von Jeremias Heppeler, 27.06.2018

Was geht, HipHop?

Was geht, HipHop?
Immer viel los: Das Open-Air Frauenfeld lockt auch in diesem Jahr wieder mit spektakulärem Line-up. | © Open-Air Frauenfeld

In wenigen Tagen startet mit dem Openair Frauenfeld eine der grössten HipHop-Partys weltweit – doch in der Öffentlichkeit hatte die HipHop-Kultur aufgrund der Antisemitismus-Debatte rund um den Rapper Kollegah zuletzt einige Schrammen abbekommen. Wie also steht es um die deutschsprachige Szene? Der Versuch einer Bestandsaufnahme mit Statements der Thurgauer Rapper Daif, RBD und Ill&Butch! 

Es gibt immer Mal wieder Momente, da generiert unsere durch und durch digitale Medienwelt Debatten, in denen es nur Verlierer zu geben scheint. In denen sich nichts und niemand mit Ruhm bekleckert. Die man als Aussenstehender beinahe hilflos verfolgt, ohne dass auch nur ein Funken der Erkenntnis überschlägt. Die anhaltenden Diskussionen rund um den Echo-Auftritt der Rapper Kollegah und Farid Bang im Allgemeinen und die Zeile "Mein Körper definierter als Auschwitz-Insassen" im Speziellen sind ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Diskurs kaputt geredet, wie im ewigen Strudel aus Artikeln, Tweets, Youtube-Videos und Fernsehbeiträgen des Pudels Kern regelrecht ertränkt wird.
 
Viel interessanterer ist ohnehin, was die Mainstream-Debatte für HipHop bedeutet. Eins vorab: Der Autor dieser Zeilen ist mit HipHop aufgewachsen. Eminems "Marshall Matters LP" war der Erweckungsmoment. Später hörte ich vor allem Deutschrap. Angefangen mit KIZ, über Sido und Bushido, bis Celo und Abdi und Haftbefehl. Gangsterrap. Strassenrap. Alles. Immer! Dazwischen auch mal Kollegah, jener Rapper, der wohl am schlechtesten zu greifen ist, weil er sich allen Definitionen wie eine Forelle entwindet. Wäre Kollegah ein Puzzle, man müsste die einzelnen Stücke mit Gewalt zusammenpressen. Beim selbsternannten Boss weiss man nie so richtig, wo die Kunstfigur anfängt oder aufhört. Dem Erfolg des Rappers tat das freilich keinen Abbruch. Vor allem die Kollabo-Triologie „JBG“ mit Farid Bang sind eine Platin überzogene Geldmaschinerie sondergleichen. Das gründet in einem klaren Konzept: Wenn Boss und Banger gemeinsam ins Studio marschieren, dann werden keine Gefangenen gemacht. Dann werden Mütter gefickt, wie es Farid urtypisch ausdrücken würde.

Schaden angerichtet? Wie steht es um den HipHop nach den aufgeregten Debatten um Farid Bang und Kollegah?
Schaden angerichtet? Wie steht es um den HipHop nach den aufgeregten Debatten um Farid Bang und Kollegah? Bild: Jeremias Heppeler

HipHop basiert auf einem Code-System, einer eigenen Sprache 

Und damit sind wir schon mittendrin in der Diskussion, die nie vollends aufgelöst werden wird. Der Ausdruck "Mutter ficken" wird den ein oder anderen Leser dieses Artikels vor den Kopf stossen. Er ist sexistisch und respektlos, so etwas sagt man nicht. Jeder hiphop-affine Mensch, egal ob Feminist oder selbst Mutter, wird indes nur mit den Schultern zucken. HipHop basiert auf einem Art Code-System, einer eigenen Sprache. Einer Sprache, die sich ständig verändert. Der Sprache der Strasse und der Hinterhöfe. Zuletzt fanden beispielsweise immer mehr arabische Ausdrücke ihren Weg in den HipHop – eine Auswirkung der vielen Geflüchteten, die nun auch in der Szene eine neue Heimat finden. Inshallah, Habibi! Und: HipHop bedeutet Rebellion und Provokation! Wir gegen Sie!Provokation! Sprache wird zur Waffe – als Ersatz für Messer oder Totschläger. Eine gewisse Härte ist entsprechend unabdingbar und sollte über kurz oder lang auch von Aussenstehenden akzeptiert werden. Denn: Diese Sprache ist immanent für diese Kultur. Und HipHop ist mittlerweile die grösste Jugendbewegung der Welt, damit muss man sich abfinden – ihr könnt HipHop und diese Art des Sprechens scheisse finden, aber ihr werdet sie nicht ändern.
 
