von Jeremias Heppeler, 25.01.2017

Vom Blick in den Spiegel

Vom Blick in den Spiegel
Poetisches Videoexperiment „Present" der Videokünstlerin Heta Kuchka: Die Finnin spielte Demenzkranken ihre persönliche Lieblingsmusik vor und filmte ihre Reaktionen | © Jeremias Heppeler

Das Kunstmuseum Thurgau zeigt in der neuen Ausstellung "Menschenbilder" Schätze aus der Sammlung - und das ganz neu kombiniert. Unser Autor erklärt, warum sich der Besuch lohnt.

Von Jeremias Heppeler

Das erste, was ein Mensch darstellt oder darstellen will – das zeigt sowohl die Menschheitsgeschichte, aber auch jedes Kleinkind, dem man einen Buntstift in die Hand drückt – ist er selbst. Oder mindestens sein Gegenüber. Wir denken an Höhlenzeichnung oder an naive Strichmännchen, wir denken an Selfies und Selbstporträts. Und hier wird deutlich: Der Drang zur gestalterischen Analyse des eigenen Selbst wohnt jedem Einzelnen von uns inne. Auch in der Kunst markiert der Mensch als schiere Oberfläche ein nicht immer offensichtliches, aber doch allgegenwärtiges Motiv. Gesicht und Körper sind zentrale Formen, an denen sich Künstler durch die Jahrhunderte aktiv abarbeiteten, weil sie hierbei stetig sich selbst als Versuchsobjekt einem mehrschichtigen Erkenntnisprozess auslieferten. Denn Kunst muss reiben, mit Vorliebe am „Ich". Und wenn wir genauer Hinschauen ist doch irgendwie alles Mensch – und sei es nur durch die hinterlegte Präsenz des erschaffenden Künstlers.

Einblicke in die Ausstellung im Schnelldurchlauf - in 27 Sekunden

Wie komplex das Spektrum der menschlichen Selbstdarstellung in der bildenden Kunst sein kann, offenbart die überaus gelungene Ausstellung „Menschenbilder", in welcher das Kunstmuseum Thurgau innerhalb der Reihe „Konstellationen" zum nunmehr achten Mal Werke aus der hauseigenen Sammlung unter einem bestimmten Thema präsentiert. Im Angesicht der eingangs angedachten Überlegungen, nimmt es nicht Wunder, dass die Ausstellung mit Selbstdarstellungen startet. Ein ganzer Raum ist ihnen gewidmet. Besonders ins Auge sticht hier die beinahe lebensgroße Bleistiftzeichnung von Anton Bernhardsgrütter, der mit einem geköpften Huhn in der Hand, ärmellosem Hemd und schmierig gekämmten Haaren wie eine Figur aus dem Universum der Coen-Brothers anmutet. Kein göttliches Genie, kein gebrochener Melancholiker, nur schonungslos inszenierter Mensch – dezent ergänzt durch zufällig aufgeklebte Skizzenfetzen.

Einen regelrechten Sog erzeugen vor allem die stetig präsenten Gegensätze innerhalb der Darstellungsweisen, die ihren Ursprung explizit in den aufgewirbelten Epochen haben. „Menschenbilder" eröffnet mit recht klassischen und ruhigen Porträts um 1900 (namentlich Hans Brühlmanns „Mädchen mit Apfel"), dekonstruiert diesen figurativen und naturalistischen Menschenbegriff aber fortwährend im Gleichschritt mit der fortschreitenden Kunst- und Mediengeschichte. Hierzu meinte Museumleiter Markus Landert im Gespräch mit thurgaukultur.ch (das komplette Interview folgt am Ende dieses Textes): „Bei Sammlungsausstellungen geht es immer darum, an sich bekannte Werke neu erlebbar zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass eine neu gebildete Nachbarschaft von Kunstwerken oft überraschende Seherlebnissen erzeugt. Wer immer nur in kunsthistorischen Kategorien denkt, vergibt sich viele Möglichkeiten einer offenen Auseinandersetzung mit den Werken."

