von Samantha Zaugg, 08.06.2017

"Der Thurgau ist eine Schatzkammer"

Früher hinkte der Thurgau in Sachen Kunst hinterher. Trotzdem, alle kunsthistorischen Epochen haben auch in der Ostschweiz stattgefunden. Zu manchen Zeiten verzögert, zu manchen der Zeit voraus. Eine Reise vom Rokoko bis zur Videoinstallation mit Stefanie Hoch, Kuratorin des Kunstmuseums Thurgau.

Samantha Zaugg

Stefanie Hoch, wer Thurgau hört, denkt wohl nicht an eine Hochburg der bildenden Künste. Kann man den Kanton kunsthistorisch vernachlässigen?

Nein, natürlich nicht. Auf gar keinen Fall! Er ist ja eine Schatzkammer voller Burgen, Schlösser und Klöster – und im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen ist auch die zeitgenössische Kunst dokumentiert. Was die moderne und zeitgenössische Kunst angeht, sollte der Thurgau ruhig mit etwas weniger Selbstzweifeln und mehr Selbstbewusstsein auftreten. Wir haben viele spannende Künstlerinnen und Künstler im Kanton. Und auch die grossen Strömungen der Kunstgeschichte sind hier alle nachvollziehbar. Früher vielleicht mit ein wenig Verzögerung, aber auch im Thurgau hat alles stattgefunden.

Wieso verspätet?

Die künstlerische Avantgarde hat sich oft in den Grossstädten gefunden. Das hat auch mit der Ausbildung zu tun: Die Akademien und Kunstschulen sind in den Zentren. Deshalb muss die junge Generation erst mal raus aus dem Dorf um sich auszubilden und den Horizont zu erweitern.

Aber die Kunst hat es dann immer zurückgeschafft in die Region?

Ja, viele Künstler sind wieder zurückgekehrt. Die Kunst ist aber auch durch den Austausch mit Kunstschaffenden aus anderen Regionen in den Thurgau gekommen. Die Region hat eine hohe Lebensqualität. Deshalb haben sich früh schon Künstler hier niedergelassen.

Sie sagen, alle Strömungen der Kunstgeschichte haben auch im Thurgau stattgefunden. Gibt es eine Epoche, in der die Region sehr stark war?

Das ist lokal sehr unterschiedlich und hat jeweils auch stark mit den zeitlichen Kontexten zu tun. Nehmen wir das Beispiel der Kartause Ittingen: Mitte des 17. Jahrhunderts hatten die Mönche viel Geld. Durch Weinbau und Kreditgeschäfte sind sie zu Wohlstand gekommen. Sie nutzten die finanziellen Mittel um die Kirche umzubauen. Für die Ausgestaltung beauftragten sie renommierte Künstler. Zum Beispiel den Maler des Fürstbischofs von Konstanz, Franz Ludwig Hermann und den Holzschnitzer Chrisostomos Fröhli aus Bichelsee – alles rennomierte zu jener Zeit. So ist dieses Gesamtkunstwerk, dieses Rokokojuwel entstanden.

Wie ging es danach weiter mit der Kunst in der Region?

1848 wurde das Kloster aufgelöst. Da ging viel verloren, gerade Kirchenschätze wurden teilweise auch veräussert. Glücklicherweise hat die Gutsherrenfamilie Fehr aus St.Gallen das Kloster gekauft. Die Familie Fehr ist mit der gesamten Anlage behutsam und respektvoll umgegangen ist. So ist Vieles erhalten geblieben.

Der wohl bekannteste Künstler aus dem Thurgau ist der Maler Adolf Dietrich. Er wird der neuen Sachlichkeit zugeordnet. Wie stark hat er die Kunstgeschichte im Kanton Geprägt?