Dabei steht HipHop im Kern für positive Botschaften. Für Aufsteigergeschichten. Für unfassbare Kreativität. Und für multikulturelles Zusammensein. Das Openair Frauenfeld ist da doch das beste Beispiel –  kaum ein Festival besitzt einen positiveren und friedlicheren Vibe. Doch bevor ich hier in eine flammende Brandrede abdrifte, ziehe ich die Notbremse und lenke den heiss gelaufenen Textkarren direkt auf jene widerwärtige und oben bereits geschriebene Textzeile. Keine Frage: Sie ist Schrott. Ekelhafter, menschenverachtender Vollschrott. Und das sieht auch die gesamte Deutschrap-Szene so. Übrigens: Meiner Meinung nach ist die Zeile, so geschmacklos sie auch sein mag, nicht direkt antisemitisch. Sie basiert auf einem klassischen Wie-Vergleich, jener Teile also, die auch im Battlerap genutzt wird, um die Gegner möglichst kreativ und asozial zu beleidigen. „Dein Gesicht so geschwollen wie Wasserleichen" wäre ein weiteres Beispiel, das sich viel mehr auf den imaginären Gegner konzentriert, als konkrete Menschen zu diffamieren.

Eine treffende Einschätzung hierzu gibt der Frauenfelder Rapper Daif:

„Die betreffende Zeile steht ja im Battlerap-Kontext und da wird gerne provoziert - insofern hat der Text ins Schwarze getroffen. Und Rap ist ebenso eine Kunstform wie die klassischen Künste auch, entsprechend soll auch Kunstfreiheit in einem gewissen Rahmen gelten. Problematisch ist aber klar, dass hier ein übles Thema verharmlost wird. Dass gilt nicht nur für Kollegah und Farid, sondern natürlich auch für populistische Politiker. Immerhin haben die beiden nun ein bisschen Nachhilfe genossen und gingen Auschwitz besuchen.“

«Künstlerische Freiheit hin oder her, die Jungs sind mit dieser Aussage meines Erachtens schon zu weit gegangen.» 

RBD über die Kollegah-Debatte 

Die Frage nach Kunstfreiheit drängt sich auf, läuft aber ins Leere. Wir müssen HipHop spezifisch denken. RBD, der selbst seit 2007 in der Ostschweiz als Rapper aktiv ist, meint dazu: „Künstlerische Freiheit hin oder her, die Jungs sind mit dieser Aussage meines Erachtens schon zu weit gegangen. Man darf die Verantwortung nämlich nicht unterschätzen die man als solch bekannte Persönlichkeit hat.  Jugendliche in diesem Alter sind noch nicht soweit solche Inhalte differenziert zu betrachten und heraus zu hören was ist echt und was nicht. Ich finde vor allem schade das durch die ganze Aktion Rap wieder in ein schlechtes Licht gerückt wird.“

Wenn Mainstream-Medien über Rap berichten, dann von oben herab 

Fest steht in jedem Fall: Kollegah hat seiner Szene einen echten Bärendienst erwiesen! Denn abseits von Feelgood Rappern wie Fanta 4 oder genre-übergreifenden Acts wie Casper, Marteria oder auch Prinz Pi gelten Rapper bis heute als die Schmuddelkinder der Musikszene. „Natürlich werden Leute, die HipHop nicht kennen und nur die Bild-Zeitung lesen, Vorurteile gegenüber unserer Kultur haben. Und so wird das Ganze dann auf den gesamten HipHop gespiegelt: Vorurteile. Vorurteile. Vorurteile.“, erklärt das in Frauenfeld verwurzelte Duo Ill&Butch. Wenn die Mainstream-Medien über Rap berichten, dann geschieht das beinahe immer von oben herab.  Die Intellektuellen blicken in die Gosse, mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Nur ganz wenigen Werken gelang es, diese Mauern zu durchbrechen. Haftbefehls Opus Magnum "Russisch Roulette" etwa, welches einem derart unglaublichen, post-interkulturellen Umgang mit Sprache zur Schau stellte, dass es allerorten für offenstehende Münder sorgte.

