von Brigitta Hochuli, 20.11.2013
Silver surfer 60+ gesucht!

Die 29-jährige Stephanie Eberle, Germanistikstudentin und Lehrerin, braucht ältere Probanden für ihre Abschlussarbeit. Sie erforscht deren Kommunikation in Sozialen Netzwerken. Das Ergebnis will sie in den Sprachunterricht für ihre 14- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schüler einbauen.
Brigitta Hochuli
Auch die Redaktorin von thurgaukultur.ch gehört zu Stephanie Eberles Probanden. Den Kontakt hat Thomas Merz, Medienprofessor und Prorektor der Pädagogischen Hochschule Thurgau, auf der Social Media-Plattform Twitter hergestellt. Der ehemalige CVP-Kantonsrat kennt Stephanie Eberle aus dem real life; die junge Studentin lebt zwar mit ihrem Ehemann in Wängi, ist aber die Schwiegertochter des wie Merz in Weinfelden wohnenden SVP-Ständerats Roland Eberle.
Wie schreiben Ältere im Netz?
Doch nicht um Politik, sondern um Sprache und Kultur geht es im Forschungsprojekt der Germanistikstudentin, das sie noch nach altem System als Lizenziatsarbeit der Universität Zürich abliefern wird. Der Titel der Arbeit: "Wie schreiben silver surfer ins sozialen Netzwerken: Online-Sprachgebrauch der älteren Generation."
Auf dieses Thema gekommen sei sie während ihrer Unterrichtstätigkeit an der SBW Secundaria Frauenfeld, erklärt Stephanie Eberle, die auch fürs Höhere Lehramt studiert. Die SBW sei eine der wenigen sogenannten i-Pad-Schulen der Schweiz. Unterrichtsmaterialien gebe es praktisch ausschliesslich online, auch wenn sie persönlich „haptische“ Lese- und Vermittlungserlebnisse nach wie vor schätze und pflege.
60-Jährige gar nicht so anders
Zurzeit behandelt Stephanie Eberle mit ihren Schülern Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“. Man spürt die Begeisterung der Lehrerin, die der Literatur auch im Studium den Vorzug vor der Linguistik gibt. „Ich lese unheimlich gern!“ Dass sie einen linguistischen Untersuchungsgegenstand für ihre Lizenziatsarbeit gewählt habe, hänge deshalb damit zusammen, dass sie die grosse schriftlichen Teil der Prüfungen in Literatur absolvieren wolle.
Neben Autoren wie Dürrenmatt ist an der SBW auch die Sprachveränderung ein Thema. Dabei gehe es naturgemäss vorallem um Jugendsprache im Internet, sagt Stephanie Eberle. Ihr Ziel sei es nun aufzuzeigen, dass sich das online-Sprachverhalten von Menschen, die älter als 60 Jahre alt seien, gar nicht so sehr von jenem der jungen Generation unterscheide. Dazu will sie spezielle und neuartige Unterrichtseinheiten für die Oberstufe aufbauen. Bei den Jugendlichen seien soziale Netzwerke omnipräsent, deshalb wolle sie „ein tieferes Bewusstsein über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Sprache des Alters zur Jugendsprache“ schaffen.
Inhalt Nebensache
Letztlich ist Stephanie Eberles Vorhaben auch ein verständnisförderndes kulturelles Generationenprojekt, und dazu braucht sie die Hilfe der 60+- oder silver surfer im Netz. Egal, ob auf Facebook, Twitter, Linkedin oder google+, gefragt sind ältere Nutzerinnen und Nutzer aller sozialen Medien.
Entschliesst sich ein solcher Nutzer zum Mitmachen, füllt er zunächst einen Fragebogen zu seinen Kommunikations-, Lese-, Schreib- und Netz-Vorlieben aus. Danach untersucht Stephanie Eberle seine Statusmeldungen, Tweets, Kommentare oder auch Chats. Wichtig ist ihr dabei nicht der Inhalt, sondern „die Art und Weise, wie geschrieben wird“. Die Probanden brauchen also keine Angst vor Verletzung der Intimsphäre zu haben - sie interessiert die Forscherin nicht. Untersucht werde vielmehr, wie Sätze aufgebaut, ob Schreibfehler gemacht oder ob Dialekt und Englisch verwendet werde, sagt sie mit Nachdruck.
Ist der Kontakt mit Stephanie Eberle einmal hergestellt, brauchen die Probanden nichts weiter, als der fröhlichen, weltoffenen und hübschen jungen Frau auf Twitter zu folgen oder sich mit ihr auf Facebook zu befreunden - sie hofft auf 50 Studienteilnehmer!

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