von Andrin Uetz, 23.09.2021

Im Rausch der Gemeinsamkeit

Im Rausch der Gemeinsamkeit
Wenn MusikerInnen und Publikum eins werden: Das Konzert als Ausdehnung von Zeit und Raum. | © Canva

Konzerte spielen gehört zum Leben von MusikerInnen dazu. Der Aufwand dafür ist immens, der Lohn meistens bescheiden. Warum es trotzdem nichts Besseres gibt, beschreibt der Musiker Andrin Uetz. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Eine Frage schwebt mir seit Monaten durch den Kopf: Was habe ich mir da all die Jahre nur angetan? Vorweg geschickt: Dieser Text ist subjektiv, ich kann nicht für alle MusikerInnen sprechen. Für mich ist ein Auftritt wie eine Droge. Wenn ein Konzert gut ist, dann fühlt sich das an, als könnte ich für einen Moment die Zeit ausdehnen, und so, als wären meine Gedanken und Emotionen ein Gemeingut, welches ich mit dem ganzen Saal teilen kann.

Diese relativ kurze Zeit der Glückseligkeit wird getragen von einer ganzen Infrastruktur aus Arbeit, Aufwand, Logistik, Planung, Reisen und so weiter.

Stellt sich nicht von selbst: Instrumente und Bühnendekoration von Europa: Neue Leichtigkeit im Turmhof Steckborn. Bild: Samuel Weniger

Die positiven Seiten der Pandemie-Pause

Was dies alles mitzumachen einem abverlangt, ist mir erst durch die Zwangspause in der Pandemie bewusst geworden. Plötzlich hatte ich viel mehr Zeit, schlief besser, las mehr Bücher, und es lief beim Schreiben meiner musikwissenschaftlichen Dissertation, wobei ich vorher lange mit Schreibblockaden zu kämpfen hatte.

Um das gleich vorwegzunehmen: Wirtschaftlich haben sich für mich Auftritte noch nie geloht. Da muss man schon sehr grosse Shows spielen, um auf einen grünen Zweig zu kommen.

Für MusikerInnen der freien Szene oder im alternativen Pop-Bereich ist es schon mal nicht schlecht, wenn bei einem Konzert 300 Franken rausspringen. Ich habe nicht selten für weniger gespielt.

Der Musiker als Teil der Arbeiterklasse: Helge Schneider mit «Der Boss»

Ein Stundenlohn für 12,50 Franken. Wenn man Glück hat

Realistisch gerechnet kommen auf diese 300 Franken zwei Tage Proben und der Konzerttag dazu. Das wären dann 100.– pro Tag (Sozialabgaben und Spesen gleich drin), macht einen Stundenlohn von 12.50 Franken, und das bei grösstenteils Nachtarbeit. Wenn man hier auch noch das jahrelange Üben, Equipment und Materialverschleiss mitrechnen würde, sind wir bald bei Helges 2 Euro am Tag. Aber darum geht es hier nicht.

Ihr werdet jetzt denken, gut, endlich haben es auch die MusikerInnen kapiert; hört auf mit dem Quatsch, es gibt hier nichts zu holen, rentiert nicht dieser Krach und ist zudem auch nicht gleich gesund wie eine Bergwanderung. (Ah ja, und falls Sie immer noch daran glauben, dass durchschnittliche Musikschaffende mit dem Verkauf von CDs oder Schallplatten oder mit Streaming irgendwie Geld verdienen können, ist dieser Artikel in der Republik zu empfehlen.)

Jedes Konzert ist ein Gesamtkunstwerk

Paradoxerweise aber verleiht dieses gestärkte Bewusstsein für die Prekarität unserer Existenz dem Auftritt vor Publikum eine neue Dringlichkeit. Denn ja, viele von uns hatten nun genug Zeit, sich nochmals gründlich zu überlegen, was wir eigentlich wollen und was nicht. Und siehe da; wir stehen immer noch auf der Bühne.


Ankathi Koi im Radio Kulturhaus Wien war das erste Konzert, welches der Autor dieses Texte nach der ersten Welle besuchte. «Trotz Masken und strengen Schutzmassnahmen eine riesige Freude», schreibt er.

Wie viel Aufwand in einem Auftritt steckt

Dabei sind Live-Konzerte körperliche, geistige und emotionale Schwerstarbeit. Hier ein zeitnahes Beispiel: Mit Subito Zeitlos hatte ich die Ehre, an der diesjährigen Bad Bonn Kilbi in Düdingen zu spielen. Den Tourbus hatten wir schon am Vorabend nach einer kleinen Probe geladen, sodass wir um 10:30 Uhr relativ gemütlich vom St. Gallischen Rheintal her losfahren konnten.

