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18.05.2021

Sparbüchse nach alt-römischer Art

Sparbüchse nach alt-römischer Art
Blick in den Krug: So zeigten sich die Münzen kurz vor der vollständigen Freilegung. | © Amt für Archäologie Thurgau

Im Mai 2020 wurde bei einer archäologischen Grabung in Eschenz ein nahezu intakter Tonkrug gefunden. Der Inhalt überraschte die Forscher. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Vor einem Jahr kam bei einer Grabung im Areal des «Vicus» von Tasgetium in Untereschenz ein intaktes Tonkrüglein von etwa 20 Zentimetern Höhe zum Vorschein. „Wie in Eschenz üblich legte das Amt für Archäologie vor einem Neubau die römischen Schichten frei, dokumentierte den Befund und barg die Funde“, heisst es in einer Medienmitteilung der Archäologen.

Die Grabungen wurden demnach mit einer kleinen Nachgrabung im Februar 2021 endgültig abgeschlossen. „Nach den bisherigen Erkenntnissen lagen hier in römischer Zeit wohl Gewerbebauten oder Hinterhöfe. Dies belegen zahlreiche Scherben von grossen Amphoren, Transportgefässen für Öl, Wein und andere Produkte“, schreiben die Forscher.

Das Grabungszelt in Eschenz: Ausgrabungen sind oft aufwendige Feinarbeit. Bild: Amt für Archäologie Thurgau

Im Kantonsspital geröntgt

Der kleine Krug fiel laut Medienmitteilung durch seinen guten Zustand auf und wurde ganz nach Frauenfeld gebracht, zudem reagierte der Metalldetektor auf ihn. So wurde entschieden, den Krug unbeschädigt zu lassen und zu röntgen.

Im Kantonsspital Frauenfeld gab es so weitere Hinweise, dass sich nicht nur Erde im Krug befand. Restauratorin Linda Leuenberger konnte danach durch die dünne Öffnung mit einer Ausgrabung im Krug beginnen. Die Freude war gross, als im Gefäss tatsächlich sieben römische Denare lagen.

Das im Frauenfelder Spital aufgenommene Röntgenbild lässt die Münzen als runde Schatten erkennen. Bild: Amt für Archäologie Thurgau

Münzen im Wert eines Wochenlohns

Unterdessen konnten die um drei Gramm wiegenden Silbermünzen genauer bestimmt werden: Sie stammen von den Kaisern Antoninus Pius, Marc Aurel, Commodus und Septimius Severus und wurden zwischen 139 n.Chr. und nach 200 n.Chr. geprägt. Wer den Film «Gladiator» gesehen hat, kann sich die Zeitepoche vorstellen. Die sieben Denare entsprechen etwa dem Wochenlohn eines damaligen Soldaten.

Gefässe mit Münzinhalt sind als Funde aus römischer Zeit nicht selten. Dabei handelt es sich nicht nur um eilig vor möglichen Dieben verstecktes Geld, sondern auch um eigentliche Sparbüchsen oder eiserne Reserven.

Die Tatsache, dass bei den wenigen und kaum abgenutzten Exemplaren so viele Kaiser vertreten sind, zeigt, dass man offenbar «gute» Münzen zur Seite gelegt hatte – ein typisches Phänomen, das bei Edelmetallprägungen immer und überall beobachtet werden kann.

Wegen der kleinen Öffnung des Tonkrugs waren beim Herausnehmen der Erde Geduld und eine ruhige Hand gefragt. Bild: Amt für Archäologie Thurgau

Münzen als Propagandamittel der Kaiser

Die einzelnen Münzen sind gut erhalten. Die Porträts der Kaiser auf den Vorderseiten zeigen bärtige Männer im besten Alter. Die Motive und Inschriften auf den Rückseiten zeigen kaiserliche Propaganda. So wird an die «Securitas« (Sicherheit), «Pax» (Frieden) sowie auch die hervorragende Planungssicherheit des Kaisers («Providentia») erinnert.

Was der Fund für die Archäologen nun bedeutet? „Der kleine Krug aus Eschenz und sein Inhalt sind eine Zeitkapsel, die für die römische Zeit typisch ist. In diesem Fall nicht als spektakulärer Schatz mit hohem materiellen Wert, sondern als Hinweis auf Menschen und ihren Umgang mit Geld – etwas das uns auch heute durchaus beschäftigt“, erklärt das Amt für Archäologie in seiner Mitteilung.

Drei der sieben Silbermünzen zeigen den römischen Kaiser Septimius Severus, der in den Jahren 193 bis 211 herrschte. Bild: Amt für Archäologie Thurgau

 

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