von Michael Mente, 18.11.2022

Spaziergänge in Weinfeldens Vergangenheit

Spaziergänge in Weinfeldens Vergangenheit
Gruppenfoto: Carla Aubry (Moderation), Franz Xaver Isenring (Bürgerarchiv), Masha Petrushina (Künstlerin) Hans Jakob Keller (Idee, Konzept und Erzählung) | © Michael Mente

Das Buch «Striche, Schritte, Jahre» verbindet Kunst, Literatur und Lokalgeschichte. Die Mischung kommt beim Publikum offenbar gut an. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Verena Stämpfli, die Präsidentin der Volkshochschule Mittelthurgau, zeigte sich in ihrer kurzen Laudatio überwältigt, welches Echo die Veranstaltung in der Bevölkerung ausgelöst hatte. Gut 200 Leute kamen am Freitagabend ins Weinfelder Rathaus.

Es war ein Abend zum Schwelgen und Eintauchen in vergangene, aber dennoch irgendwie präsente Lebenswelten, Blicke hinter Scheunentore und Anekdoten aus der Geschichte. Der Saal, der sich zu den Klängen des «Weinfelder-Liedes» schnell füllte, gab einen passenden Rahmen für die Buchvernissage, die als Gespräch mit der am Werk beteiligten Künstlerin Masha Petrushina sowie den Weinfelder Autoren Hans Jakob Keller und Franz Isenring angekündigt war.

100 Tusche-Zeichnungen

Im Zentrum der Veranstaltung stand das Buch: «Striche, Schritte, Jahre». Ein Dreiklang, der auf den Inhalt und seine Besonderheiten verweist: Es ist zum einen ein Kunstbuch, das um die 100 Tusche-Zeichnungen der weissrussisch-schweizerischen Künstlerin Masha Petrushina von Gebäuden, Details, Landschaften, Gerätschaften, Personen enthält.

Zum anderen ist es eine sehr persönliche Reise, indem es von der Erzählung des Enkels belebt wird, der mit seinem Grossvater das Dorf und seine Umgebung entdeckt und dabei in die Geschichte vergangener Lebenswelten eintaucht.

Das ist das autobiografische, wenn auch fiktive Element, das dem Buch den roten Faden gibt: Hans Jakob Keller, aufgewachsen im Kanton Zürich, besuchte als Kind seine Weinfelder Grosseltern. Ein pensionierter Pilot, der unterdessen hier wohnhaft ist, aber die Welt bereist hat, nutzt die Zeit des Lockdowns, um seine Wurzeln zu entdecken; allein das weckt bei den Zuhörenden Emotionen.

 

Umrahmten den Abend musikalisch: Musiktrio: Monika Toppius, Marianne Ehrbar und Markus Lang. Bild: Michael Mente

QR-Codes erweitern die Inhalte

In Franz Isenring, dem ehemaligen Lehrer und Archivar der Bürgergemeinde und bekannt für seine lebendigen und wissensreichen Dorfführungen, hat Keller einen Partner gefunden, der die Erzählung mit lokaler Geschichte zu untermalen verstand. Gemeinsam begaben sie sich auf Spurensuche vergangener Lebenswelten.

Das dritte Element weist über das Buch hinaus, indem über QR-Codes Filme, weitere Materialien und Bilder den Inhalt ergänzen. Dafür wurden ausschliesslich Materialien aus dem Bürgerarchiv digitalisiert. Das Buch ist damit eine gute Möglichkeit, das Archiv und seine Schätze breiter bekannt und zugänglich zu machen, die Neugier auf eigene und weitere Entdeckungen zu wecken.

Darauf weist auch die Moderatorin des Abends, Carla Aubry, hin. Wie vielen anderen, die täglich an unseren Denkmälern und Schätzen im täglichen Strudel vorbeimarschieren, seien auch ihr viele Dinge nicht bekannt, bewusst oder aufgefallen.

Neugier auf weitere Entdeckungen

Für solches ist der Blick von aussen oft hilfreich. Die im Emmental lebende Künstlerin Masha Petrushina versinkt konzentriert in das Foto, das sich in ihrem Geist entwickelt, zeichnet still und präzise, ob stundenlang im Stehen, auf dem Baugerüst in der Kirche oder in einem Torggel. «Ich finde nicht Sujets, sie finden mich», sinniert die ursprünglich aus Minsk stammende Künstlerin.

Gut 110 und mehr Male, wie Keller sagt, reiste sie nach Weinfelden, um vor schönen Sujets zu verweilen. Strich für Strich entstanden in zwei Jahren Kunstwerke, die das Buch illustrieren und an der Vernissage auch feilgeboten wurden.

Eine Entdeckungsreise

So war die musikalisch von einem Streicher-Trio untermalte Gesprächs-Vernissage, auch eine Ausstellung. Und mit einer Ausstellung habe damals alles angefangen: Keller besuchte im Emmental eine solche der Künstlerin und war sofort von ihren Werken beziehungsweise ihrer Arbeitsweise angetan. Die Idee für ein Buch über seine eigene Entdeckungsreise, die an gezeichneten Stationen vorbeikommen sollte, reifte.

Anfänglich habe man die Zeichnungen mit Geschichten aus der Weinfelder Chronik von Jacob Ulrich Keller (1808–1869), mit der sich Isenring aktuell gerade intensiv beschäftigt, «illustrieren» wollen. Schliesslich hat man sich im nun vorliegenden Format getroffen. Ein konstruktives Ringen und sehr gutes Zusammenarbeiten, wie alle drei Beteiligten betonen.

 

Das Buch

Hans Jakob Keller, Masha Petrushina, Franz Xaver Isenring: Striche – Schritte – Jahre. Kunst und Geschichte vereint – eine Entdeckungsreise auf Weinfelder Pfaden. Weinfelden, Wolfau-Druck 2022.

ISBN 978-3-9524351-4-4

CHF 65.00

 

 

Das Buch ist in jeder Buchhandlung, beim Verleger «Wolfau-Druck» selbst, im Laden «Frappant» und in der Papeterie «Schäfler» erhältlich.

 

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