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von Inka Grabowsky, 24.04.2024

Musikalische Horizonterweiterung

Musikalische Horizonterweiterung
Das Orchester Divertimento setzt sich aus Profis und Amateuren aus dem Raum Konstanz und Kreuzlingen zusammen. | © Inka Grabowsky

Das grenzüberschreitenden Orchester Divertimento widmet sich bei seinen Frühjahrs-Konzerten in Kreuzlingen und Konstanz bewusst aussereuropäischen Werken. «Sound of Color» rückt Komponistinnen und Komponisten in den Fokus, die zum Teil schwer zu kämpfen hatten, bis sie gehört wurden. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Lili’uokalani gehört nicht unbedingt zu den weltbekannten Stars der Musikszene, und trotzdem hat sie Musikgeschichte geschrieben. Als letzte Königin von Hawaii komponierte sie Lieder für ihr Volk, unter anderem eines, das fast jeder kennt: «Aloha oe» stammt von ihr. 

Solche Geschichten wollen die Musiker und Musikerinnen des Orchesters Divertimento bei ihren Frühjahrskonzerten am 27. und 28. April erzählen. «Sound of Color» haben sie ihr Programm überschrieben. «Wir lehnen uns an den Begriff ‹people of color› an», sagt die Präsidentin des Orchesters, Eva Hofacker, «aber einen spezifischen ‹Sound of Color› gibt es eigentlich nicht. Florence Price beispielsweise, deren Andante Moderato und Juba Dance wir aufgenommen haben, schreibt spätromanische Musik - nicht so anders als bekanntere Komponisten ihrer Zeit.» 

Entdeckung neuer Komponist:innen

Price, die von 1887 bis 1953 in den USA lebte, hatte als erste schwarze Komponistin Erfolge im Feld klassischer Musik. «Sie hatte einen schweren Weg, weil sie schwarz und weiblich war», so Hofacker. «Aber sie hat es geschafft.» In den dreissiger Jahren gewann sie Preise, ihre Werke wurden von namhaften Orchestern gespielt. 

«Dann geriet sie in Vergessenheit und kommt erst jetzt langsam wieder auf die grossen Bühnen zurück», ergänzt Dirigent Oleksandr Chugai. «Wir sind Teil der musikalischen und sozialen Mission, sie wieder sichtbar zu machen. Und es gibt noch mehr Komponisten und Komponistinnen, die in Europa nicht angemessen geschätzt werden, weil sie nicht die richtige Hautfarbe haben.»  

 

Der Dirigent Aleksandr Chugai möchten seinen Musikern und den Zuhörern Neues bieten. Bild: Inka Grabowsky

Aufwändiger Auswahlprozess

Chugai hatte die Idee für das Themenkonzert. «Ich möchte jedes Mal meinen Profi- und Amateur-Musikern die Chance geben, aus der Routine auszubrechen, und gleichzeitig wollen wir als Orchester natürlich auch dem Publikum etwas Besonderes bieten.» Die Zuhörer sollen bei den Konzerten etwas mitnehmen, soviel pädagogische Motivation muss sein – in diesem Fall eben die Erkenntnis, dass es auch jenseits des üblichen Musikkanons, der von weissen männlichen Künstlern geprägt ist, viel Hörenswertes gibt. 

Die Auswahl der präsentierten Stücke sei der vierköpfigen Musikkommission keinesfalls leichtgefallen. Sieben Komponisten und Komponistinnen stehen auf dem Programm. «Wir haben aber viermal so viele näher angeschaut», so Chugai. «Wir haben viele Werke evaluiert und präsentieren nun innerhalb einer Stunde einen Extrakt aus unserer Recherche.» Bei der Programm-Zusammenstellung ging es auch um praktische Fragen: Sind Noten für Streichorchester erhältlich? Passt der Schwierigkeitsgrad? «Und schliesslich schauen wir, ob wir uns punktuell mit anderen Musikern ergänzen müssen», so Eva Hofacker.  

 

Neue Perspektiven eröffneten sich auch für die Orchester-Präsidentin und Violinistin Eva Hofacker. Bild: Inka Grabowsky

Schlagzeug muss diesmal sein

Da das Orchester Divertimento dieses Mal die imaginären Grenzen des klassischen Streichorchesters überschreitet, braucht es zusätzlichen einen Perkussionisten. Der Kantischüler Felix Hofacker hat sich zur Verfügung gestellt. Die Konzerte beginnen mit «Mai Nozipo» vom Simbabwer Dumisani Maraire (1943 – 99). Afrikanische Rhythmen sind in dem Werk omnipräsent. 

William Grant Still (1895 – 1978) beruft sich in «Cumbia y Congo» auf panamaische Volkstänze in einer expressiven afrikanisch-lateinamerikanischen Mischung. Arthur Barbosas «Choreando» steht in der südamerikanischen Musiktradition und nimmt dementsprechend den dortigen Schwung und Stil auf. «Alle sind gefragt, die Rhythmen mitzutragen», erklärt Oleksandr Chugai. 

Phantasievoll bis berührend

«Die Musiker werden klatschen, mit den Füssen stampfen oder auf den Klangkörper der Violinen klopfen.» Langweilig werden die Konzerte Ende April also bestimmt nicht, sondern eher phantasievoll bei Yukiko Nishimura, deren ‹String of Dolphins› Chugai an den Soundtrack zu einem Anime-Zeichentrickfilm erinnert, oder berührend wie im Stück ‹Testimony›, das Charlton Singleton 2019 für das Kronos Quartett geschrieben hat. «Es ist wie ein gesungenes Spiritual – nur eben für Streichorchester.»  

 

Das Orchester Divertimento setzt sich aus Profis und Amateuren aus dem Raum Konstanz und Kreuzlingen zusammen.

 

Die Konzerttermine

«Sound of Color» vom Orchester Divertimento

 

27. April 2024: Aula der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen, 19 Uhr  

28. April 2024: Lutherkirche Konstanz, 17 Uhr  

 

Der Eintritt ist frei, um Spenden für die Kollekte wird gebeten. 

 

 

 

 

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