lütscher)

In Ihrem Buch „Himmelwärts“ porträtieren Sie zwölf sehr unterschiedliche Frauen, die diesen Weg gegangen sind. Was trieb diese zwölf Frauen an?

Sie alle sind Bewegungsmenschen und viele von ihnen schon von Kindesbeinen an in den Bergen unterwegs gewesen, sei es mit den Eltern, Kollegen oder der Jugendgruppe des SAC. Sie alle hatten das Bergvirus schon von Kindesbeinen an.

Ging es den Frauen auch darum, so etwas wie eine Vorbildfunktion zu übernehmen? In dem Sinn, dass man zeigt - Frauen können alles, was Männer können?

Nicole Niquille, die erste Bergführerin, die es als Vorkämpferin wohl am schwierigsten hatte, sagt im Buch: „Immer wieder höre ich, dass ich das Vorbild für andere Frauen gewesen sei, obwohl ich nie für die Sache der Frau gekämpft habe. Ich habe einfach aufgezeigt, dass Frauen auch in den Bergen ihren Platz haben.“ Keine meiner zwölf porträtierten Bergführerinnen versteht sich als Feministin im engeren Sinn, sondern sie wollen einfach die gleichen Rechte haben wie Männer, sich ebenso frei am Berg bewegen können wie Männer. Sie nahmen sich diese Freiheit heraus und leben diese ganz selbstverständlich.

Wie haben Sie die Protagonistinnen für Ihr Buch ausgewählt?

Eine Liste des Schweizer Bergführerverbandes mit allen 38 Bergführerinnen diente mir als Ausgang. Ich wollte aus jeder Ecke der Schweiz Frauen im Buch haben, deshalb habe ich sie unter anderem nach geographischen Gesichtspunkten ausgewählt. Klar war auch, dass ich Nicole Niquille als allererste Bergführerin mit drin haben wollte, ebenso wollte ich über Käthi Flühmann schreiben, die erste Deutschschweizerin. Evelyne Binsack, die Extremalpinistin und Abenteurerin, war auch gesetzt, weil sie sehr bekannt ist. Sie war 2001 die erste Schweizerin auf dem Mount Everest. Ausserdem wollte ich auch ganz junge Frauen drin haben, die noch in der Ausbildung stecken, dann gab es noch eine Höhlenforscherin, es sollten auch unterschiedlichen Disziplinen berücksichtigt sein. Und so hat sich das Buch schliesslich wie ein Puzzle zusammengesetzt.

Auch ihre Geschichten erzählt Daniela Schwegler in «Himmelwärts»: Die Bergführerinnen Ariane Stäubli (links) und Barbara Leuthold. Bilder: Christian Jaeggi/Ephraim Bieri

 

„Es ist in den Augen vieler Leute noch immer nicht normal, dass Frauen Bergführerinnen sind.“

Daniela Schwegler, Autorin

Wie waren die Reaktionen bei den Frauen, als sie angefragt haben. Hatten alle sofort Lust mit dabei zu sein, oder spürten Sie auch Zurückhaltung?

Es gab in Zermatt eine Bergführerin der ersten Stunde, die lieber nicht mehr in die Öffentlichkeit will. Das ist nachvollziehbar. Zermatt ist wie Grindelwald oder St. Moritz einer der Hotspots des Bergführerwesens, hier gingen die ersten Engländer mit einheimischen Führern z’Berg. Als sie dann als erste Frau in diese Männerdomäne in Zermatt einbrach, war sie sozusagen ein Wesen von einem anderen Stern und stand unter verschärfter Beobachtung durch ihre Kollegen und durch die Öffentlichkeit. Sie wurde lange durch die Presse geschleppt und hatte dann irgendwann eine Überdosis an Öffentlichkeit, weil sie durch die Sonderstellung, welche die Medien ihr einräumten, exponiert dastand und angreifbar wurde.

Inwiefern angreifbar?

Wer Privilegien hat, gibt sie nicht gerne ab. Das gilt auch für das traditionell männlich geprägte Bergführerwesen. Viele Bergsteigerinnen haben das am eigenen Leib erfahren. Frauen entwickelten deshalb Strategien, um nicht als etwas Besonderes hervorzustechen und sich anzupassen. Sie wollen auf Augenhöhe agieren mit ihren männlichen Kollegen und nicht als exotisches Wesen herausgestellt werden, weil sie zum Teil Repressionen befürchten.

