von Anabel Roque Rodríguez, 30.01.2020

Wozu brauchen wir heute noch Museen?

Wozu brauchen wir heute noch Museen?
Was wird aus den Museen im digitalen Zeitalter? Eine neue Definition des Internationalen Museumsverband hat jedenfalls viele Museumsmacher aufgeschreckt. | © Canva

Der Internationale Museumsverband (ICOM) hat vor einigen Monaten neu definiert, was Museen eigentlich leisten sollen. Das führte zu erheblichen Irritationen in vielen Museen. Zu Recht?

Museen sind gerade in einer Art Neufindung und müssen ihren Platz, zwischen dem Erhalten von historischem Erbe und dem Wunsch mit ihren Ergebnissen in gesellschaftlichen Diskussionen relevant zu bleiben, finden. Es ist also nicht überraschend, dass der Internationale Museumsverband ICOM nun eine neue Definition für Museen herausgebracht hat, die für viele Diskussionen gesorgt hat.

Ausgehend von diesen Herausforderungen begann die Recherche zu diesem Artikel, mit dem Ziel, Stimmen von Kulturschaffenden an Museen im Thurgau zu sammeln. Herausgekommen sind weit weniger Stimmen als erwartet und die Frage, warum sich Museen mit komplexen Fragen so schwertun.

«Das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen versteht sich ausgehend von seiner Sammlung als Plattform der Auseinandersetzung über Werte.»

Stefanie Hoch, Kuratorin Kunstmuseum Thurgau (Bild: zVg)

Wer zukunftsfähig sein möchte muss auf Veränderungen reagieren, das gilt auch für Museen. Nun leben wir in einer Zeit, die von ständigen Umbrüchen und vermeintlichen Innovationen gekennzeichnet ist. Wie lässt sich also die Institution Museum angesichts dieser Veränderungen zukunftsfähig gestalten?

Wie politisch können und dürfen Museen eigentlich sein?

Kurz: Wie demokratisch, inklusiv und politisch können und dürfen Museen sein? Denn genau diese Fragen stellen sich, wenn man die neue Museumsdefinition liest. Im Sommer 2019 hat der Internationale Verband für Museen ICOM eine neue Definition für Museen herausgebracht und für Diskussionsstoff gesorgt. Die neue Definition lautet:

«Museen sind demokratisierende, inklusive und polyphone Räume für kritischen Dialog über die Vergangenheit und Zukunft. Sie erkennen und sprechen die Konflikte und Herausforderungen der Gegenwart an; bewahren Artefakte und Exemplare treuhänderisch für die Gesellschaft; schützen unterschiedliche Erinnerungen für zukünftige Generationen und gewährleisten gleiche Rechte und gleichen Zugang zu kulturellem Erbe für alle Menschen.

Museen sind nicht gewinnorientiert. Sie sind partizipativ und transparent und arbeiten in aktiver Partnerschaft mit und für diverse Gemeinschaften; sie sammeln, erhalten, erforschen, interpretieren, stellen aus und erweitern das Verständnis der Welt, mit dem Ziel zur Würde des Menschen, sozialer Gerechtigkeit, globaler Gleichheit und dem Wohlbefinden des Planeten beizutragen.» [Anm.: Übersetzung aus dem Englischen durch die Autorin]

Museen - die Kathedralen des Lernens? Bild: Canva

Die alte Museums-Definition stammte aus dem Jahr 1946

Nun muss man für den Kontext verstehen, dass sich die ICOM-Museumsdefinition seit 1946 nicht verändert hat, obwohl Museumsarbeit in der heutigen Gesellschaft mit anderen Herausforderungen konfrontiert ist. Die neue erweiterte Definition von ICOM reflektiert, dass Museen nicht mehr nur zentrale Orte der Bewahrung, Forschung, Vermittlung und des Sammelns sind, die Grundfeste der Museumsarbeit, sondern schlägt eine Brücke zur politischen Arbeit von Museen. Doch noch immer gibt es Stimmen, die glauben Museumsarbeit sei neutral, oder sogar fordern, dass Museen neutral sein müssen.

Können Museen wirklich neutral sein?

Eine wesentliche Arbeit von Museen ist der Bildungsauftrag, also historisches Material mit dem gegenwärtigen Wissen in einen Kontext zu setzen. Historische Aufarbeitung ist ein objektives akademisches Verfahren, aber Fakten kritisch zu interpretieren und falsche Rückschlüsse zu kontextualisieren, kann durchaus politisch sein. Gerade in unserer Zeit, in der Informationen in Übermass existieren und Fake News die Runde machen, zeigt sich, dass ein kritisches Verständnis von Quellen und die Interpretation von diesen wichtig sind.

