von Inka Grabowsky, 24.08.2026
Versailles in Märstetten

Fünf Tage lang hat der Thurgau wieder ein Opernhaus. In Märstetten erwacht die Barockbühne zum Leben – dieses Mal mit Kurzopern von Marc-Antoine Charpentier.
„Ich singe seit meiner Jugend im Chor, und am besten haben mir immer die Stücke aus dem Barock gefallen“, sagt Andreas Frefel. Dreissig Jahre im Kirchenchor in Gossau und viele Stunden Gesangsunterricht haben seine Stimme, sein Gehör und seinen Geschmack geschult. Und so verwundert es nicht, dass Frefel mit dem Ensemble Praetorius, mit vier Solist:innen, mit einem Barockorchester und mit viel Begeisterung in der Oper Märstetten drei Stücke aufführt: einen zehnminütigen Prolog, «Les Plaisirs de Versailles» und dann «Les Arts florissants».

Die beiden Kurzopern hat Marc-Antoine Charpentier als Abendunterhaltung für den Hof von Ludwig XIV. komponiert. Ihr Zweck hat Spuren hinterlassen: „Man merkt das an der Struktur. Diese Stücke mussten immer mit einer Huldigung des Herrschers enden.“ Die beiden Opern sind eigentlich eigenständig, aber sie gleichen sich thematisch. „Es treten jeweils allegorische Figuren auf – einerseits zum Beispiel die Zweitracht oder die Harmonie, andererseits die Musik oder die Konversation – und das bildet einen roten Faden.“ Die drei Teile kann man also wie Akte eines Stückes betrachten. „Wir haben einige Wiederholungen herausgestrichen, so dass wir auf neunzig Minuten Aufführungsdauer kommen, bei einer Pause, in der man sich an der Bar erfrischen oder bei einem Spaziergang im Barockgarten die Beine vertreten kann.“
Charpentier kann mehr
Das Ensemble Praetorius ist 1999 gegründet worden. „Anfänglich traten wir meist in Kirchen auf, aber 2007 übernahm Jürg Trippel die Leitung – und er hatte einen denkmalschützten Pferdestall an seinem Wohnhaus in Märstetten.“ 2013 entstand dort das einzige Opernhaus im Thurgau. „Wir haben in den Sommerferien mitgeholfen, die Säulen zu marmorieren, aber die Hauptarbeit haben Jürg Trippel und seine professionellen Handwerker gemacht“, sagt Frefel mit einem Lächeln. Von Anfang an habe man sich zum Ziel gesetzt, vergessene Werke des Barocks bekannt zu machen. Und gerade die Opern Charpentiers hätten viel zu bieten. Zu Unrecht wird er oft auf die ersten acht Takte seines «Te Deums» reduziert, weil sie zur Eurovisions-Erkennungsfanfare geworden sind.
Videoclip: Viel Platz gibt es nicht in der «Kleinen Oper», aber viel Engagement. Hier ein Blick in die Probe.
Klein, aber begehrt
Statt mit Pauken und Trompeten punktet die Oper Märstetten mit Laute und Blockflöte. Alles ist eine Nummer kleiner. „Wir sind 15 geübte Sängerinnen und Sänger auf der Bühne und bilden den Chor der Krieger, der Furien und der Freuden. Dazu gibt es die vier Solist:innen, die die allegorischen Figuren verkörpern. Und das Barockensemble unter der Leitung von Felix Schönherr, das uns begleitet, besteht aus acht professionellen Musiker:innen.“ Auch die Plätze fürs Publikum sind begrenzt. Rund achtzig Menschen passen in die «Kleine Oper». Die Aufführungen waren in der Vergangenheit häufig ausverkauft. Das ist auch gut so, denn nur durch die Eintrittsgelder kann der Verein die Kosten für die Aufführungen einspielen. „Wir haben Stiftungen, die uns unterstützen. Wir hoffen zu vermeiden das Vereinsvermögen anzugreifen, um Defizite zu decken.“
Mit passenden Gesten
Kosten entstehen unter anderem durch die Gagen für die Solist:innen Julia Hagenmüller, Eva Marti, Sören Richter und Andrey Akhmetov. „Wir bringen sie in Ferienwohnungen in der Gegend unter und versorgen sie als unsere Gäste. Einige sind schon mehrfach hier aufgetreten. Sie unterstützen unsere Idee des Opernhauses in der Landwirtschaftszone.“ Andrey Akhmetov, den das Ensemble Praetorius in diesem Jahr nicht nur wie letztes Mal als Solisten für die Basspartien, sondern auch als Regisseur engagiert hat, kann dem nur zustimmen. „Es ist ein wunderschöner Ort. Ich bin froh, dass wir das hier machen können.“ Akhmetov ist ein Experte für die barocke Gestik. „Wir haben von ihm gelernt, dass es bestimmte Handbewegungen und Haltungen gab, wenn man Wut ausdrücken wollte oder Angst“, erklärt Andreas Frefel. „Die haben wir uns nun eingeprägt und versuchen dem Publikum nicht nur durch die Worte, sondern auch durch Körpersprache zu vermitteln, welche Emotionen gerade gesungen werden.“

Kein kritikloser Fan
Bei aller Begeisterung für die Musik ist sich Andreas Frefel bewusst, dass die Barockzeit nicht für alle Menschen eine gute Zeit war. „Über soziale Themen brauchen wir nicht zu reden. Die Musik, die wir aufführen, war damals für weite Teile der Bevölkerung nicht zu hören. Und unsere Welt könnte nicht weiter entfernt sein von den Adeligen, deren – aus unserer Sicht – manierierte Gesten wir heute zeigen.“
Kleine Oper Märstetten
Diese Jahr werden in der Oper Märstetten drei Stücke aufführt: einen zehnminütigen Prolog, «Les Plaisirs de Versailles» und dann «Les Arts florissants». Weitere Informationen gibt es hier: www.oper-maerstetten.ch
Aufführungsdaten:
28. August, 20 Uhr
29. August, 15 Uhr
4. September, 20 Uhr
5. September, 15 Uhr und 20 Uhr
6. September, 17 Uhr
Tickets 60 Franken, hier geht es zum Vorverkauf.

Von Inka Grabowsky
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