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von Mia Nägeli, 29.09.2017

Schlager klang noch nie so wild

Schlager klang noch nie so wild
Auch mal im USA-Unterhöschen: Die Band Europa - Neue Leichtigkeit ist nicht zimperlich | © PD

Der junge Thurgau (5): Beim Kulturtag in St. Gallen stellt sich der Thurgau mit seinem jungen Gesicht vor: Hoffnungsvolle Nachwuchs-Bands aus dem Kanton treten am Samstag, 7.Oktober, in St. Gallen auf. Wir stellen die Musiker in einer Serie vor. Teil 5: Europa - Neue Leichtigkeit

Von David Nägeli

Wer hätte gedacht, dass die passendste Antwort auf die Angst vor dem Terror aus der Schweiz stammt? Und nein: Die Antwort lautet nicht «Mauerbau», «Argumente» und erst recht nicht «Schweigeminute». Die Parole heisst: In die Hände klatschen und lustig sein.

Das Quartett Europa – Neue Leichtigkeit schrieb mit «Lied gegen Ängste» eine hübsche Hymne für die Postmoderne, in der abwechselnd Push-Benachrichtigungen von Terroranschlägen und WhatsApp-Gruppenchats auf Smartphone-Screens aufblinken. Zwischen all diesen brandaktuellen und angeblich so relevanten News und Kurznachrichten versuchen Europa dem von der Pop-Kultur verstossenen Schlager ein Plätzchen zu erspielen – mit Champagner, Konfettikanonen und Lebens- und Analverkehr-Bejahungen im Drei-Viertel-Takt. Und das funktioniert viel zu gut.

Die Quintessenz der Band steckt bereits in ihrem Namen: Die (neue) Leichtigkeit. Der Stilrichtung – oder eher: der ästhetischen Haltung – widmete die Band 2010, damals noch in ihren Kinderschuhen, ein ausführliches Essay, in dem ebenso auf Musiktheorie zurückgegriffen, wie auch Marquis de Sade oder Kant zitiert wird. Das Fazit des Textes: Das Ernsthafte muss frivoler, das Frivole muss ernsthafter sein.

Kein post-cooles Hipster-Gschmäus

Der Gedanke liegt nahe, dass Europa also eine Band ist, deren Reiz ebenda liegt, wo sich auch die Faszination des «Postillons» oder Moneyboy findet: Ein Ironisches Abfeiern, eine Art Schutzmechanismus gegenüber der hässlichen Realität, kurz: post-cooles Hipster-Gschmäus. Aber das ist weit gefehlt, denn Europa meinen es ernst. Verdammt ernst.

Wenn die Band Songs mit Zeilen wie «Alles isch heilig / Alles isch guet» oder «Lass uns noch einmal im Luftschloss leben / So wie am ersten Tag» singt, ist das keine Anspielen, kein Distanzieren, kein Werten, so wie man es beispielsweise bei Jan Böhmermanns Pseudohit «Menschen Leben Tanzen Welt» findet. Denn: «Die Neue Leichtigkeit fragt durch den Schein zum Sein hindurch. Sie versucht sich so weit als möglich mit der Rolle, die zu spielen ist, zu identifizieren und das Menschliche dahinter sichtbar zu machen», schreibt die Band in erwähntem Essay zur Neuen Leichtigkeit. Wie gesagt: Wir brauchen keine weitere Ironie, wir brauchen ernst gemeinte Frivolität.

Im USA-Höschen an der OLMA?

Dass die Multiinstrumentalisten von Europa diese Leichtigkeit mit Virtuosität und regelmässigem Tauschen der Instrumente aufs Parkett bringen, macht die ganze Sause perfekt. Hier stehen Kulturschaffende auf der Bühne, die ihr Instrument und das Instrument des Bühnennachbars ebenso gut beherrschen, wie das Jonglieren mit philosophischen Referenzen, das Auswählen der perfekten Bühnengarderobe (beispielsweise Unterhöschen mit der US-Flagge) oder das Diskutieren über avantgardistische Jazz-Musik.

Kurz gesagt: Europa sind ein Fest. Eines, das einen in die Hände klatschen und lustig sein lässt. Und sie sind eine erfrischende Abwechslung zur ganzen Ironie der heutigen Zeit – und im Bezug auf den kommenden Auftritt an der OLMA passt das wunderbar, denn nichts wäre an einer ländlichen, trinkfreudigen Gewerbeausstellung weniger passend als Ironie. Die OLMA ist nämlich eine ernste Angelegenheit.

Weiterlesen:

Teil 1 der Serie "Der junge Thurgau" über die beim Kulturtag auftretenden Thurgauer Bands über Crispy Dee gibt es hier: http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3293/  

Teil 2 der Serie "Der junge Thurgau" über Len Sander gibt es hier http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3294 

Teil 3 der Serie "Der junge Thurgau" über Jar gibt es hier http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3322/ 

Teil 4 der Serie "Der junge Thurgau" über Parrot to the moon gibt es hier http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3323/ 

Kultur- & Genusstag
Samstag, 7. Oktober, Marktgasse St.Gallen

 

Der Kultur- und Genusstag ist von 11.00 - 22.00 Uhr und findet bei jeder Witterung statt.

 

Kinderprogramm
von 11 bis 15 Uhr
De Leu isch los! Bereits vor dem Mittag dürfen sich die Kleinen zu grossen Löwen schminken lassen während Clown Pepe vom Circus Balloni für gute Stimmung sorgt.

 

Strassenkünstler

Der Thurgauer Naeman Meier begeisterte bereits bei  «DSDS» und «DGST» tausende TV-Zuschauer. Spielzeit: ab 11.30 Uhr

Jan Rutishauser feiert im September Premiere mit seinem neusten Kabarettprogramm. Spielzeit: 17.20 Uhr

 

Markt- und Genussstände

von 11 bis 22 Uhr

 

Musikprogramm

von 13.30 bis 22 Uhr

Konzerte mit Jar, Delirious Mob Crew, Europa: neue Leichtigkeit, Crispy Dee, Parrot to the Moon, Len Sander

 

mehr dazu hier

 

thurgaukultur.ch am Kultur- & Genusstag

Wir sind live vor Ort und berichten über die Bands, Künstler und Konzerte. Ihr findet uns beim gelben Fotobus neben der Bühne. Wir freuen uns auf euren Besuch!

 

 

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