von Barbara Camenzind, 16.12.2020

Jenseits der Wohlfühlzone

Jenseits der Wohlfühlzone
Franz Schubert, gemalt um 1827 von Anton Depauly. | © Von Anton Depauly zugeschrieben, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=536543

Lyrische Lebensspritze: In Jochen Kelters Gedichtband „Fremd bin ich eingezogen“ lassen sich ganz neue Töne entdecken.

Wie können sie sie einem verleiden, diese Schubertiaden. Mit diesen weihevoll konservierten Arrangements. Auf dem Podium die Künstler, unten das andächtige Publikum. Zur höheren Ehre des Komponisten. Franz Schubert war lange Zeit wohnungslos und komponierte in Wirtshäusern. Wilhelm Müller, den Dichter der „Winterreise“ hat man irgendwie vergessen. Dabei hat er es im tiefsten Biedermeiersumpf gewagt, Dinge anzusprechen, die nicht in die damalige Wohlfühldiktatur passten.

Die bourgeoise „Käfighaltung“ Schuberts und zwangsläufig Müllers ist tödlich. Weil tödlich unauthentisch und langweilig. Da wirkt Jochen Kelters Gedichtband „Fremd bin ich eingezogen“ wie eine Lebensspritze. Diesen krass traurigen Anfang in der Originaltonart D-Moll, durchwirkt der Dichter aus Ermatingen mit dem Dammbruch des Elends in den Norden.

Bei diesen Gedichten schläft keiner nach fünf Takten.

Der Gier der Stahlbarone, Krieg und Elend. Der biedermeierliche private Herzschmerz ist in der Welt aufgewacht. So traurig und so gut. Denn was ist schon privat in unserer Gegenwart. Bei diesen Gedichten schläft keiner nach fünf Takten.

Der weitgereiste Lyriker nimmt sowohl politisch wie historisch kein Blatt vor den Mund. Er scheut sich auch nicht, Paraphrasen über grosse Vorbilder zu gestalten. Das Gedicht „Celan“ haut einem die ganze Epoche rund um den Weltkrieg um die Ohren.

Der Dichter: Jochen Kelter. Bild: Archiv

Metrik und Klang in der lyrischen Wut

Kelter nimmt Stellung. Zu den faschistischen Gräueltaten, der Armut in Südamerika, dem Unrecht in der Gegenwart. Lieder sind wie scharfe Klingen. Und Kelter hat es wohl intuitiv verstanden, dass „Liet“ auf mittelhochdeutsch sowohl Gedicht wie Lied meint.

Auch in der dicht verpackten lyrischen Wut schwingt Metrik und Klang, wenn man die Strophen ein paar Mal liest.

Feinziselierte Alltagsbeobachtungen

Der Schweizer Schriftsteller Peter K. Wehrli hatte einst seine Kamera auf einer Reise vergessen. In seinem „Katalog von allem“ bügelte er sein Missgeschick in kurzen Sätzen aus. Was Wehrli für die Prosa - scheint Kelter für die Lyrik zu sein.

Seinen feinziselierten Alltagsbeobachtungen wie „Regen“ oder „Selbstportrait“ gibt der Dichter noch die Innenschau dazu. Diese Gedichte lassen der Leserin mehr Platz, als die dichten politischen, obwohl die auch sehr gut sind. Und er bricht immer wieder mit der Idylle, wie im Gedicht „Auffahrt“, als plötzlich die Motoren heulen.

Trauer, Liebe, Sehnsucht

Dann gibt es da diese traumverlorenen, aus der Zeit fallenden Schönen wie „Wolke und Murmeln“, die auf eine subtile Art, wie fast anno 1827 Trauer, Liebe und Sehnsucht transportieren.

Franz Schubert  hätte dieses Gedicht sicher gerne vertont.  Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen, sagte Paul Celan. Jochen Kelter kann beides. Das ist gute Wortmusik aus dem Thurgau.

 

Das Buch

Fremd bin ich eingezogen

Gedichte

112 Seiten

August 2020

Reihe: Caracol Lyrik, Band 1

978-3-907296-02-8

 

 

 

Hinweis: Jochen Kelter schreibt als Autor auch für thurgaukultur.ch Alle seine bei uns erschienen Beiträge findet ihr hier.

 

 


 

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