01.07.2020

Was sein soll, wird sein

Was sein soll, wird sein
Die Autorin Ariela Sarbacher bleibt trotz Corona-Lockdown nach Erscheinen ihres Debütromans gelassen. | © zVg

Was bedeutet die Corona-Pandemie für AutorInnen? Sie brauchen vor allem Geduld. So wie Ariela Sarbacher. Kurz vor dem Lockdown war ihr Debütroman erschienen. Wie es ihr damit geht, beschreibt sie in diesem Text.

Anfang März erschien mein Debütroman, Der Sommer im Garten meiner Mutter.

Bis zum Sommer und auch darüber hinaus waren Lesungen und Moderationen geplant in Literaturhäusern, Theatern, Buchhandlungen, an Literaturfestivals, die das Erscheinen meines Buches hätten begleiten sollen.

Hätten sollen.

Das Buch wäre präsentiert worden, von Moderatorinnen, ich hätte daraus vorgelesen, wir hätten darüber gesprochen.

Wäre hätte.

An jede dieser Veranstaltungen waren Hoffnungen geknüpft. Die Hoffnung, auf das Buch aufmerksam machen zu können, die Hoffnung, dass darüber berichtet wird, die Hoffnung, dass viele Leute kommen, die Hoffnung, dass es sich gut verkauft, kurz: die Hoffnung auf einen guten Start.

Bis Sommer wenigstens wurden alle Veranstaltungen abgesagt.

Ariela Sarbacher bei ihrer Lesung in Kreuzlingen im vergangenen Jahr. Bild: Bettina Schnerr

Zwischen Enttäuschung und Einsicht

Die Dramaturgin vom Theater Winkelwiese rief mich als Erste an. Ich freute mich, Ihre Stimme zu hören, gleich darauf nahm ich wahr, dass sie brüchig war. Du ahnst was kommt, sagte sie, Nein! rief ich in die Pause, die sie folgen liess . Doch. Stimmt, ich hatte es geahnt und, nein, ich wollte es nicht wahrhaben, dazwischen ein kleiner Abgrund, Enttäuschung. Sie liess mir Zeit, unten anzukommen. Die vielen Vorgespräche, Anrufe, Mails, Verhandlungen, die Vorfreude, die Zusagen derer, die das Fest für mein Buch mit mir gestalten wollten, auch die Freunde, die ich eingeladen hatte, das Publikum — alles das ging mir in Windeseile durch den Kopf. Ich stand auf Sand und sah ihn rieseln, unter mir weg. Das geduldige Doch, gesprochen am anderen Ende der Leitung, war eine Säule, an der ich mich halten musste und die ich gleichzeitig treten wollte. Kindisch, ich weiss.

Als die Leipziger Buchmesse ins Wasser fiel, war ich enttäuscht und erleichtert. Enttäuscht, weil ich mich darauf gefreut hatte, auch auf die Stadt, ich war noch nie in Leipzig.  Enttäuscht, weil ich neugierig auf die Leute war – wen würde ich treffen, kennenlernen – gespannt, was dort mit meinem Buch passieren würde. Ich war erleichtert, weil mir zu diesem Zeitpunkt der Gedanke an die Reise schon Sorge bereitete und auch die Vorstellung, unter viele Menschen zu gehen. Je mehr Leute um mich herum verunsichert waren, ob sie überhaupt reisen sollten, so wie ich, desto mehr zeigte sich, dass etwas ganz und gar nicht mehr stimmte. Zur Buchmesse hatte ich allerdings keinen emotionalen Bezug, sie wäre wichtig gewesen, auf das Buch auch in Deutschland aufmerksam machen zu können, es wäre darum gegangen, dabei zu sein, gesehen zu werden; Enttäuschung und Einsicht hielten sich die Waage.

Video: Gesa Schneider empfiehlt Ariela Sarbacher

Das Buch lebt trotz Corona-Pause

Auf das Literaturhaus Thurgau hatte ich mich sehr gefreut. Es wäre die Fortsetzung des Gespräches gewesen zwischen Judith Zwick und mir, das wir vor Erscheinen des Buches, letztes Jahr in Kreuzlingen, miteinander begonnen hatten. Als die Veranstalterin, Marianne Sax, signalisierte, dass der Abend nicht stattfinden würde, war mir allerdings schon sehr bewusst, dass es mittlerweile um etwas ganz anderes geht und mir nur bleibt, die Situation hinzunehmen, wie sie ist. Ich befürworte die Massnahmen, die ergriffen wurden und sehe den Normalisierungen derzeit mit Vorsicht entgegen.

Dennoch, mein Buch lebt.

Noch vor all den Absagen hatte ich drei Abende hintereinander Gelegenheit, in einem privaten Salon aus meinem Buch zu lesen. Während mein Verleger das Buch auf der Buchmesse Luzern präsentierte, durfte ich an einem erlesenen Ort lesen und erlebte, wie die Geschichte lebendig wurde, meine Worte unmittelbar ankamen, wie das Publikum auf meine Sprache reagierte. Viele der Gäste kauften das Buch hinterher und ich hatte Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Das war zehn Tage vor dem Lockdown. Deshalb hatten die Gastgeber beschlossen, die Lesung auf drei Abende zu verteilen, da einige Gäste schon gezögert hatten, zu kommen. So war das Abstandhalten während und nach der Lesung gewährleistet, auch wenn wir alle noch einigermassen locker damit umgingen.