Wie relevant es ist, Fakten kritisch zu interpretieren, um falsche Annahmen zu vermeiden, wird schnell klar, wenn man die Rolle von Frauen in der (Kunst-)geschichte beleuchtet, in der Männer die Erzählungen prägen. Würde man den historischen Kontext, in dem Frauen gelebt haben nicht kritisch betrachten und darauf verweisen, welche Auswirkungen patriarchale Strukturen bis heute haben, könnte es schnell zur falschen Annahme führen, dass Frauen weniger geleistet hätten. Eine neue Studie über die Repräsentation von Frauen in US-Museen zeigte kürzlich, dass der Geschlechterunterschied in der Kunst noch immer aktuell ist.

Museen müssen sich heute zu gesellschaftlichen Fragen positionieren

In Zeiten, in denen politische Extreme an Popularität gewinnen, wird leider häufig unterschätzt, wie wichtig Erinnerungskultur ist und welche immens politische Aufgabe Museen dabei einnehmen können. Man braucht beispielsweise nur einen Tag lang die Arbeit des Auschwitz Museums in den sozialen Medien zu verfolgen, um zu sehen wie Erinnerungskultur im aktuellen Alltag aussieht und wie digitale Kommunikation in Museen auch funktionieren kann.

Zur aktuellen Debatte an Museen gehört auch die Aufarbeitung der europäischen Kolonialgeschichte und die Ansprüche, die zum Beispiel afrikanische Staaten an die Rückgabe von Kulturgut stellen.

Diese Beispiele zeigen, dass Museen heute mit Diskussionen zu sozialer Verantwortung konfrontiert sind. Die Positionierung zu diesen Fragen wird unweigerlich beeinflussen, wie zukunftsfähig sich Museen aufstellen und wie relevant sie im gesellschaftlichen Diskurs bleiben.

Ausstellungsidylle. Wie lange noch? Bild: Canva

Die grosse Angst, Stellung zu beziehen

Nun mag es dem Stress am Jahresende beziehungsweise Jahresbeginn geschuldet oder eine Vermeidungstaktik sein, um sich in der derzeitigen Diskussion nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, aber anders lassen sich einige Überraschungen im Zuge der Recherche kaum erklären. Es gab zahlreiche Absagen für die Teilnahme an Interviews, so wurde zum Beispiel ein Gespräch mit einem engagierten und mit dem Thema vertrauten Co-Direktor eines Züricher Museums erst von diesem zugesagt und nach dem Wochenende durch die Leitung für Kommunikation plötzlich mit den Worten: «Wie Sie selbst wissen, ist die Diskussion nicht nur sehr spannend, sondern auch komplex und noch in Entwicklung. Daher würden wir davon absehen, uns zu diesem Zeitpunkt dazu zu äussern», abgesagt.

Nun geht es hier nicht darum, jemanden an einen Pranger zu stellen. Museumsleute mögen vielfältige Gründe für die Absage eines Interviews haben. Aber man stellt sich dann doch die Frage, inwiefern Museen Räume für Gedankenexperimente und Diskussionen sein können, wenn Kulturschaffende innerhalb dieser Institutionen bei öffentlichen Äusserungen zögerlich so sind. Aus Angst mit ihren Antworten potenzielle Förderer abzuschrecken oder den Groll der Museumspolitik auf sich zu ziehen. 

Digitalisierung, Transparenz und Vermittlung

Wie sieht Museumsarbeit also heute aus? In einer Stellungnahme des Verbands der Museen der Schweiz VMS und des Museumsbunds ICOM Schweiz wird «Kulturelle Teilhabe (insbesondere die Stärkung der Kulturvermittlung)», «die Entwicklungen Gesellschaftlicher Zusammenhalt» «sowie die Entwicklungen Kreation und Innovation weiterhin als Leitlinien der Kulturförderung des Bundes definiert.» Als einen weiteren Schwerpunkt sieht die Stellungnahme «die Digitalisierung als Schwerpunkt seiner kulturpolitischen Tätigkeit», ein Bereich, mit dem sich Museen nach wie vor schwer tun.

«Die Einzigartigkeit von Museen liegt im Zusammenspiel von Sammeln, Bewahren, Ausstellen und Vermitteln.»

