von Michael Lünstroth, 27.06.2017

Wo ist Heimat?

Wo ist Heimat?
"Die Dinge der Woche" sind der Blog des Thurgaukultur-Redaktionsleiters Michael Lünstroth | © Anja Arning

Kaum ein Begriff wird seit Jahren so strapaziert wie der der Heimat. Aber was ist das eigentlich? Eine Spurensuche zwischen Kopf und Bauch.

Von Michael Lünstroth

Ein Videoclip aus dem Thurgau sorgt gerade für Furore im Netz. Eine Kamera schwebt über Weinfelden, Schlager-Pop-Rhythmen pirschen sich ans Ohr des Hörers und dann taucht von unten ein grauhaariger Mann mit Brille auf und singt über seine Liebe zu Weinfelden und, dass er sich nirgendwo anders vorstellen könnte zu leben. Das klingt dann im Refrain zum Beispiel so: „Wiiiiiiiiiifälde ist für mich der richtige Platz und dort finde ich meinen goldigen Schatz/denn in Wiiiiiiiiifäälde hat mein Herz einen Ankerplatz". Ja gut. Kann man machen Der grauhaarige Mann mit Brille trifft mit seinem Song aber offenbar einen Nerv. Auf YouTube wurde der Clip rund 26.000-mal angesehen, auch auf anderen Videoportalen läuft es ähnlich gut für Dä Brüeder vom Heinz. Im richtigen Leben heisst der Musiker Manfred Fries und freut sich über seinen Überraschungs-Hit.

Es ist ein ganz eigener Beitrag zu einem Megathema unserer Zeit: Heimat. Ständig wird irgendwo darüber gesprochen, dabei ist nicht mal ganz klar, was dieses Ding eigentlich sein soll. Folgt man Debatten dazu, dann bekommt man nicht selten den Eindruck, dass doch jeder etwas anderes darunter versteht. Also: Was ist Heimat? Bezeichnet das Wort den Herkunftsort? Und wenn ja, ist es wirklich nur der Ort oder gilt auch die Region drumherum als Heimat? Oder meint man den aktuellen Wohnort, wenn man von Heimat spricht? Oder ganz anders: Ist es allgemein gesprochen eher ein spiritueller Begriff, losgelöst von jeder Geographie, also ein Wohlfühlort an dem man sich emotional Zuhause fühlt, ohne dass man zwangsläufig jahrelang dort gelebt haben muss? Wen man auch fragt, die Ansichten sind da unterschiedlich. Der weltreisende Hans-Ulrich Obrist beispielsweise hat im Interview mit thurgaukultur.ch beispielsweise den schönen Satz gesagt: „Heimat ist da, wo ich gerade bin". Das spricht für ein eher nüchternes, unromantisches Verständnis des Begriffs.

Etwas mehr Pathos gibt es bei Johann Gottfried Herder. Ihm wird der Spruch zugeschrieben: „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss." Moritz Leuenberger, früherer Schweizer Bundespräsident hatte auch eine eigene Formel für seien Heimatdefintion: Heimat entstehe nicht durch Abgrenzung, „sondern durch Verbundenheit, durch Anteilnahme und durch Mitwirkung."

Heimat hat wenig mit Geographie, viel mit Gefühl zu tun

Was also tun mit diesem vieldeutigen Begriff? Es gibt keine einfache Antwort, jeder wird es für sich definieren, was es ist und was nicht. Für mich zum Beispiel hat Heimat gar nichts mit Herkunft zu tun. Heimat ist für mich ein Ort, in dem ich sein kann, wie ich bin. Ein Ort, an dem mir das Herz schneller schlägt und ich mich lebendig und aufgehoben fühle. Oder vielleicht so: Heimat ist für mich ein Ort, der meiner Seele entspricht. Das klingt jetzt vielleicht esoterisch, ist aber so. Man kann das ja nicht steuern, welche Orte man mag. Das passiert einfach. Ich hätte zum Beispiel auch nicht gedacht, dass ich mich mal in einen Moloch wie Toronto verlieben würde. Ist aber geschehen. Weil diese Stadt in der Zeit als ich dort war mir alles gegeben hat, was ich gebraucht und davor gesucht hatte. Letztlich hat Heimat eben doch sehr sehr viel mit dem persönlichen Seelenzustand zu tun. Vielleicht auch deshalb hat Heimat für mich heute so gut wie nichts mehr mit einem georaphischen Ort zu tun. Heimat ist für mich da, wo meine kleine Familie ist. So lange wir zusammen sind, kann ich mich überall Zuhause fühlen. In Konstanz, Soltau oder Icod de los Vinos.

Man kann sich der Heimat also auf verschiedenen Wegen nähern. Auf Bauchhöhe, wie es Dä Brüeder vom Heinz mit seinem Song Wyfelde tut. Oder auch auf Kopfhöhe, wie es die Künstlerin Sonja Lippuner noch bis Ende dieser Woche in der Remise Weinfelden tut. Die Ausstellung heisst „Paradise Island oder wie wir leben wollen" und nimmt sich des ganzen Heimatkomplexes angenehm anregend an. Wer die Ausstellung gesehen hat, bekommt jedenfalls neue Ansichten und Inspiration frei Haus geliefert.

Ach und nochmal kurz zum Brüeder von Heinz. Es war ja nur eine Frage der Zeit bis sich andere Städte dadurch herausgefordert fühlen würden. In Romanshorn bereiten sie schon einen eigenen Song vor. Die ersten Zeilen hat David Gyolay auf Facebook bereits formuliert: "Romanhorn die Hafestadt am Bodesee isch wunderbar/S Wätter isch im Summer so wie s Wasser, eifach sunneklar/D Läbesqualität isch Top, da weiss mer sogar ohni luege/"dä Brüeder vom Heinz" wott doch sälber da e Wohnig sueche.." 

Herrlich. Damit wäre der Kampf um die wohligste Heimat eröffnet. Wer steigt noch mit ein? 

 

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