Durch Dietrich spielt die Neue Sachlichkeit und auch die so genannte „Aussenseiterkunst" oder „Naive Kunst" im Thurgau eine grosse Rolle. Dietrich hat sein ganzes Leben in Berlingen am Untersee verbracht und nie eine künstlerische Ausbildung absolviert. Trotzdem atmen seine Werke den Geist der Zeit: den der Neuen Sachlichkeit. Zwischen den Weltkriegen wurde er als Künstler entdeckt und international bekannt. Das hat auch einen Einfluss auf die Sammlung des Kunstmuseums Thurgau: Angelehnt an Dietrichs Schaffen wurde in den 1970er Jahren beschlossen, vermehrt „Aussenseiterkunst" zu sammeln.

"Balbo": Dietrich; Adolf «Balbo auf der Wiese liegend» 1955, Öl auf Pavatex


"Berlingen": Dietrich; Adolf «Vorfrühling bei Berlingen» 1922, Öl auf Karton)

 

Ab dem zweiten Weltkrieg ist die Kunstgeschichte im Thurgau sehr gut dokumentiert. Zu dieser Zeit sprach die Regierung erstmals finanzielle Mittel um Kunstwerke zu kaufen. Die Kunstsammlung war geboren. Welches sind die Schwerpunkte in dieser Sammlung?

Wie gesagt gibt es den Fokus auf die Aussenseiterkunst, Naive Kunst und Art Brut. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der regionalen Kunstszene und der Kunst, die mit Bezug zum Thurgau entsteht. Das dritte grosse Thema der Sammlung ist die Gegenwartskunst die im Bezug zum Ort entstanden ist. Zum Beispiel der „Ittinger Walk", ein Hörkunstwerk der Kanadischen Künstlerin Janet Cardiff.

Über alle Epochen gesehen: Welches ist die Zeit, die im Thurgau aus ihrer Sicht am spannendsten ist?

Das ist schwierig zu sagen. Tief beeindruckend sind in der Kartause Ittingen die mit der Klosterarchitektur verbundenen Kunstwerke. Gleichzeitig stellt man als Beobachter und Förderer der zeitgenössischen Kunst immer die Frage, was vom Jetzt und dem aktuellen Kunstschaffen überdauern wird. Neben den Grössen der Thurgauer Kunst wie Adolf Dietrich finde ich persönlich die sechziger bis achtziger Jahre sehr interessant: In dieser Zeit wurde die Fotografie als Kunstform anerkannt und neue Medien und Kunstformen haben sich entwickelt. Da gibt es im Thurgau viele Künstlerinnen und Künstler, die am Puls der Zeit gearbeitet haben.

 

Kappeler; Simone «Karin mit Froschlaich» 1992, Schwarz-Weiss-Vergrösserung auf Barytpapier, seleniumgetont

 


Mathis; Muda «The Golden Landscape Of Feminism», 2012 Digitalprint

 


Bissegger; Fredi, Ohne Titel, 2006, Mischtechnik auf Leinwand)

 

Früher waren wir international gesehen eher hintendrein. Wo steht der Thurgau heute?

Der Thurgau ist auf der Höhe der Zeit, nicht mehr abgeschieden und ländlich. Heute funktioniert vieles übers Internet. So besteht der Kontakt mit den internationalen Strömungen. Die Kunst entwickelt sich heute weltweit simultan und ist überall erlebbar. Der Thurgau steht dem in nichts nach, der Kanton ist untrennbar verwoben mit der internationalen Kunstszene.

 

Stefanie Hoch ist Ausstellungskuratorin am Kunstmuseum Thurgau. Die gebürtige Ravensburgerin hat das Studium der Kulturwissenschaften abgeschlossen. Ihr Schwerpunkt ist die bildende Kunst. Sie arbeitete unter anderen am Folkwang Museum Essen, am Kupferstich-Kabinett Dresden und als Kuratorin in Linz. Seit 2012 ist sie im Kunstmuseum Thurgau tätig.

 

 

Weiterlesen:
Teil I «Kunsthistorische Zeitreise duch den Thurgau», Klicken sie sich durch 700 Jahre Kunstgeschichte und sehen sie, was im Thurgau in den grossen Kunstepochen passiert ist von Samantha Zaugg.

 

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