Ist das tatsächlich auch heute noch so? Gibt es nach wie vor Vorbehalte gegenüber Frauen als Bergführerinnnen?

Jedenfalls ist es noch nicht selbstverständlich, dass eine Frau führt. Bergführerinnen lösen noch immer Erstaunen aus. Käthi Flühmann zum Beispiel, die zweite Bergführerin der Schweiz, hat das sehr schön beschrieben. Kürzlich war sie mit Gästen am Grossglockner, dem höchsten Berg Österreichs, unterwegs. Der Hüttenwart war ganz erstaunt, dass eine weibliche Bergführerin bei zu Gast war. So etwas habe er noch nie erlebt! Was zeigt: Es ist in den Augen vieler Leute noch immer nicht normal, dass Frauen Bergführerinnen sind.

„Keine meiner zwölf porträtierten Bergführerinnen versteht sich als Feministin im engeren Sinn.“

Daniela Schwegler, Autorin (Foto: Vanessa Püntener)

Sie haben in ihrem Buch zwölf aussergewöhnliche Frauen porträtiert. Welche Geschichte hat Sie am meisten beeindruckt?

Sehr eindrücklich ist die Geschichte von Nicole Niquille. Sie war in den Achtziger Jahren eine der stärksten Bergführerinnen der Schweiz und erklomm die höchsten Gipfel der Welt. Dann änderte sich ihr Leben von einem Tag auf den anderen: Beim Pilzesammeln fällt ihr ein nussgrosser Stein auf den Kopf, durchbohrt ihre Schädeldecke und zertrümmert ihr motorisches Zentrum. Seitdem ist querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Aufgegeben hat sie trotzdem nie. Sie hat sich hochgerappelt, komplett neu erfunden und in Nepal ein Spital aufgebaut. Auch heute noch lässt sie sich trotz Rollstuhl durch nichts ausbremsen und sagt von sich: „Mein Leben ist schön jetzt, ja! Ich bin glücklich!“ Das bewundere ich sehr.

Blättert man durch ihr Buch, fällt auf, dass Sie Ihre Porträts aus der Ich-Perspetive erzählen, Sie lassen die Frauen quasi selbst sprechen. Weshalb haben Sie sich für diese Form der Erzählung entschieden?

Mir war klar von Anfang an, dass ich nicht meine Wertung reinbringen wollte in die Porträts. Ich wollte die Frauen nicht von aussen beschreiben, meine Wahrnehmung über sie wiedergeben und ihnen irgendwelche Adjektive aufdrücken, sondern ich wollte die Frauen selbst zu Wort kommen lassen.

Sie war die erste Bergführerin der Schweiz: Nicole Niquille. Nach einem Schicksalsschlag führt sie heute ein ganz anderes Leben. Bild: Ephraim Bieri

 

Das Buch, die Autorin und eine Lesung

Die Autorin: Daniela Schwegler, geboren 1970 im Thurgau, aufgewachsen in Moos (Istighofen) ist Juristin, Autorin und Journalistin. Als Redaktorin arbeitete sie bei der Schweizerischen Depeschenagentur (sda), beim juristischen Fachmagazin plädoyer und bei der Kirchenzeitung reformiert. Seit 2010 freischaffend, schrieb sie als freie Journalistin unter anderem für die NZZ, Die Alpen oder das Migros-Magazin. In ihrer Freizeit ist sie, wann immer möglich, in den Bergen unterwegs: zu Fuss, auf dem Pferderücken oder mit den Langlauf- und Tourenski, vom Alpenkamm übers Tian-Shan-Gebirge bis in den Himalaja.

 

Das Buch: Daniela Schwegler: Himmelwärts. Bergführerinnen im Porträt. Erschienen im Rotpunktverlag Zürich. Mit Fotos von Christian Jaeggi, Ephraim Beiri und Riccardo Götz. 256 Seiten. 39 Franken.

 

Die Lesung: Am Mittwoch, 13. November, 19.30 Uhr, stellt Daniela Schwegler ihr Buch in der Kantonsbibliothek Frauenfeld vor. Weitere Lesetermine gibt es auf der Internetseite von Daniela Schwegler: http://danielaschwegler.ch/lesungen/ 

 

 

 
 

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