von Michael Lünstroth, 09.09.2019

Späte Erweckung

Späte Erweckung
Gedichtete Werke machen es dem Leser oft nicht leicht. Warum man sich dennoch die Zeit nehmen sollte, erklärt Michael Lünstroth in seiner Kolumne "Die Dinge der Woche" | © Anja Arning

Freitag starten die 15. Frauenfelder Lyriktage. Das lässt unseren Kolumnisten Michael Lünstroth an seine ersten Berührungen mit Gedichten denken. Sie waren, nun ja, nicht ganz einfach.

Hätten Sie mich vor, sagen wir 30 Jahren gefragt, was die sinnloseste Erfindung der Menschheit ist, hätte ich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit „Gedichte“ geantwortet. Diese seltsame Welt mit ihren merkwürdigen Worten und der verrätselten Sprache wollte sich mir lange nicht eröffnen. Das lag sicher auch daran, dass zu jener Zeit Beschäftigung mit Lyrik vor allem darin bestand, Verse auswendig lernen zu müssen. Welchem 12-Jährigen macht das schon Spass? Eben.

Und so brauchte es eine sehr engagierte Deutsch-Lehrerin, die mir Jahre später, den Zauber der Dichterei doch noch näher brachte. Es gelang ihr übrigens mit zwei sehr verschiedenen Werken: Heinrich Heines heiterem „Deutschland. Ein Wintermärchen“ und Kurt Pinthus düsterem Gedichtband „Menschheitsdämmerung“. Es inspirierte mich sogar dazu, eigene Verse zu schreiben, über die wir heute aber aus guten Gründen lieber den Mantel des Schweigens legen. Trotzdem ist mir die Lyrik seither sehr ans Herz gewachsen. Weil sie sich einem selten an den Hals wirft. Sie ist eher scheu und zurückhaltend, manchmal sogar ziemlich abweisend. Am Ende ist es wie in der Liebe: Die Menschen, die einem nicht immer alles sofort recht machen, sind die wertvollsten.  Man muss um sie werben, sich Zeit für sie nehmen. Zeit dafür Texte zwei, drei, viermal zu lesen, um ihre Kraft zu erkennen. Das ist manchmal mühsam, aber immer lohnend. 

Gedichte sind wie Menschen: Die die einem widersprechen, sind die Besten

Ausprobieren lässt sich das in den nächsten Tagen wieder bei den Frauenfelder Lyriktagen. Das Festival findet zum 15. Mal statt und versucht auch in diesem Jahr wieder eine Antwort darauf zu geben, wozu es Lyrik im 21. Jahrhundert noch braucht. Gegründet wurden die Lyriktage übrigens 1991 von Beat Brechbühl, Jochen Kelter und Elke Bergmann. „Wir wollten die besten Lyrikerinnen und Lyriker aus dem deutschen Sprachgebiet präsentieren und dazu jeweils einen bekannten internationalen Gast aus dem fernen Osten und aus Amerika einladen“, beschreibt Brechbühl den Vorsatz seiner Lyriktage. Wie die ersten Jahre liefen, wie sich das Festival entwickelte und warum sie die Leitung irgendwann abgegeben haben, darüber haben wir mit Beat Brechbühl und Jochen Kelter gesprochen. Den Artikel dazu samt Vorschau auf das aktuelle Programm finden Sie hier.

Und wenn Sie selbst mal Lust haben, ein Gedicht zu schreiben: Tun Sie es einfach. Es kann befreiend sein. Sie müssen es danach ja auch niemandem zeigen. 

 

 

 

 

HTML Comment Box is loading comments...

Weitere Beiträge von Michael Lünstroth

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kolumne

Kommt vor in diesen Interessen

  • Die Dinge der Woche
  • Lyrik

Werbung

Ähnliche Beiträge

Kolumne

Zwei Ausstellungen, zwei Welten

Wie macht man heute eigentlich gute Ausstellungen? Zwei Beispiele aus Konstanz zeigen, was moderne von gestrigen Ausstellungen unterscheidet. Und warum Interaktion für das Verständnis so wichtig ist. mehr

Kolumne

Die im Dunkeln sieht man nicht

Sie brauchen kein Rampenlicht und sind dennoch unverzichtbar: Ohne ehrenamtliche Helfer stünden viele Veranstaltungen vor dem Aus, das soziale Leben käme zum Stillstand. Zeit für eine Lobeshymne. mehr

Kolumne

Ein anderes Feuerwerk

Konstanz will künftig auf das bei Touristen beliebte Seenachtfest verzichten. In diesem Aus liegt aber auch eine grosse Chance: Für ein neues, gemeinsames Festival für Konstanzer und Kreuzlinger. mehr