Und auch wenn nicht jeder Deutschrapper auf dem Niveau eines Haftbefehls textet, muss spätestens in Zeiten, in denen Bob Dylan mit dem Literartur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, auch HipHop als literarische Stimme der Jugend wahrgenommen werden. 

Wo bleibt der deutschsprachige Kendrick Lamar? 

Schritt für Schritt erkämpfte sich HipHop in den vergangenen Jahren ein gewisses Standing, das nun von der Kollegah-Debatte in Trümmer geschlagen wurde und in Sachen Aussenwahrnehmung zurück in die Steinzeit katapultiert. Der Graben ist wieder grösser geworden und es ist bedauerlich, dass es im Deutschrap wohl keine Figur wie den kürzlich mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Ami-Superstar Kendrick Lamar gibt, der als ehrliches und respektiertes Sprachrohr auftreten kann. So redeten sich vor allem die HipHop-Journalisten die Lippen wund –  allerdings immer nur in ihrem eigenen Inner-Circle. Am Ende stand die Erkenntnis, dass es im Bezug zu HipHop auch 2018 noch zwei parallel geführte Diskussionen gibt: Eine Äussere (Menschen ohne Szenekenntnis beurteilen HipHop oberflächlich, ohne auch nur Minimal am Lack zu kratzen) und eine Innere (die HipHop-Nerds, die jeden Impuls von aussen abblocken). Austausch? Fehlanzeige!

Die Baustellen des deutschsprachigen HipHop 

Wo aber steht HipHop jetzt im Jahr 2018 nach diesem Erdbeben? Ganz ehrlich: HipHop hat sich im letzten Jahrzehnt derart hartnäckig in der Musikwelt verankert, dass selbst eine solche Erschütterung gar nichts ändert. In Zeiten von Streaming und Social Media sind die Rapper eigentlich autark und auf niemanden von Aussen angewiesen.  Trotzdem erscheint es elementar, dass die Szene an sich weiterhin diskutiert und diskutiert wird – ansonsten erfolgt zwangsläufig der Stillstand. Daran anknüpfend hat deutschsprachiger HipHop gegenwärtig genug offene und hoch interessante Baustellen zu beackern. Da wäre in erster Linie der aus Amerika und Frankreich adaptierte Trap-Sound, der zuletzt dazu führte, dass ein Grossteil der Newcomer und neuen Stars der Szene allesamt nach dem gleichen Erfolgsrezept kochen. Und Oldschooler und Kritiker nachhaltig anmerken, dass HipHop gegenwärtig zu einer immer gleich klingenden Suppe verschwimmt. Damit einher geht leider auch eine gewissen Sinn-Entleerung auf Textbasis, die der Rapper Animus zuletzt in einem Freestyle ziemlich prägnant auf den Punkt brauchte: „Wir wollten alle immer Mainstream sein/ Im Club, Radio, Spotify, Playlist sein/ Und jetzt, wo wir das Spotlight bekommen/ Wovon reden wir? Koks, Autos, Fotzen und Bongs“.

«Jeder mit einem Smartphone oder einem Computer kann easy einen einfachen Beat basteln und dazu sein Herz oder seine Wut ausschütten.»

Daif, Rapper 

Das Potential des deutschsprachigen HipHop ist immens. Die Anziehungskraft dieser Kultur geht einher mit einer Faszination der ungezügelten Sprache. Daif bringt das im Gespräch auf den Punkt: „Jeder mit einem Smartphone oder einem Computer kann easy einen einfachen Beat basteln und dazu sein Herz oder seine Wut ausschütten. Dass die Texte eher nihilistisch, dadaistisch oder hedonistisch daherkommen, hat wohl damit zu tun, dass kaum wer mehr daran glaubt, irgendetwas ändern zu können auf dieser Welt.“

Ich bin gespannt darauf, wie sich HipHop entwickelt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir schon bald unseren eigenen Kendrick Lamar bekommen. Dass der Sound wieder vielfältiger und mutiger wird. Und das jede Form von Rassismus und Antisemitismus in Zukunft mit einem Arschtritt aus der Szene verbannt wird.

Termin: Das Open Air Frauenfeld findet in diesem Jahr vom 5. bis 8. Juli statt. Das Festival ist bereits seit Wochen ausverkauft.

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