von Jeremias Heppeler, 27.08.2020

In diesem Land vor unserer Zeit

In diesem Land vor unserer Zeit
Woher kommt unsere Faszination für Dinosaurier? Unser Autor Jeremias Heppeler sucht nach Antworten. | © Canva

Dinosaurier faszinieren uns Menschen seitdem wir von ihnen wissen. Woher kommt dieses Faible? Und warum gibt es im Thurgau keine Dino-Funde? Eine Reise durch Popkultur und Wissenschaftsgeschichte.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen erzählt von einem Trip mit meiner Familie an den Gardasee - doch um Sonnenbaden, Ausflüge, Klettern und Schwimmen soll es hier nicht gehen. Viel eher um eine Erinnerung in der Erinnerung. Meine Schwester und ich hatten kleine Plastikkoffer und durften diese mit Spielzeug füllen. Neben Actionfiguren und Bilderbüchern packte ich einen golden gerahmtes Foto ein. Darauf zu sehen war kein Familienporträt oder ein Schnappschuss meiner Schulklasse, nein, das Bild zeigte einen Dinosaurier.

Genauer gesagt einen gigantischen Tyrannosaurus Rex aus Hartplastik, der gerade einen Jeep zerquetschte. Aufgenommen hatte ich das Foto im Thurgauer Freizeitpark „Connyland”. Dort gab es Delfine und Seelöwen, aber die waren mir egal. Ich wollte in die Dinosaurierbahn, die sich in ihrer Aufmachung mehr als offensiv an der Ästhetik von „Jurassic Park” orientierte. Wie viele Runde ich meinem Opa damals abrang, das weiss ich heute nicht mehr, aber diese Fotografie wurde zu meinem höchsten Gut, die Riesenechsen zu meiner intensivsten Leidenschaft.

Wie der Autor Jeremias Heppeler Dinosaurier sieht. Diese Grafik hat er eigens für den Text angefertigt.

Dinosaurier als popkulturelles Phänomen

Ich sammelte Figuren, Sticker, Lego, Sammelhefte, Spielzeug und Bücher. Wir fuhren in Museen und Parks. In Poesie-Alben schrieb ich “Paläontologe” in das Feld „Das will ich einmal werden”.  Erst Jahre später, als Gespräche meist mit einem Dosenbier in der Hand geführt wurden, erfuhr ich, dass ich damit nicht alleine war. Ab Mitte der 90er reiften Dinosaurier zu einem popkulturellen Phänomen sondergleichen - und das sind sie bis heute. Doch was fasziniert uns so an diesen ausgestorbenen Tieren? Und wie sieht es eigentlich im Thurgau in Sachen Dinosaurier aus?

Ein absoluter Schlüsselmoment für den unfassbaren Erfolg der Ausgestorbenen manifestiert sich in einer Szene in - natürlich – „Jurassic Park”, die darüber hinaus auch im Vorbeigehen das Blockbuster-Kino revolutionierte. Es ist der Moment, in welchem die Paläontologen Dr. Ellie Sattler und Dr. Ian Grant erstmals lebende Dinosaurier sehen. Zwei Brachiosaurus (Gewichtsklasse: So 30 bis 40 Tonnen) baden friedlich in einem See, umspielt von einer grasenden Herde Parasaurolophus. Die idyllische Natursequenz wird - inszeniert von Steven Spielberg und untermalt vom legendären Score von John Williams - zu einer Jahrhundertszene. Die schiere Macht der Bilder, die man in dieser Form noch nie zuvor gesehen hatte, erschütterte die Welt des Kinos in seinen Grundfesten und besteht auch heute, 25 Jahre später, beinahe problemlos den Test der Zeit.

Video: Der Schlüsselmoment aus Jurassic Park

Spielbergs „Jurassic Park“ erweckte die Dinos zum Leben

Spielbergs Meisterwerk des Naturhorrors reifte zum Monstererfolg und klatschte Dinosaurier, die zuvor zwar schon in Werken wie Arthur Conan Doyles Roman „Die vergessene Welt” oder in Zeichentrickfilmen wie „In einem Land vor unserer Zeit” oder „Familie Feuerstein” präsent gewesen waren, jetzt mit der Durchschlagskraft eines Meteoriten auf die popkulturelle Karte. Die Faszination der Computeranimation entrückte die Urechsen den kindlichen Vorstellungen und machte sie (so merkwürdig das klingt) erstmals real.

Im Übrigen waren es in der Zeit, die wir Menschen bewusst mit den Dinosaurier teilen (und die ist genau genommen extrem kurz und gründet in zufälligen Funden und den daran anschliessenden Forschungen in Grossbritannien in den 1820er Jahren), immer künstlerische Darstellungen der Ur-Echsen, die das Bild der Dinos ausserhalb der Forschungsdiskurse prägte. Falsche Bilder, das wissen wir heute.

