von Inka Grabowsky, 09.12.2021

Literatur im Ping-Pong-Verfahren

Literatur im Ping-Pong-Verfahren
Diese Romaneske ist quicklebendig: Das Buch «Mit erhobenem Paddel» von Irène Bourquin und Ruth Erat ist im August 2020 erschienen | © Inka Grabowsky

Ein bisschen Liebesgeschchte, ein bisschen Satire und ein bisschen Öko-Thriller ist. „Mit erhobenem Paddel“ von Iréne Bourquin und Ruth Erat ist genau das Richtige für ein wenig Eskapismus in einer Pandemie. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Anfänglich fühlt man sich an Dietrich Schwanitz‘ „Der Campus“ aus dem Jahr 1995 erinnert: Am Institut für Meeresforschung in einer Schweizer Grossstadt prallen unterschiedliche Typen von Wissenschaftlern aufeinander: die ältere Professorin, die den Platz nicht räumen mag, der junge gutaussehende Smartie und Frauenheld – und natürlich seine unterschiedlichen Freundinnen, die jeweils für andere Ziele brennen. Und dann gibt es noch einen Aussteiger, der eine Paddeltour während einer wissenschaftlichen Exkursion aus dem Ruder laufen lässt. Das gibt Stoff für viele satirisch gefärbte Portraits.

Genau mit dem Gedanken hatten Irène Bourquin und Ruth Erat ihre Arbeit begonnen. „Den Anstoss zu diesem Buch gab im Februar 2019 ein spielerischer Mailwechsel von uns Autorinnen“, erinnert sich Irène Bourquin. „Wir kamen ins Blödeln und merkten plötzlich, dass sich da eine Geschichte entwickeln könnte.“ Bourquin schrieb ein erstes Kapitel und mailte es Erat. Die antwortete postwendend mit dem zweiten Kapitel. „Das ging es in raschem Tempo weiter“, so Bourquin. „Die eine oder die andere fügte eine neue Figur hinzu, gab der Geschichte eine unerwartete Wendung.“ 

Fundiert drauflos fabuliert

Den Plot für „Mit erhobenem Paddel“ hätten sie bewusst nicht abgesprochen, so Bourquin weiter. „Das Weiterschreiben hatte etwas von Ping-Pong. Keine von uns konnte wissen, in welche Ecke der nächste Ball fliegen würde. Das hat mich auch deshalb gereizt, weil ich sehr gerne echtes Tischtennis spiele. Meist habe ich sofort ‚den Ball zurückgeschrieben‘.“ Immerhin über das Ziel hatten sie sich vorab geeinigt: Sie wollten ökologische Themen in eine unterhaltsame Story verpacken.

Das bedeutete im konkreten Fall, dass sie sich mit aktuellen naturwissenschaftlichen Fragestellungen auseinandersetzen mussten. „Ich habe mich in die Tiefseeforschung gestürzt“, erzählt Erat. „Dann kamen auch ausserhalb des eigentlichen Textes Irènes Fragen zur Meeresbiologie. Das forderte heraus, verlangte neben steter Recherche auch die Arbeit an verständlichen Erklärungen, die auf selbstverständliche Weise Teil des Textes werden mussten.“

«Das Weiterschreiben hatte etwas von Ping-Pong. Keine von uns konnte wissen, in welche Ecke der nächste Ball fliegen würde.»

Irène Bourquin, Autorin und Verlegerin

Während des Schreibens haben die beiden Autorinnen die einzelnen Kapitel als „Kajaks“ bezeichnet, die gebaut werden, noch geschliffen werden müssen, und die unterwegs sind zum Gegenüber. Ruth Erat, die neben dem schriftstellerischen auch ein Standbein als bildende Künstlerin hat, hat für die Kapitelanfänge kleine Kajaks gezeichnet, die je nach Urheberin von links oder von rechts kommen. Am Sprachstil merkt man nicht unbedingt, wer gerade dran ist.  Die Frauen haben ihre Texte gegenseitig offenkundig sorgfältig lektoriert. 

Lernen kann Spass machen

Der Roman mag ja vielleicht tot sein, wenn man nach Roland Barthes oder Tom Wolfe geht, aber die Romaneske ist quicklebendig. Ruth Erat und Irène Bourquin haben ihr gemeinsames Schreibprojekt als Satire-Spass begonnen und sind immer weiter in Richtung des Romans mit ernstem Hintergrund hineingeraten.

Wer der tristen Nachrichten-Wirklichkeit für ein oder zwei Stündchen entkommen möchte, dem sei „Mit erhobenen Paddel“ empfohlen. Da man nebenbei auch noch viel über Meeresbiologie und Ökologie lernt, kann man sogar das schlechte Gewissen des Bildungsbürgers besänftigen, das immer etwas Sinnvolles verlangt.

«Die Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie ist uns durch die Arbeit zu einem Anliegen geworden, das uns weiter beschäftigt.“

Ruth Erat, Autorin (Bild: zVg)

Ein amüsantes Spiel, nennt es Erat im Rückblick. Die der Geschichte zugrundeliegende Frage nach der Verantwortung von Forschung und der Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie aber hat nichts Verspieltes. „Es ist uns durch die Arbeit zu einem Anliegen geworden, das uns weiter beschäftigt“, sagt Ruth Erat „Irène schickt mir beispielsweise ab und zu einen Zeitungsartikel oder einen Link. Und ich selbst hänge in der einen oder anderen Form der alternden Meeresbiologin in dieser Geschichte nach.“

 

Der Roman

„Mit erhobenem Paddel“,

Eine Romaneske von Irène Bourquin und Ruth Erat, erschienen bei Caracol, 20 Franken

 

 

Unter https://caracol-verlag.ch/books/mit-erhobenem-paddel/  lässt sich eine Leseprobe herunterladen.

 

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