Mit etwas Samstagsstau kamen wir kurz vor 14Uhr zu unserem Hotel in Fribourg, konnten einchecken und uns frisch machen, und fuhren dann weiter auf das Festivalgelände. Dort wurden unsere Zertifikate kontrolliert, es gab Kaffee und um 16 Uhr konnten wir bereits damit anfangen, uns auf der Bühne einzurichten. Um 16:30 Uhr noch ein kleines Interview im Radio 3Fach, um 17 Uhr Line-Check, um 18 Uhr Konzert.

Was das alles für MusikerInnen bedeutet

Danach muss schnellstmöglich alles wieder von der Bühne runter und zurück in den Bus, damit der nächste Act aufbauen kann. Ein rasches Gruppenfoto, ein Bier und eine Zigarette.

Um 20 Uhr ist der Arbeitstag zu Ende, wir werden vorzüglich verpflegt im Backstage und können nun das Festival und die anderen Konzerte geniessen.

 Das Konzert als Ausdehnung von Zeit und Raum. Am Beispiel von Subito Zeitlos an der Bad Bonn Kilbi 2021. Bild: Samuel Weniger

Jetzt erst verstehen viele, worum es eigentlich geht

Falls Ihr jetzt denkt, dass dies nach einem stressigen Arbeitstag klingt, kann ich euch beruhigen. Der Auftritt an der Kilbi war etwas vom Besten, was mir in meiner gesamten Karriere passiert ist. Sicher war es anstrengend, ich wäre sogar fast kollabiert auf der Bühne, weil mir irgendwann der Zucker ausging.

Doch für ein so gut organisiertes Festival, ein fantastisches Publikum, tausend Leute, die tatsächlich zuhören und unsere Musik geniessen; dafür würde ich noch viel grössere Strapazen auf mich nehmen. Und gerade jetzt, nach dieser Pause, da glaubt man zu begreifen, um was es doch eigentlich geht.

Es geht nicht ums Geld, nicht um die Arbeit, nicht um den grossen Aufwand; es geht um diese magischen Minuten, diese fast schon religiöse Erfahrung, wenn das Publikum und die Band und die Musik sich in ein transzendentes Energiefeld verwandeln.

„Es geht nicht ums Geld, nicht um die Arbeit, nicht um den grossen Aufwand; es geht um diese magischen Minuten, diese fast schon religiöse Erfahrung, wenn das Publikum und die Band und die Musik sich in ein transzendentes Energiefeld verwandeln.“

Andrin Uetz, Musiker und Autor, über das Erlebnis 'Konzert'

Inbegriff eines hochenergetischen Konzerterlebnisses: Vulfpeck 2019 im Madison Square Garden in New York. 

Das Gemeinsame gegen die Vereinsamung

Das Konzert bietet diese einzigartige Möglichkeit, gleichzeitig bei sich selbst, ja förmlich in sich einzukehren, und dennoch Teil einer Gemeinschaft zu sein, ganz aufzugehen in einer euphorischen Menschenmasse.

Entgegen der Vereinzelung des hyperindividualistischen Unterhaltungskonsums im Internet, wo Algorithmen durch ein Spiegelkabinett der Ich-Bezogenheit lenken, ist der oder die KonzertbesucherIn nicht allein. Er oder sie nimmt – ob bewusst oder weniger – eine gewisse Position ein, muss sich einen Platz im Publikum ergattern, bekommt einen Sitz zugewiesen, interagiert mit anderen HörerInnen.

Warum es mir das alles wert ist

Das Publikum gestaltet das Konzert mit, alle sind Teil dieser Erfahrung, hören und sehen das Gleiche und durchleben ähnlich Emotionen. Das Konzert hat das Potential unsere mehr und mehr gespaltene Gesellschaft zusammen zu bringen, und einen Austausch zu fördern.

Das wäre dann auch die Antwort auf die Einstiegsfrage, die ich mir so oft gestellt habe: Warum ich mir das alles antue. Ganz ehrlich: Mir persönlich ist das diesen grossen Aufwand wert.

Der Autor

Andrin Uetz ist Musiker. Er war unter anderem Sänger der Band Europa: Neue Leichtigkeit. Inzwischen hat er zwei andere musikalische Projekte: Subito Zeitlos und Karl Kave & Durian. Daneben forscht er für seine Promotion an der Universität Bern zum Klang von Stadt und Umwelt. Uetz lebt in Egnach und in Wien. Und schreibt immer wieder für thurgaukultur.ch über Musik und Kunst.

 

 

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