Klassische Dinosaurier-Szene. Welche Farbe die Dinos wirklich hatten, ist bis heute ungewiss. Bild: Canva

Vom Riesenwaran zur Killermaschine

Die Dinosaurier transformierten sich über die Jahre von behäbigen, gutmütig dreinblickenden Riesenwaranen zu den hochintelligenten Killermaschinen in Reptilienoptik aus „Jurassic Park”. Ein entscheidender Schritt hierfür war die Entdeckung des ersten vollständig erhaltenen Skeletts in Haddonfield New Jersey, welches offenbarte, dass manche Dinosaurierarten zweibeinig unterwegs gewesen  waren. Die entsprechend spektakulären Zeichnungen sorgten für eine erste weltweite „Dinomanie“.

Wenn wir besonders spitzfindig sind, dann sind die Dinosaurier, die wir aus Film und Fernseher kennen, nichts anderes als Fantasy-Figuren. Und doch sind sie ungleich präsenter als Drachen, Einhörner oder Godzilla. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Hast Du schon einmal erlebt, wie sich Deine Wahrnehmung einer Spielfilms oder Roman verändert, wenn ganz am Ende der Satz: „Basierend auf einer wahren Begebenheit“ aufleuchtet?

Video: Ausgestorben lebendig – Den Dinosauriern auf der Spur (SRF)

Was wahr war, bewegt die Menschen viel mehr

Jede Handlung, jedes gesprochene Wort bekommt plötzlich einen neuen Anstrich, eine ganz andere Prägnanz und Energie. Und so verhält es sich auch mit unseren Riesenechsen. Denn auch sie basieren, wenn man so will, auf einer wahren Begebenheit. Es hat sie wirklich gegeben. Das macht sie echt. Greifbar. Bedrohlich. Auch wenn ihr Aussterben 66 Millionen Jahre zurück liegt.

Und genau hier schnitten sich im Übrigen auch die Macher der aktuellen „Jurassic World“-Trilogie ins eigene Fleisch. Denn auf der Suche nach dem neuen Superbösewicht, dem perfekten Tyrannosaurus Rex-Nachfolger, liessen die Drehbuchschreiber ihre Filmforscher urplötzlich neue Dinosorten im Labor zusammenmixen. Eine katastrophale Entscheidung: Die genmanipulierte Mutanten „Indominus Rex“ und der „Indoraptor“ sorgten zwar für gehörig Action, aber ihnen fehlte die Realness, die Echtheit wie einem Gangsterrapper, der in einer Kleinstadt aufgewachsen ist. Die Magie war verpufft.

Um im Thurgau Dino-Spuren zu finden, müsste man tief graben

Doch verlassen wir kurz die Sphäre der Kultur und schielen in Richtung Wissenschaft. Eine Frage, die sich beim Schreiben dieses Textes natürlich umgehend auf drängte war die Folgende: Warum aber gibt es eigentlich keine Dinosaurier-Funde im Thurgau? Die Antwort auf diese Frage ist durchaus komplex.

Im beziehungsweise unter dem Thurgau könnte es durchaus versteinerte Dinosaurier geben, dafür müsste man aber verdammt tief graben. So müsste man in Frauenfeld etwa bis zu zwei Kilometer tief bohren, um in die Schichten des Juras vorzudringen. Diese Schichten erblicken erst im Kanton Schaffhausen die Oberfläche.

Video: Woran genau starben die Dinosaurier? (Terra X, ZDF)

Was die Gletscher mit den Dinosauriern zu tun haben

Hannes Geisser vom Naturmuseum Thurgau führt zudem eine zweite Erklärung aus:  „Die Gegend des heutigen Thurgaus wurde in den letzten 2.5 Millionen Jahren auch mehrmals von mächtigen Gletschern überdeckt. Stellenweise war das Eis bis zu 800 Meter dick. Dieses Eis brachte aus den Alpen – von wo die Gletscher bis in den Thurgau vorgestossen sind – viel Schutt und Geröll mit. Das Geröll auf den Gletschern blieb nach dem letzten Abschmelzen der Gletscher vor etwa 15'000 Jahren in der Landschaft liegen und bedeckt bis heute zum Teil als mächtige Schicht allfällige fossilführenden Schichten. Zudem haben die mächtigen Eismassen die Landschaft mehrmals regelrecht abgehobelt. Da ist von allfälligen fossilführenden, höher liegenden Schichten nicht viel übrig geblieben.”

Der wichtigste Ausgrabungsort in der Schweiz befindet sich im Übrigen in Frick im Aargau, wo in einem mehrere Quadratkilometer grossen Fundareal circa 500 Dinosaurierskelette gefunden wurden - darunter einer acht Meter langer Plateosaurus, der Schweizer Rekordsaurier.

