von Barbara Camenzind, 02.05.2022

Sinnliche Klanggewebe in feinem Stoff

Sinnliche Klanggewebe in feinem Stoff
Ergänzten sich perfekt bei Nœise 2: Naomi Schwarz und Christoph Luchsinger. | © Barbara Camenzind

Neue Musik trifft Mode: Die zweite Ausgabe von Christoph Luchsingers Klangreihe Noeise spielte in einer Boutique in Weinfelden. Und brachte die Zuhörer:innen zum Lachen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Mission „Neue Musik raus aus dem Elfenbeinturm Teil 2“ gestartet. Nach der feinsinnig-intellektuellen klanglichen Unterwanderung der Regionalbibliothek Weinfelden zusammen mit dem Künstlerkollektiv blablabor verschiebt sich NŒISE zur Bewegung, zur Körperlichkeit. Musikalisch formuliert wäre das eine Rückung mit anderen Vorzeichen.

Aber erst wurden einmal die T-Shirts gewechselt. Die von Tänzerin Naomi Schwarz und Christoph Luchsinger adaptierte stille Version von Jérôme Bels Shirtology passte punktgenau zum Aufführungsort. Und sorgte schon zu Beginn für einige Erheiterung unter dem zahlreich erschienen Publikum, das sich zwischen die Kleiderstangen und Auslagen drängte.

T-Shirt-Tausch auf offener Bühne

Die Botschaften auf den T-Shirts inspirierten den Trompeter zu Fragmenten von Nationalhymnen, Eishockeyschlachtrufen und dann wieder zur Stille. Die wohltuend den ganzen Abend einen wichtigen Klangbeitrag leistete.

„Hütchenspiel“, die Komposition des jungen Südtirolers Manuel Zwerger forderte der Trompete und dem Geschick der Tänzerin einiges ab. Das Instrument war durch Schläuche mit Verkehrshüten verbunden, im Aussenbereich mit einer weiteren Trompete und den Schaufenstern der Boutique. Naomi musste punktgenau die Hüte aufstellen, verschieben und umlegen.

 

Auch von draussen gab es interessierte Blicke. Bild: Barbara Camenzind.

Verdutzte Blicke von Passant:innen

Wie es bei dem vermaledeiten Hütchenspiel so ist, wusste man nie genau, wo und wann die Klänge ertönten. Was zu verdutzten Blicken der Passant:innen führte, wenn Zwergers melismatische Vierteltöne sie plötzlich auf dem Trottoir überfielen.

Das Werk kam ohne grosse klangliche Bewegung aus - umso faszinierender war der „Surround-Effekt“ und die Achtsamkeit, in die man als Zuhörende geführt wurde. Dann wieder Stille, zwei Stühle auf dem Trottoir und Jessie Marinos Bewegungsdrämchen „A  Piece for a middle Airplane Seat“ eroberte sich die Aufmerksamkeit. Der Körper ist auch ein Instrument. Kompliment an Trompeter Luchsinger, sich auf so etwas einzulassen.

Video: So klingt Neue Musik bei Noeise

Zwirn und Gruppendynamik

Das Highlight von NŒISE 2 war die Komposition „Zwirn“ von Lara Stanic. Naomi Schwarz, in einem faszinierenden Kostüm von Ida Gut, das ausschaute, wie die futuristische Weiterentwicklung eines Derwisch-Kostüms, wurde mit einem Sensorhandschuh und Mikrophonen ausgestattet, die mit Stanics Computer verbunden waren.

Die vielschichtigen Klanggeflechte zwischen Trompete und Tänzerin, die mit Handbewegungen die Tonhöhe verändern konnte, waren einfach atemberaubend schön. Naomi wirkte wie eine grosse Magierin, die den Zauber ihrer Körperlichkeit mit dem Zauber der Musik verwob.

 

Atemberaubend schön: Tänzerin Naomi Klein, Trompeter Christoph Luchsinger performen gemeinsam eine Komposition von Lara Stanic. Bild: Barbara Camenzind

Nie beliebig und lyrisch im Flow

Lara Stanics Stück „Zwirn“ ist allerfeinste zeitgenössische Kompositionskunst. In Sachen Neue Musik mit Elektronik etwas vom Besten, was man in der Ostschweiz die letzten Jahre erleben konnte. Präzise verwoben, nie beliebig und lyrisch im Flow.

Wie jede Primarlehrerin weiss: Spielanleitungen für Gruppen sind tückisch. Der Komponist Duri Collenberg gestaltete ein interaktives Werk mit dem bedeutsamen Namen „Gruppenzwangzwang“, für das er eigens gelbe Karten mit pädagogischen Anweisungen nach Weinfelden schickte. Nur, für wen waren die?

Lachen hilft immer

Das Publikum sollte ja auch mitmachen. Die Karten wurden auf einen Bildschirm übertragen und die Gäste übernahmen flugs die Anweisungen, die eigentlich für einen Musiker im Ensemble gedacht waren. Das war nicht ganz der Sinn der Sache, aber diese lustige Missinterpretation zeigt doch, das NŒISEs Ziel, Zeitgenössische Musik interaktiv erfahrbar zu machen, erreicht worden ist. Das Gelächter war gross - dann konnte die Performance aber spielregelkonform ablaufen.

Hatte das Ensemble die Anweisungen erfüllt, konnte die Zuhörenden am Computer die nächste Sequenz auffordern. In diesem so vielschichtig konzipierten Werk war der Fokus etwas wenig auf dem Hörerlebnis, was ein klein wenig schade war, denn es war gut.

 

Konzert an einem ungewöhnlichen Ort: In der zweiten Ausgabe bespielte Noeise eine Modeboutique. Am Computer die Komponistin Lara Stanic. Bild: Barbara Camenz

Teilhabe an einer künstlerischen Entwicklung

Ob gewollt oder ungewollt - wer NŒISE besucht, erlebt einen Prozess, kein Fertigprodukt. Es war deutlich zu spüren, wie Christoph Luchsinger über seine Erfahrungen aus der ersten Produktion nachgedacht hat und uns beim Nachdenken mitnimmt. Und herrjeh, Neue Musik ist nicht weniger  ernsthafte Kunst, wenn bei ihr mal gekichert werden darf. Danke.

Die Performance hatte eine plastischere Gestalt, als in dem offenen Format in der Bibliothek. Sie war weniger künstlerische Unterwanderung des Alltags, da der Anlass in der Boutique nach Geschäftsschluss stattfand. Dafür wurde der Raum mit seinen Farben und Stoffen sehr gründlich bespielt.

Ein grosses Lob gilt der Tänzerin Naomi Schwarz, die sich auf diese ganz spezielle Musik als Bewegende und Mitmusizierende einliess - und ihre Präsenz und Körperklaviatur in grosser Demut der Zeitgenössischen Musik zur Verfügung stellte. Es bleibt spannend bei NŒISE, der dritte Streich folgt im Juni.

 

Was ist das Neue an Neuer Musik?

In einem multimedialen Interview antwortet NOEISE-Initiator Christoph Luchsinger auf dieses und viele weitere Fragen. Das Gespräch gibt es hier zum nachlesen und nachhören.

 

Die nächste Aufführung des Programms findet am Mittwoch, 4. Mai, in Frauenfeld, statt. Alle Infos dazu gibt es hier.

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