Einblick in die Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau. Bild: Jeremias Heppeler

Zu diesem Zweck setzt das Museum seine komplexen Räumlichkeiten beinahe als narratives Mittel ein: Die Ausstellung entspinnt sich an einem massiven Korridor der eindrucksvollen Klosteranlage, an der linken Seite gehen immer wieder Räume ab, die den Rezipienten zu kurzzeitigen Expeditionen einladen! Die Stile und Zeitebenen erfahren jedoch keine klare Trennung, sondern sind wild durchmischt, nach aufkeimenden Motiven geordnet oder bewussten Reibungsmomenten ausgesetzt. Durch die Kombination von Malerei, Skulptur, Fotografie und Medienkunst hält die Ausstellung eine durchgehende, fast elektrische Spannung.

So kollidieren beispielsweise eine fast archaische Holzskulptur von Eva Wipf, ein Selbstporträt von Ignaz Epper und Zeichnungen des Künstler Theo mit der mit dem Viperpreis ausgezeichneten Videoinstallation „Babette" (von Fränzi Madörin, Muda Mathis und Sus Zwick) – der theoretische Brückenschlag bleibt aber dem Rezipienten selbst überlassen: Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar, dass alle Werke mit den selben Diskursen hantieren und auf Begriffsebene Überschichtungen von Gewalt, Körper und Kunst aufzeigen. Überhaupt markieren Gewalt, Krise und menschlicher Zerfall einen weiteren entscheidenden Teilaspekt der „Menschenbilder": Sei es in den schonungslosen Fotografien von Barnabàs Bosshart, sei es in Marina Abramovic mehrteiligen Videoinstallation „Cleaning The Mirror", in welcher auf fünf Bildschirmen ein menschliches Skelett gewaschen wird. Beinahe zärtlich brennt sich hingegen das poetische Videoexperiment „Present" der Videokünstlerin Heta Kuchka in die Erinnerung. Die Finnin spielte Demenzkranken ihre persönliche Lieblingsmusik vor und filmte ihre Reaktionen, die nun lebensgroß und im vertikalen Format in Ittingen zu sehen sind.

Aus der Ausstellung: "Bücken" und "Stehende (Eva)" von Hans Bach. Bild: Jeremias Heppeler

Einige der eindrucksvollsten Arbeiten im Kunstmuseum verzichten auf eine direkte Darstellung des menschlichen Körpers. So materialisiert sich der Mensch in den Arbeiten von Alois Lötscher als bis ins letzte Detail beschriftetet und durchgetakteter biologischer Schaltkreis, der erst in der visuellen Kombination des fast wissenschaftlichen Wörtersturms als Bild erkennbar wird. Die Installation „Mandala" von Beat Klein und Hendrijke Kühne indes definiert den Menschen nur durch den ihn umgebenden Kontext in Form von auf dem Boden aufgereihten Werbebildern, die einerseits nur eine graue Fläche bilden, andererseits aber eine vielfarbige Stadt markieren. Frei nach dem Motto: „Alles was uns umgibt ist nur ein Metapher für uns selbst!" Ein Menschenbild muss eben keinen Mensch enthalten, auch die konkrete Abwesenheit kann seine Präsenz erzeugen. Den abschließenden Raum inszeniert Gastkünstler Daniel Gallmann, der seit Jahren ausschließlich zwei Bilder malt: Eine Landschaft und ein Figurenporträt, im stetigen Loop und im schieren, nie endenden Prozess vereint.

So ermöglicht „Menschenbilder" seinen Besuchern einen ambivalenten Blick in den Spiegel, der eine Vielzahl total differierender Rückstrahlungen erzeugt: Mal rein ästhetisch, mal ungefiltert, mal reflektierend, mal schmerzend, mal witzig, mal tiefschwarz, mal kunterbunt, mal wunderschön, mal kaum zu ertragen. Aber stetig aufreibend und sehenswert.

Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau

„Nichts ist langweiliger als sechs gleiche Räume"

Der 1958 in Winterthur geborene Markus Landert arbeitet seit 1982 als Direktor des Kunstmuseum des Kantons Thurgau. Im Gespräch mit thurgaukultur.ch gibt der Kunsthistoriker und Germanist spannende Einblicke in die Konzeption der aktuellen Ausstellung „Menschenbilder".