13 Millionen Jahre in die Vergangenheit

Nichtsdestotrotz gibt es auch im Thurgau unterirdisch so einiges zu entdecken: Der Berner Geologe Daniel Kälin interessiert sich besonders sich für die Molasseschichten am Wellenberg bei Frauenfeld - dort befinden sich die jüngsten Schichten der Molasse im schweizerischen Mittelland.

„Das Alter der Molasseschichten kann mit verschiedenen Methoden bestimmt werden. Eine ist diejenige, welche Zähne von Kleinsäugetieren (wie Mäuseartige) verwendet, um aus der Abfolge der sich stetig verändernden Säugetierformen auf das Alter der Schichten schliessen zu können. Mit dieser Methode ist es gelungen, das Alter der jüngsten Schichten am Wellenberg auf etwa 13 Millionen Jahre zu veranschlagen. Die Säugetierzähne werden gewonnen, indem aus einer Fundschicht das Gesteinsmaterial chemisch zersetzt wird und die kleinen Zähne aus dem gesiebten Rückstand unter dem Binokular ausgelesen werden.”

Video: Hans-Jakob Siber – Ein Leben für Dinosaurier (SRF)

Hans-Jakob Siber und sein Sauriermuseum Aathal

In der wilden Entdeckungsgeschichte des bis zu 12 Meter langen Fleischfressers Allosaurus spielt übrigens auch ein Schweizer eine entscheidende Rolle. Hans-Jakob Siber, mittlerweile Ehrendoktorträger der Universität Zürich und Gründer des Sauriermuseum Aathal im Kanton Zürich, hatte in den 80er Jahren unter anderem Skelette von fossilen Bartenwalen in Peru ausgegraben, ehe er in Wyoming im vermeintlichen Nichts ein komplettes Allosaurus-Skelett findet. Ein Lottogewinn, ein Jahrhundertfund. Das Skelett wird später auf den Namen „Big Al“ getauft und reifte zu einem waschechten versteinerten Superstar. Siber möchte den Schatz natürlich in die Schweiz bringen, hat deshalb vorab alles mit den Grundbesitzern geklärt, doch noch während der Freilegung sieht sich der Schweizer urplötzlich mit dem FBI konfrontiert.

„Big Als letzte Ruhestätte befindet sich auf Staatsgebiet, Siber war im Begriff Amerika um einen einzigartigen Bodenschatz zu berauben. Der Schweizer entkommt knapp der Anklage - und gräbt sich später (jetzt auf privaten Grund) kurzerhand einen zweiten „Big Al“ aus.

Video: Das Sauriermusem Aathal

Von Vögeln und Dinosauriern

Zum Abschluss dieses Textes wird es jetzt ungemütlich. Denn die Dinosaurier-Forschung schläft nicht und hat in den vergangenen Jahren einige bahnbrechende Erkenntnisse ans Tageslicht gefördert. Die entscheidende: Dinosaurier sind niemals ausgestorben. Richtig gelesen. Sie sind unter uns. Jeden Tag. Wenn sie diesen Artikel gerade abends im Bett lesen, dann können sie sich fast sicher sein, dass sie heute schon einen gesehen haben. Und reden wir nicht mehr lange um den heissen Brei herum: Vögel, das gilt nun als erwiesen, sind Dinosaurier. Fakt.

Sie sind nicht nur irgendwie verwandt oder verschwägert, nein, sie sind Dinosaurier. Direkte Nachkommen. Überlebende der Apokalypse. Und verdammt erfolgreich! Doch damit nicht genug: Mittlerweile geht die Forschung, ausgehend von zahlreichen sehr gut erhaltenen Fossilen davon aus, dass auch die Dinosaurier selbst zu weiten Teilen Federn trugen. Eine Entwicklung, die die Popkultur übrigens geflissentlich ignoriert.

Video: Darum hatten Dinos Federn!

Popkultur vs. Wissenschaft: Wie lange noch?

So kritisierten zahlreiche Paläontologen die Darstellung der Velociraptoren als hanebüchene, die Forschung ignorierende Fantasieauswüchse. Durch Funde in Asien gilt es mittlerweile als gesichert, dass die Raptoren sich durch ein Federkleid schmückten. Wie lange die Popkultur diese Erkenntnisse noch ignorieren wird? Wir werden sehen -  ein Vogelstrauss wirkt eben weit weniger enorm als ein Krokodil auf zwei Beinen.

Ich aber denke von nun an bei jeder Elster, die bei mir Garten pickt, bei jedem Milan, der über mir kreist direkt daran, dass wir selbst in einem globalen „Jurassic Park“ leben.

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