von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 23.04.2017

Im Schongang

Im Schongang
Anna (Sara Weber) muss als Waschfrau für ihre Familie Geld verdienen | © Patrick Frischknecht

Am Freitagabend feierte "Annas Briefe", die neue Inszenierung des Jungen Theater Thurgau, Premiere in Frauenfeld. Die wahre Leistung des Projektes liegt allerdings jenseits der Bühne.

Von Michael Lünstroth

In der Theater- und Filmgeschichte gab es schon viele Versuche, Zeitreisen zu visualisieren. Ganz verschiedene Vehikel mussten als Transportmittel zwischen heute, morgen und gestern dienen: Ein gemeiner Kleiderschrank, ein aufgemotztes Rennauto, alte Tagebücher, so was. Eine Waschmaschine respektive ein Waschzuber zählten bislang nicht unbedingt zu dieser Reihe. Bislang. Das Junge Theater Thurgau fügt der langen Liste der Kommunikationswege zwischen den Zeiten diese nun neu hinzu. In der aktuellen Inszenierung „Annas Briefe", die am Freitagabend im Alten Zeughaus in Frauenfeld Premiere vor rund 80 Zuschauern feierte, geraten eine Anna aus 1917 (gespielt von Sara Weber) und eine Anna aus 2017 (Aleena Krähemann) über eine solch ungewöhnliche Verbindung in Kontakt. Dass dieses Zeitreise-Modell im Mittelpunkt der Inszenierung steht, verrät schon das Bühnenbild: Waschmaschine und Waschzuber stehen mittig auf der Bühne, hierum soll sich also alles drehen.

Zeitreise via Waschmaschine: Anna 2017 (Aleena Krähenmann, links) und Anna 1917 (Sara Weber, rechts) kommunizieren über ihre Arbeitsgeräte. Bild: Patrick Frischknecht

Worum geht es? „Annas Briefe" erzählt die Geschichte zweier 18-jähriger Mädchen. Die eine lebt 1917, würde gerne studieren, darf aber nicht und wird stattdessen von ihrer Familie zum Geldverdienen als Waschweib in eine Lausanner Familie geschickt. Die andere lebt 2017, hätte eigentlich alle Möglichkeiten, dürfte studieren, ist aber so erschlagen von allen Optionen der Moderne, dass sie sich entschliesst, einen Au-Pair-Job in einer wohlhabenden Familie anzunehmen. Dort muss sie sich mit pubertären Drillingen rumschlagen und auch viel Wäsche erledigen. Das ist der Punkt in dem sich die beiden Mädchen treffen, das ist für den Anfang mal ihr, wenn man so will, kleinster gemeinsamer Nenner. Von hier aus entwickelt sich die Handlung immer im Schuss und Gegenschuss der Zeiten. Einer Szene aus 1917 folgt einer aus 2017 und so weiter.

Beide plagen in ihren neuen Jobs ähnliche Sorgen und Stück für Stück erkennt man, dass sie sich vielleicht gar nicht so unähnlich sind, diese beiden Annas. Als die Gegenwarts-Anna einen Brief der Vergangenheits-Anna in der Waschmaschine findet, beginnt ihre diachrone Brieffreundschaft, Nachrichten fliegen hin und her, klanglich stets untermalt mit dem vertrauten Swoosh-Geräusch, das Computer und Handys machen, wenn Mails versandt werden. Im Verlauf der rund einstündigen Inszenierung rückt die 2017-Anna immer mehr in den Hintergrund, die Handlung konzentriert sich auf die 1917-Anna und ihr Leben in Zeiten des Ersten Weltkriegs und was es damals als junge Frau bedeutete unverheiratet, und dann auch noch von einem Franzosen schwanger zu sein.