 

Herr Landert, was waren ihre ersten Arbeitsschritte bei der Umsetzung der Ausstellung?

 

Die Festlegung dieses Themenbegriffs ist der erste Schritt bei der Konzeption einer solchen Ausstellung. Dann suche ich in der Datenbank nach geeigneten Werken, etwa Selbstporträts oder Figurenbilder. Die möglichen Bilder müssen dann in einer möglichst attraktiven Zusammenstellung in die Räume verteilt werden, was eigentlich die größte Herausforderung ist. Konkret heißt dies, dass entlang eines langen Korridors sechs Kleinausstellungen entstehen, die ein Unterthema fassen. Nichts ist langweiliger, als sechs Räume, die in ihrer Anmutung alle gleich sind. Verlangt wird, dass wir in jedem Raum wieder neu überrascht werden.

 

Was ist der Reiz einer Sammlungsausstellung?


Bei Sammlungsausstellungen geht es immer darum, an sich bekannte Werke neu erlebbar zu machen. Die Erfahrung zeigt, dass eine neu gebildete Nachbarschaft von Kunstwerken oft überraschende Seherlebnissen erzeugt. Wer immer nur in kunsthistorischen Kategorien denkt, vergibt sich viele Möglichkeiten einer offenen Auseinandersetzung mit den Werken. Themensetzungen mit offenen Begriffen wie eben „Menschenbilder" kanalisieren die Zusammenstellung und verhindern, dass die Ausstellung zu beliebigen Aneinanderreihungen schöner Kunstwerke werden. Im konkreten Fall sind so gerade mal alle Landschaftsbilder, alle Stillleben, dann die ganze abstrakte und gegenstandslose Kunst weggefallen.

 

Wie haben Sie diese Ideen umgesetzt?


Bei den „Menschenbildern" entwickelt sich so im Korridor ein lockerer historischer Ablauf, der auch die Entwicklung der Kunst vom Ende des vorletzten Jahrhunderts bis heute nachvollziehen lässt, also von der akademischen Malerei bis zum Konzeptkunstwerk von heute. In den Zellen werden einzelne Schwerpunktthemen entwickelt: Selbstporträts im ersten Raum, der gefährdete Mensch im zweiten, Wahrnehmen und Vergessen als menschliche Grundbedingungen im dritten, der Mensch als Konsum- und Selbstdarstellungswesen im vierten sowie intellektuelle und emotionaler Zugriff auf das Menschbild im fünften. Der letzte Raum der „Menschenbilder" kann als Zusammenfassung der ganzen Ausstellung und ihrer philosophischen Fragestellungen gelesen werden. Die Figurenbilder von Daniel Gallmann sind gleichzeitig Menschenbild und deren Verweigerung. Hier, wie in dem der Bilderwand von Gallmann gegenübergestellten Werk von Hans Brühlmann, wird die Frage nach dem Bild existentiell gestellt, wodurch gezeigt wird, dass zeitgenössische Kunst und historische Kunst einen gemeinsamen Kern haben. Dass da dann auch so was wie eine spirituelle Dimension mit in die Ausstellung einfließt ist auch kein Zufall."

 

Wie schwierig war die Selektion?


Die Selektion der Werke ist immer ein lustvoller Entscheid. Es ist immer ein Erlebnis zu sehen, wie plötzlich völlig unerwartet völlig unterschiedliche Werke einen Sinn ergeben. Nicht alles, was als Idee überzeugend ist, wirkt dann im Raum auch als sinnvolle, attraktive Konstellation. Oft ist es auch so, dass es sich mit Worten nur schwer begründen lässt, warum Werke zueinanderpassen. Warum die Videoprojektion „Babette" von Muda Mathis, das Selbstporträt von Ignaz Epper mit der Skulptur von Eva Wipf und den Zeichnungen Theos eine funktionierendes Reizfeld aufspannen, in dem die Frage nach dem Gut und Böse des Menschen unausweichlich wird, kann ich nicht so genau sagen. Aber es funktioniert.

 

Fragen: Jeremias Heppeler

 

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