Stefanie Hoch, Kuratorin Kunstmuseum Thurgau

Stefanie Hoch, Kuratorin im Kunstmuseum Thurgau, äussert sich dazu, warum die neue ICOM Definition zwar innovativ klingt, sich aber sich an der Realität von Museen eher reibt: «Der neue Vorschlag des ICOM wird kritisiert und nun ja auch überarbeitet, weil diese Definition nicht mehr von dauerhaften Institutionen, sondern von «spaces for critical dialogue» spricht. Das klingt zunächst zeitgemäss und positiv, aber ebnet den Unterschied zwischen Museen und anderen Kultureinrichtungen ein. Natürlich sind kritischer Dialog, Partizipation und Transparenz heute Schlüsselbegriffe der Museumsarbeit, aber all das können andere Kulturträger auch. Die Einzigartigkeit von Museen liegt im Zusammenspiel von Sammeln, Bewahren, Ausstellen und Vermitteln – wobei die ersten beiden Punkte angestaubt klingen mögen, aber zum Wesenskern und den Alleinstellungsmerkmalen von Museen gehören.

Das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen versteht sich ausgehend von seiner Sammlung als Plattform der Auseinandersetzung über Werte. Materielles und Immaterielles wird in Konstellationen gebracht, die Diskussionsprozesse über Kunst- und Kulturgeschichte in Bezug auf die Gegenwart fördern.

Die Herausforderung für Kunstmuseen im 21. Jahrhundert wird die Veränderung unserer Wahrnehmung durch die Digitalisierung sein – gerade deshalb glaube ich, dass Museen auf die Begegnung mit dem Original setzen sollten»

«Die Vermittlerrolle für Schulen muss konsequent angegangen werden, da wächst das Publikum von morgen heran.»

Richard Tisserand, Kurator Kunstraum Kreuzlingen (Bild: Michael Lünstroth)

Richard Tisserand, Kurator des Kunstraum Kreuzlingen, sieht die Aufgaben von Museen als Orte des Bewahrens und im Netzwerk mit anderen Institutionen: «Museen basieren meistens auf einer ‘Grundsammlung’ - Verwalten oder bringen sie in einen neuen Kontext durch Ausstellungen. Sie haben einen Auftrag vom Kanton oder einer Stiftung. Zur Aufgabe des Kunstraums gehört die Vermittlung von noch nicht musealer Kunst; speziell im Tiefparterre gibt es neue Projekte aus der Forschungsbereich der Medienkunst zu entdecken.

Die Kunsträume und Off Spaces haben eine zentrale Rolle in der Entdeckung junger Kunst. Die Rolle von Galerien hat sich mit der Marktentwicklung verändert, sie haben sich eigentlich ‘verabschiedet’.» Auf die grösste Herausforderung angesprochen, antwortet er: «Die Vermittlerrolle für Schulen muss konsequent angegangen werden, da wächst das Publikum von morgen heran.»

Museen als Standortfaktoren für Städte und Gemeinden

Claudia Thom von der Stadtverwaltung Kreuzlingen im Bereich Kultur und Gesellschaft definiert Museen als «eine gemeinnützige, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt.»

Als wichtige Aufgabe von Museumsarbeit unterstreicht sie den gemeinschaftlichen und verbindenden Charakter von Kultur «Kulturelle Teilhabe kann eine Gemeinschaft stärken. Sie kann zudem als verbindendes Element zwischen verschiedenen Kulturen dienen. Kultur kann in einer Zeit der ortsunabhängigen Arbeit als Standortfaktor zunehmend an Bedeutung gewinnen. Museen tragen in ihrer Einzigartigkeit und Qualität zur Identität und Attraktivität einer Stadt, eines Landes bei. Durch den Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft können sie das Bewusstsein einer Gesellschaft schärfen.»

 

«Museen tragen in ihrer Einzigartigkeit und Qualität zur Identität und Attraktivität einer Stadt, eines Landes bei.»

Claudia Thom, Stadtverwaltung Kreuzlingen

Als Herausforderungen für Museen in der heutigen Zeit sieht sie vor allem: «Um alle Besuchersegmente auch in Zukunft zu erreichen, bedarf es zur klassischen auch neue Formen der Kommunikation, sowie der interaktiven Vermittlung und Teilhabe. In Ergänzung zu realen Ausstellungsräumen werden wohl auch zunehmend virtuelle Welten Einzug halten. Je nachdem, dies hängt von den aktuellen Trends und Werten unserer Gesellschaft ab.»

Die neue ICOM Definition hat längst überfällige Diskussionen entfacht und die Antworten, die Institutionen darauf finden, werden zeigen, wie Museen in der Zukunft arbeiten werden und wie viel Raum für Innovation im einstigen Tempel der Musen wirklich ist.

«Die Herausforderung für Kunstmuseen im 21. Jahrhundert wird die Veränderung unserer Wahrnehmung durch die Digitalisierung sein – gerade deshalb glaube ich, dass Museen auf die Begegnung mit dem Original setzen sollten.»

Stefanie Hoch, Kuratorin Kunstmuseum Thurgau

 



 
 
 

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