Das Stück entstand auf der Basis von Briefen einer Thurgauer Familie

Das Bemerkenswerte an dem Projekt ist seine Entstehung. Seit Monaten arbeiten Regisseurin Ira Werner, Produktionsleiterin Katrin Sauter und die Jugendlichen an der Umsetzung. Das Stück entstand auf Grundlage von Briefen der Thurgauer Familie Keller Forster, die Ira Wener im Thurgauer Frauenarchiv gefunden hatte. Diese Briefe spielen auch im Theaterstück immer wieder eine Rolle. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller lesen aus ihnen vor und rahmen die persönliche Geschichte der Annas mit den Geschehnissen aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Kooperiert hat das Junge Theater Thurgau für dieses Projekt auch mit dem Historischen Museum Thurgau, das damals vor allem auch auf der Suche nach einer zeitgemässen und alternativen Vermittlungsform für das Thema Erster Weltkrieg suchte. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist das Projekt durchaus gelungen. Als Theaterstück an sich funktioniert es aber nicht so recht.

Szene aus der Inszenierung "Annas Briefe" vom Jungen Theater ThurgauSzene aus der Inszenierung "Annas Briefe" vom Jungen Theater Thurgau. Bild: Patrick Frischknecht

Das liegt weniger an den jungen Menschen, die sehr engagiert auf der Bühne agieren, sondern mehr an dem dramaturgischen Konzept, das nicht aufgeht. Das ist, um im Bild der Wäscherei zu bleiben, eher Schon- als Schleudergang. Die Handlung plätschert dahin, es gibt kaum Tempiwechsel, alles verläuft, nun ja, gemächlich. Das grösste Problem dabei ist: Wenn man sich mit der Zeitreise via Waschmaschine schon für ein zentrales Motiv entscheidet (das ja für sich genommen schon etwas konstruiert und erklärungsbedürftig ist), sollte man es auch konsequent durchziehen. Das gelingt aber nicht. Die Zeitreise wird im Verlauf des Stücks immer mehr zur Einbahnstrasse. So wird eine Chance vertan.

Die Zeitreise wird zur Einbahnstrasse Richtung Vergangenheit

Statt eines wirklichen Austausches der beiden jungen Mädchen, dominiert am Ende die Geschichte aus der Vergangenheit. Dabei wäre es doch durchaus spannend gewesen, auch die Anna aus 1917 mit Ideen aus 2017 zu konfrontieren. Dann wäre es wirklich eine Geschichte über zwei Mädchen aus zwei Zeiten geworden. So bleibt es doch wieder nur eine Geschichte aus der Vergangenheit. Dieses System wird zudem unglücklicherweise auch nur einmal durch einen eher billigen Gag unterbrochen: Nachdem die 2017-Anna von der frischen Verliebtheit der 1917-Anna liest, legt sie ihr eine Packung Kondome in die Waschmaschine. Ha Ha.

Auch deshalb ist die wahre Leistung des Projektes nicht das, was jetzt auf der Bühne zu sehen ist, sondern das, was im Vorfeld entstanden ist. Junge Menschen haben sich mit der Zeit ihrer Ur-Ur-Grosseltern befasst und so wahrscheinlich mehr über die Zeit des Ersten Weltkriegs gelernt als in jedem Geschichtsunterricht. Nicht umsonst ist das Junge Theater Thurgau dafür jetzt auch mit der Projekt-Starthilfe 2017 von der Stiftung Felix Rellstab für Theaterpädagogik belohnt worden.

Video zur Produktion von Art-TV.ch 

Weitere Bilder aus der Inszenierung

Anna (Aleena Krähemann) muss sich mit pubertierenden Drillingen rumschlagenAnna (Aleena Krähemann) muss sich 2017 mit pubertierenden Drillingen rumschlagen. Bild: Patrick Frischknecht

Szene aus "Annas Briefe", der neuen Produktion des Jungen Theater Thurgau

Szene aus "Annas Briefe", der neuen Produktion des Jungen Theater Thurgau. Bild: Patrick Frischknecht

 

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