Mein Buch hatte den Sprung in die Welt geschafft. Im Nachhinein betrachtet, war die Generalprobe eine Premiere unter besonderen Vorzeichen und ich bin heute glücklich darüber.

«Wir sollten aufhören, das Vorher kopieren zu wollen. Es geht nach meinem Dafürhalten jetzt vielmehr darum, die Bedingungen für das gesellschaftliche Leben neu zu gestalten unter dem Eindruck dessen, was wir in den letzten Monaten erlebt haben.»

Ariela Sarbacher, Autorin

Die Absagen betreffen nur das Marketing, nicht mein Buch. Freunde und Bekannte fragen mich, wie es mir gehe und ob es nicht schlimm sei, dass mein Buch nicht die Würdigung erfahre, die es verdiene. Nein. Zuerst einmal, mein Buch wird gewürdigt, gekauft und gelesen. Im Wiener Standard ist eine schöne Rezension erschienen, der Zolliker/Zumiker Bote hat ihm einen ganzseitigen Artikel gewidmet und in der Zeitschrift Brigitte kam die Ankündigung als Tipp. Ich bin sicher, mein Buch macht seinen Weg. Eine andere Form von Auftritt findet gerade statt. Das Schweizer Fernsehen ist zu mir nach Hause gekommen (siehe Video unten), um über den verzögerten Auftritt meines Buches zu berichten, ich wurde beim Schreiben gefilmt und das Buch fand Erwähnung. Gesa Schneider vom Literaturhaus Zürich hat eine ganz besondere Form der Präsentation gefunden, indem sie Ihre Rezension auf den sozialen Netzwerken verbreitete. In wenigen Worten bringt sie präzise auf den Punkt, wovon ich geschrieben habe.

Klar, wäre es schön, es ginge um mein Buch, oder nur um mein Buch – aber das ist nun einmal gerade nicht so! Wir sind in unserem Denken nur allzu sehr daran gewöhnt, unsere Angelegenheiten ausschliesslich behandelt zu sehen — meine Buchpromotion – mein Projekt – Ich. Nun ist es so, dass vieles gerade vom Ausschliesslichen befreit ist und was heisst das denn auch. Da wir die Gefahr des Virus nicht ausschliessen können, ist es ausgeschlossen, irgendwelche Events zu veranstalten.

Video: SRF besucht Ariela Sarbacher und andere KünstlerInnen

Grundlegende Veränderungen stehen uns bevor

Dieses Denken, das immer nur das nächste Ereignis im Fokus hat, müssen wir aufgeben, glaube ich. Die Veränderungen, die uns von jetzt an noch bevorstehen, werden viel grundlegender sein, als das manche, viele, die meisten wahrhaben wollen. Wir sollten aufhören, das Vorher kopieren zu wollen. Nein, es geht nicht ausschliesslich um mein Buch oder um mich, es geht nach meinem Dafürhalten jetzt vielmehr darum, die Bedingungen für das gesellschaftliche Leben neu zu gestalten unter dem Eindruck dessen, was wir in den letzten Monaten erlebt haben. Damit die Dinge von Grund auf neu aufgebaut werden können, müssen sie erst ganz zugrunde gehen, hat ein Freund einmal zu mir gesagt.

Mitunter habe ich die Phantasie, so in etwa könnte es bei einem Flugzeugabsturz in Zeitlupe sein: ich habe genügend Zeit, Dinge zu organisieren, weiss aber nicht, ob sie stattfinden werden, erlebe schöne Überraschungen, die mir Hoffnung machen, trotz allem glimpflich zu landen. Im Grunde genommen ist es das up and down, wie wir es aus dem normalen Alltag kennen. Mit dem Unterschied, dass ich mir der Unwägbarkeiten ganz anders bewusst bin, Unsicherheit ganz anders erlebe und umsichtiger auf die Zukunft schaue. Unter dem Eindruck der ständigen, oft auch schnellen Wechsel der Verhältnisse und Situationen habe ich mir angewöhnt, nicht allzu weit voraus zu denken, stattdessen konzentriere ich mich darauf, Tag für Tag zu arbeiten. Ich schreibe, von Tag zu Tag, ein Tagebuch.

Das erlaubt mir, im Tag zu bleiben und nicht über ihn hinauszugehen. Der Absturz mit meiner Buchpremiere war der Auftakt zu meinem neuen Buch.

Warum das tägliche Gehen zum Schreiben dazu gehört

Mein Alltag, wie ich ihn mir organisiere, um schreiben zu können, hat sich nicht verändert. Doch, er ist intensiver geworden. Ich bin sehr viel alleine, über Stunden, in meinem Raum oder auf einem Spaziergang.  Das tägliche Gehen gehört für mich zum Schreiben, ich nehme nicht den Bus, sondern gehe zu Fuss zu meinem Arbeitsraum. Das sind jedes Mal etwa 40 Minuten.

Woran ich mich gewöhnen muss, das sind zurzeit die längeren Unterbrechungen in der beruflichen Kommunikation. Man verabredet etwas und hört erstmal lange nichts.

Ich habe gelernt darauf zu vertrauen, dass das, was sein soll, auch sein wird.

 

Das Buch

Der Sommer im Garten meiner Mutter

ISBN 978-3-03762-083-0

160 Seiten, gebunden mit Lesebändchen

Bilgerverlag Zürich, 2020

 

 

Der Abend im Literaturhaus Zürich soll am 17. September 2020 nachgeholt werden.

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